Chimamanda Ngozi Adichie - Trauer ist das Glück, geliebt zu haben

Buchcover: Chimamanda Ngozi Adichie - Trauer ist das Glück, geliebt zu haben

Chimamanda Ngozi Adichie - Trauer ist das Glück, geliebt zu haben

Von Hannah Rau

Chimamanda Ngozi Adichies schreibt von der Trauer über den Tod ihres Vaters, die sich als Wut Bahn bricht. Ein selbsttherapeutischer Text, der in Zeiten der Pandemie politische Dimension erlangt.

Chimamanda Ngozi Adichie: Trauer ist das Glück, geliebt zu haben
Ins Deutsche übertragen von Anette Grube.
Fischer Verlag, München 2021.
80 Seiten, 16 Euro.

Chimamanda Ngozi Adichie: "Trauer ist das Glück, geliebt zu haben"

WDR 3 Buchkritik 28.09.2021 04:35 Min. Verfügbar bis 28.09.2022 WDR 3


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Trauerrede und Selbsttherapie

Als Chimamanda Ngozi Adichies Vater stirbt, ist die berühmte Schriftstellerin in den USA. Gefangen, kann man sagen. Denn es ist Juni 2020 und die Corona-Pandemie bestimmt den internationalen Reiseverkehr, die nigerianischen Flughäfen sind geschlossen. Das letzte Mal, als sie den Vater sah, tat sie das auf Zoom. Das virtuelle Familientreffen liegt nur drei Tage zurück. Hier setzt Adichie ihr Klagelied an. Der schmale Band ist beides: Trauerrede und Selbsttherapie. Ein Text, in dem die Ikone des Feminismus ganz Tochter ist. So sehr, dass sie ihren Vater James Nwoye Adichie völlig kritiklos einen Patriarchen nennen kann.

"In der Mittelschule gingen meine Freundinnen und ich einmal zu unserem schüchternen neuen Mathematiklehrer, Mr. O., und er blickte nur kurz auf das heikle Problem und sagte hastig, dass er sein vierstelliges Tafelwerk holen müsse, obwohl das Problem es nicht erforderte. Wir verließen sein Büro und brüllten vor Lachen mit dem boshaften Vergnügen von Teenagern. Ich erzählte es meinem Vater und erwartete, dass er auch lachte. Aber das tat er nicht. »Der Mann ist kein guter Lehrer, nicht weil er nicht weiß, wie das Problem zu lösen ist, sondern weil er nicht zugegeben hat, dass er es nicht weiß."

Mit dem Schmerz umgehen

Adichie erinnert an einen Mann, der als erster Statistikprofessor von Nigeria Karriere machte,  dabei bescheiden blieb und seinen sechs Kindern Demut lehrte. In ihren Anekdoten schwingt Bewunderung mit, beinahe Verehrung. Neben den eruptiven Schilderungen der Trauer wirkt das seltsam offiziell. Seine eigentliche Stärke entfaltet der Text in dem Versuch, Herrin über den eigenen Schmerz zu werden und den verpassten Abschied zu verarbeiten.

"Ich wusste nicht, dass wir mit unseren Muskeln weinen. Der Schmerz ist keine Überraschung, aber seine Körperlichkeit ist es, meine Zunge schmeckt unerträglich bitter, als hätte ich etwas Widerliches gegessen und vergessen, mir die Zähne zu putzen, auf meiner Brust lastet ein schweres, schreckliches Gewicht, und in meinem Inneren fühlt es sich an, als löse sich mein Körper auf. Mein Herz – mein physisches Herz, nicht in übertragenem Sinn hier – rennt vor mir davon, schlägt zu schnell, sein Rhythmus hadert mit meinem eigenen."

Wenn die Sprache versagt

Für eine Schriftstellerin, die von sich behauptet, über alles zu schreiben, was ihr widerfahre, erscheint es nur folgerichtig, auf den Tod des geliebten Vaters mit einem Text zu reagieren. Doch beim Thema Trauer sieht Adichie die Sprache versagen. Fast scheint ihr, als ob der Tod erst wahr würde, wenn man ihn ausspräche.

Im englischen Original heißt das Buch "Notes on Grief", was sich nüchterner liest als der Titel der deutschen Ausgabe. Die behilft sich mit einem leicht abgewandelten Zitat der Autorin aus einem früheren Roman. Doch von der Versöhnlichkeit, die in "Trauer ist das Glück, geliebt zu haben" mitschwingt, ist in Adichies Text wenig zu spüren.

Wenn ihre Geschwister Angehörige über den Tod des Vaters informieren, erfüllt das die Autorin mit Wut. Sie will sich nicht beschwichtigen lassen von den herkömmlichen Abschiedsritualen oder der Organisation der Beerdigung. Mit Beileidsbekundungen aller Art geht sie hart ins Gericht.

"Es ist geschehen, also feiere sein Leben«, schrieb ein alter Freund, und es erboste mich. Wie banal ist es doch, über die Endgültigkeit des Todes zu predigen, da doch ebendiese Endgültigkeit des Todes die Quelle der Qualen ist. Angesichts der Worte, die ich zuvor zu trauernden Freunden sagte, zucke ich jetzt zusammen."

Während der Pandemie sterben

Adichie hadert nicht nur mit den Floskeln, sie hadert auch mit ihrem Heimatland. Die mangelnden Informationen der nigerianischen Regierung über die Einreisemöglichkeiten erfährt sie als Feindseligkeit.

So muss es vielen ergangen sein, die in den letzten eineinhalb Jahren einen Menschen verloren haben. Eheleuten, die ihren pflegebedürftigen Partner nicht mehr im Heim besuchen durften. Müttern, deren Föten ausgeschabt wurden, ohne dass die Väter bei ihnen waren. Kindern, die ihre Eltern nicht ins Krankenhaus begleiten konnten, als sie an Covid erkrankten. Die sie noch nicht einmal berühren durften, als das Virus sie schon dahingerafft hatte.

Nichts ist unmenschlicher in der Pandemie als das Sterben. Das gilt nicht minder für die Angehörigen. All das schwingt beim Lesen mit, wenn Adichie sehr offen, sehr persönlich ihre Trauer zunächst auskotzt, dann reflektiert. Darin liegt die über ihre erzählte Geschichte hinausragende Qualität des Buches.

Stand: 27.09.2021, 16:57