Gabriela Adameșteanu - Das Provisorium der Liebe

Buchcover: Gabriela Adameșteanu - Das Provisorium der Liebe

Gabriela Adameșteanu - Das Provisorium der Liebe

Von Simone Hamm

Von heimlichen Treffen in einem kalten Land, in dem jeder und jede überwacht wird, vom "Provisorium der Liebe", erzählt die rumänische Schriftstellerin Gabriela Adamesteanu.

Gabriela Adameșteanu: Das Provisorium der Liebe
Aus dem Rumänischen von Eva Ruth Wemme.
Aufbau Verlag, Berlin 2021.
480 Seiten, 26 Euro.

Gabriela Adameșteanu: "Das Provisorium der Liebe"

WDR 3 Buchkritik 23.06.2021 05:43 Min. Verfügbar bis 23.06.2022 WDR 3


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Heimliche Rendezvous

Bukarest in den siebziger Jahren: Eine verheiratete Frau trifft sich mit ihrem Liebhaber in der Wohnung eines Freundes. Ein paar heimliche Stunden lang lieben sie sich, rauchen, trinken. Mehr ist es nicht, mehr wird es nicht, es bleibt ein Provisorium. Die Unterhaltungen, die Sorin und Letitia während ihrer wöchentlichen Rendezvous führen, haben mit Eros oder gar Liebe wenig zu tun. Sorin doziert über Politik und über die Zustände in Rumänien.

So beginnt Gabriela Adamnesteanus  Roman: "Das Provisorium der Liebe".

Beim Schreiben nicht lügen

Ein Provisorium ist nicht nur die Beziehung der beiden. Ein Provisorium sind Leben und Arbeiten in Bukarest. Niemand weiß, wie und was Nicolae Ceausescu morgen entscheiden wird. Und so versuchen alle, ihrerseits keine Entscheidungen zu treffen.

Gabriela Adameșteanu hat der Figur der Letitia viel von sich selbst mitgegeben. Letitia schreibt keine huldigenden Artikel, arbeitet nicht mit dem berüchtigten Geheimdienst Securitate zusammen wie andere aus dem "Gebäude". Auch Gabriela Adameșteanu war keine Mitläuferin. Ihre minimaistische Devise, so sagt sie, sei gewesen, beim Schreiben nie zu lügen.

"Das Gebäude"

Die eher unpolitische Schriftstellerin Letitia  und der karrieristische Verlagslektor Sorin haben denselben Arbeitsplatz "Das Gebäude". Und dieser Name klingt nicht nur zufällig kafkaesk.

"Wenn es Nacht wird, schein das Gebäude, genau wie in der Morgendämmerung , mehr Vertrauen in seine Macht zu erwecken…Der kühle Nachtwind bereinigt die Aufregung im Inneren, die unendlichen Sitzungen, die in den Büros zusammengepferchten Menschen, den Rauch der billigen Zigaretten, den Kaffee, das heimliche Schachspiel, die endlosen Unterredungen, das Gluckern des Wassers in den Klosetts."

Hier arbeiten Intellektuelle, die Texte verfassen sollen. Welche Texte genau das sind, bleibt nebulös. Dann erhalten sie einen großen Auftrag: Sie sollen "das vollständige Traktat der Sozialistischen Republik Rumäniens" schreiben. Es wird eingestampft werden. Die Arbeit ist sinnlos gewesen. Etliche, die daran mitgeschrieben haben, werden entlassen.

Ein Rumänien im Kleinen

Die Angestellten streiten miteinander, schmeicheln einander, beobachten sich, bespitzeln sich, hintergehen sich. Sie steigen in der Hierarchie auf, sie werden verbannt. Sie ducken sich weg. Sie versuchen, Zeichen zu erkennen und zu deuten. Sie sind gelähmt vor Angst.

"Das Gebäude" ist ein Rumänien im Kleinen. Wichtiger als gute Arbeit und Leistung ist eine blütenreine politische Akte. Letitias Großvater gehörte zu einer faschistischen Garde, Sorin kennt seinen wahren Vater nicht und fürchtet, der sei ein Kriegsverbrecher. Seine Mutter, deren Vater Faschist gewesen ist, kam ins Gefängnis, wurde vergewaltigt, starb.

Und über allen wacht die Securitate, der grausame Geheimdienst, der stets besser Bescheid weiß als die Betroffen.

Lebendige Figuren und Geschichten

Anhand der Geschichte der beiden Hauptpersonen zeichnet Gabriela Adameșteanu die Geschichte Rumäniens nach - mit vielen Fußnoten, akribisch genau. Dass ihr Roman dennoch kein Thesenroman wird, verdankt er der Sprachkunst der Autorin den kleinen Nuancen, die sie zu setzen versteht, der Virtuosität mit der sie durch die Jahrzehnte saust - und für die deutschen Leser und Leserinnen der herausragenden Übersetzung von Eva Ruth Wemme.

In einem kalten, unwirtlichen Land sind die Figuren Gabriela Adamesteanus höchst lebendig. Und auch deren Geschichte. Wenn sie die Schicksale der gemarterten Soldaten, der gequälten Opfer der Säuberungen, die unendliche Langeweile der Liebenden im sozialistischen Rumänien schildert, ihre Sehnsucht nach Reisen, die allenfalls ein französisches Parfum etwas lindern kann, wirkt das stärker als jede akribische Fußnote über Politbüromitglieder.

Die Stabilität des Provisoriums

Gekonnt wechselt Gabriela Adameșteanu die Autorenperspektive, zitiert Auszüge aus Letitias Tagebuch, wird wieder zur allwissenden Erzählerin.

"Die kalte Luft draußen zog durch den überalterten Rahmen der gefrorenen Fenster. Der Kitt, der sie abdichten sollte, war spröde geworden und an manchen Stellen abgefallen: die Gleichgültigkeit der Paare, die ihr Nest nicht mehr pflegen, weil sie nicht wissen, wie lange sie noch zusammen sein werden."

Das Liebesnest, in dem Letitia und Sorin sich einmal in der Woche treffen, das Provisorium, ist dennoch irgendwie stabiler als "das Gebäude". So mancher muss es verlassen, nachdem er denunziert worden ist.

Zuflucht im Schreiben

Es gibt keinen Fortschritt, überhaupt keine Bewegung im Rumänien der 70ger Jahre, in der Beziehung von Letitia und Sorin.

"Dafür hätte er seine Akte verbessern müssen, und sei es durch eine gute Heirat, so schoß es ihm manchmal durch den Kopf. Aber er borgte sich wieder den Schlüssel von Freund Florinel für die Treffen mit Letitia, obwohl er schon wusste, dass ihre Beziehung nie über diese vier Wände herauskommen würde."

Im Schreiben findet Letitia Zuflucht. So wird auch Gabriela Adameșteanu Zuflucht gefunden haben wird in den siebziger Jahren. Und das ist der Grund, warum ihr Roman trotz aller Schrecken nicht in Düsternis und Verzweiflung abgleitet. Mit der unpolitischen Letitia, die ihren Manuskripte unterm Bett versteckt, hat sie eine sehr mutige Frau geschaffen.

Stand: 21.06.2021, 12:59