Buchcover: "Das Abendessen" von César Aira

"Das Abendessen" von César Aira

Stand: 24.06.2022, 07:00 Uhr

Ein Ich-Erzähler ist so namenlos wie die Untoten, die seine Kleinstadt angreifen. César Aira verbindet im Roman "Das Abendessen" skurril das Porträt eines gescheiterten Mannes mit dem Szenario eines Splattermovies. Eine Rezension von Tobias Wenzel.

César Airas: Das Abendessen
Aus dem Spanischen von Christian Hansen
Matthes & Seitz, 2022.
127 Seiten, 18 Euro.

"Das Abendessen" von César Aira

Lesestoff – neue Bücher 24.06.2022 05:17 Min. Verfügbar bis 24.06.2023 WDR Online Von Tobias Wenzel


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Namen ohne Gesichter

"Ich hörte die Namen fallen, wie man es regnen hört […]"

In Coronel Pringles, César Airas argentinischer Geburtsstadt, ist der namenlose Ich-Erzähler mit seiner Mutter bei einem Freund zum Abendessen eingeladen. Mutter und Freund reden angeregt über andere Bewohner von Pringles. Aber der Ich-Erzähler verbindet mit den Namen keine Gesichter:

"Ein Name zog den anderen nach sich, was einer altbewährten Praxis folgte, da sich die örtliche Bevölkerung ihre gesamte intellektuelle und sentimentale Erziehung dadurch erwarb, dass die einen von den anderen sprachen, und ohne Namen wäre das schwierig gewesen."

Die Toten erwachen

Der Ich-Erzähler fühlt sich einmal mehr als Versager. Denn mit knapp sechzig ist er bankrott und arbeitslos und lebt bei seiner Mutter. So lässt César Aira seinen schrägen Roman "Das Abendessen" beginnen.

Wieder in der Wohnung seiner Mutter sieht der Ich-Erzähler ein Reality-Format live im Lokalsender: Eine Journalistin fährt auf einem Motorrad zum Friedhof von Pringles. Dort bestätigen sich die Gerüchte:

"Die Deckplatten der Grabnischen zersprangen und fielen krachend zu Boden. Betonkreuze und Stuckengel, durch die Wucht aufbrechender Krypten emporgerissen, flogen durch die Luft. Das Getöse dieser Zerstörung war noch nicht verklungen, als sich aus dem Schutt, man könnte fast sagen aus der Erde selbst, ein Chor des Seufzens und Stöhnens erhob, den ein elektronischer, nicht menschlicher Hall umflorte."

Ohne Endorphine

Als Leser wähnt man sich in einem Splatterfilm: Die Untoten beißen die Schädel der Kleinstadtbewohner auf und saugen Endorphine aus ihren Hirnen. Einige scheinen die Saugattacke der Zombies zu überleben. Allerdings verändert sich – ein origineller Einfall des Autors – ihr Charakter: Ohne Endorphine werden sie sachlich und kritisch.

Das bekommt der Bürgermeister zu spüren, der sich in einer der komischsten Szenen vor den Zombies in einem Schrank versteckt. Ausgerechnet da klingelt sein Handy. Der Anrufer, dem schon die Endorphine ausgesaugt wurden, teilt dem Bürgermeister mit, er werde dessen zweite Amtszeit nicht unterstützen:

"Also verdankte sich seine lange Amtszeit nicht seinem Geschick als Gremien-Kapitän, seinem Charisma und seinen Beziehungen, sondern dem Glücksgefühl seiner Wähler? Ein schlechter Moment für diese Erkenntnis. Die Schranktür hatte sich bereits geöffnet, und eine zugleich unmenschliche und menschliche, schwarz in schwarz sich abzeichnende Silhouette beugte sich über ihn. Vor seinem geistigen Auge zogen in Sekundenschnelle wie im Zeitraffer sämtliche öffentlichen Bauten und Infrastrukturmaßnahmen vorbei, die Pringles ihm verdankte."

Lange Erzählung statt Kurzroman

Der Sieg der Kleinstadt über die Hirnsauger gelingt nicht durch Waffen, sondern – da freut sich der Semiotiker – durch das Aussprechen ihrer Namen.

Abgesehen von etlichen falschen Konjunktiven hat Christian Hansen den Text hervorragend übersetzt. Die Lektüre bleibt aber etwas unbefriedigend. Nicht nur, weil sich die Invasion der Untoten banal als Traum des Ich-Erzählers erweist. Auch, weil man sich am Ende des Textes fragt: Das soll jetzt alles gewesen sein?

Vielleicht sollte man auch eher von einer langen Erzählung als von einem Kurzroman sprechen. Denn die Figuren sind nicht wirklich ausgearbeitet, bleiben blass. Das ist allerdings insofern für den Ich-Erzähler schlüssig, als er namenlos bleibt. So wenig Aira im Großen und Ganzen überzeugen kann, so sehr amüsiert und brilliert er im Kleinen durch skurrile Ideen und Abschweifungen.

Täuschungsmanöver und Kakteen

Etwa, wenn es um den Besuch des erfolgreichen Freundes bei seinen neapolitanischen Verwandten geht. Die schämen sich für ihre Krankheiten und verheimlichen ihm deshalb die Operation einer Tante, indem sie ihn währenddessen zu einer Kakteenausstellung fahren.

"Die Kinder, darauf gedrillt, die Täuschung perfekt zu machen, schwatzten während der gesamten Fahrt mit aufgesetzter Begeisterung über Kakteen, als erfüllten sich mit dem Besuch der Ausstellung ihre sehnlichsten Wünsche. Er, der selbstverständlich kein besonderes Interesse an Kakteen hatte, konnte sich die ganze Zeit des Gedankens nicht erwehren, in eine Mafia-Aktion verwickelt zu sein, bei der es einen Haufen Tote geben würde."