Buchcover: "Iglhaut" von Katharina Adler

"Iglhaut" von Katharina Adler

Stand: 10.05.2022, 07:00 Uhr

Katharina Adler erzählt in ihrem zweiten Roman von einer eigenwilligen Münchner Schreinerin. Die stachelig selbstbewusste Iglhaut ist der Mittelpunkt einer prekären Hausgemeinschaft, die in dem beschwingten Buch hell leuchtet.
Eine Rezension von Holger Heimann.

Katharina Adler: Iglhaut
Rowohlt Verlag, 2022.
288 Seiten, 22 Euro.

"Iglhaut" von Katharina Adler

Lesestoff – neue Bücher 10.05.2022 05:26 Min. Verfügbar bis 10.05.2023 WDR Online Von Holger Heimann


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Recherche im eigenen Haus

Im Dachgeschoss eines Münchner Mietshauses wohnt eine Schriftstellerin, die händeringend nach einem Stoff für ihren zweiten Roman sucht. In ihrer Not beschließt die Frau, über die Bewohner ihres Hauses zu schreiben, mit denen sie sonst nichts zu tun haben will.

Sie beobachtet, recherchiert, horcht die anderen aus, um schließlich entnervt aufzugeben: "Das Leben hier ergab einfach nichts", denkt sie, packt ihre Sachen und flüchtet nach Berlin.

Bodenständig und zugleich beschwingt

Die angestrengte und anstrengende Autorin, die durch ihre Schreibblockade nicht sympathischer wird, ist nur eine Nebenfigur im neuen, zweiten Roman von Katharina Adler. Aber ihr Nachdenken darüber, ob ein ganz und gar gewöhnlicher Alltag als Stoff für eine Geschichte taugt, ist zentral. Denn worüber sie nicht erzählen kann und mag, weil es angeblich nichts hergibt, darüber hat Katharina Adler einen herrlichen Roman geschrieben, der bodenständig bleibt und zugleich beschwingt daherkommt.

Es ist ein humorvolles Buch, das sich, wie sie selbst sagt, „nicht abwendet von den Problemen dieser Zeit“. Während die Schriftstellerin im Roman scheitert, findet Katharina Adler ihren Stoff gerade im Unspektakulären.

"Ich habe mir gedacht, dass es so eine Art Poetologie ex negativo ist: Was ergibt eine Geschichte? Und was ergibt keine Geschichte? Wer ist es wert, erzählt zu werden und wer ist es nicht wert, erzählt zu werden? Und mir war es ganz wichtig zu sagen, diese Figuren sind es wert erzählt zu werden."

Mehr als eine triste Notstandsgemeinschaft

Die Menschen, von denen Katharina Adler erzählt, sind Durchschnittstypen mit zu wenig Geld und ohne soziales Prestige, die eher selten Romane bevölkern. Da ist Uli, der gern Kreuzworträtsel löst und so eine Reise nach Ägypten gewinnt, die er aber nicht antritt, weil er am liebsten zu Hause sitzt. Valeria ist Kassiererin im Supermarkt und lebt mit ihrer Tochter in einer viel zu kleinen Ein-Zimmer-Wohnung, die sie nur allzu gern verlassen würde.

Der Zenker und die Zenkerin streiten fast jeden Tag lautstark, bis die Frau den Mann, der sie immer wieder bedroht, aus der gemeinsamen Wohnung wirft. Viele der Hausbewohner sind in teils problematische Beziehungen verstrickt und doch wirken sie nicht wie eine triste Notstandsgemeinschaft.   

"Mir ging es darum, Figuren in ihrer Alltäglichkeit zu zeigen. Mir war ganz wichtig, nichts schön zu färben. Und gleichzeitig wollte ich meine Figuren erhöhen, also ihnen einen gewissen Glanz verleihen, auch in ihren Unzulänglichkeiten."

Eine warmherzige Einzelgängerin

Die größte Strahlkraft entwickelt die starke stachlige Iglhaut, eine mittvierzigjährige Schreinerin, die im Hinterhaus ihre Werkstatt hat. Sie ist das Zentrum des Romans und der Mittelpunkt der Hausgemeinschaft. An ihrer Werkstatt muss jeder vorbei und die meisten bleiben für einen kurzen Plausch stehen.

Denn die Iglhaut ist zwar gern für sich und liebt ihre Unabhängigkeit, aber zugleich hat sie für alle ein offenes Ohr. Sie ist eine nach außen hin schroffe, aber im Kern warmherzige Einzelgängerin mit einem ausgeprägten Sensorium für ihre Umgebung und einem weit ausschwingenden Gefühlsleben.

"An guten Tagen brachte eine Iglhaut etwas Widerständiges, ja Rebellisches mit sich. An schlechten fühlte sie sich darunter, als sei ihr tatsächlich ein Stachel ausgerissen worden. Und in ganz, ganz dunklen Stunden kehrte sich die Sache um: Bei unbegründeten Reklamationen gab sie noch Rabatt, fing einmal sogar an, entschuldigend zu lächeln, als einer nicht glauben wollte, dass in der Holzwerkstatt Iglhaut eine Frau der Meister war."

Die Schönheit des Unspektakulären

Katharina Adler folgt dem Leben der Hausgemeinschaft im Rhythmus eines Jahres. Zu Beginn ist es Winter und Iglhaut reist als unfreiwillige Nutznießerin des Kreuzworträtsel-Hauptgewinns nach Ägypten in den Sommer. Dem sich anbahnenden Herbst am Ende und damit einer gewissen Mattigkeit gehören nur noch wenige Seiten. Dazwischen liegen ein Frühlingserwachen, eine Sommerliebe und ein Sommerfest. Die unterschiedlichen Farben und Stimmungen eines Jahres finden sich im Buch wieder, doch keineswegs als unvorhersehbares Auf und Ab.

Der Roman lebt gerade nicht von spektakulären Entwicklungen und Wendungen. Die Menschen, die unverstellt und lebensnah in ihrem Alltag gezeigt werden, sind am Ende keine anderen geworden. Aber gerade das macht die Qualität des Buches aus. Mit stilistischer Eleganz und erzählerischem Esprit fängt Katharina Adler die Schönheit des Unspektakulären ein. Sie wirft ein warmes Schlaglicht auf ganz gewöhnliche Leben und bringt sie alle zum Leuchten.