André Aciman - Fünf Lieben lang

André Aciman - Fünf Lieben lang

André Aciman - Fünf Lieben lang

Von Mareike Ilsemann

Liebe unterläuft jede Zuordnung – Andre Aciman fasst das Begehren in einem offenen Roman.

André Aciman
Fünf Lieben lang

Aus dem amerikanischen Englisch von Christiane Buchner,
unter Mitarbeit von Matthias Teiting
Dtv, München 2019
352 Seiten
22 Euro

André Aciman: "Fünf Lieben lang"

WDR 3 Buchrezension 05.11.2019 05:51 Min. Verfügbar bis 04.11.2020 WDR 3

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Zeuge eines Initiationsereignisses

"Erste Liebe" heißt das erste Kapitel des Romans "Fünf Lieben lang". Folglich wird der Leser darin Zeuge eines Initiationsereignisses. Paul kehrt als Student auf jene italienische Insel zurück, auf der er mit seinen Eltern die Sommer seiner Kindheit und Adoleszenz verbracht hat. In einem letzten Sommer war er dort Nanni, dem Tischler des Dorfes begegnet. Instinktiv hatte er heimlich Nannis Nähe gesucht. Bei der gemeinsamen Arbeit in der Werkstatt folgt Paul jeder Bewegung von Nannis Körper, wie dieser zum Bespiel mit langen gleichmäßigen Bewegungen einen Bilderrahmen beizt. Liebe und Verlangen ergreifen ihn, als der ältere Mann ihm Leinöl aus dem Gesicht tupft:

"Es war wunderschön, wie er mein Gesicht berührte, um mein Gesicht besorgt war; aus der Geste dieses Mannes sprach so viel Freundlichkeit und Freundschaft. Er sollte wissen, dass ich ihm vertraute, allem vertraute, dass es mir nichts ausmachte, wenn er mir mit seiner Spucke noch einmal ins Gesicht tupfte, weil es mir eben nichts ausmachte, gar nicht, es wäre nämlich mein Fehler, wenn es brannte, nicht seiner, niemals seiner. Als er mir zu Schluss die Wange tätschelte, schmiegte ich sie unwillkürlich in seine Hand, lehnte mich an. Aber unauffällig. So dass er nichts merkte."

Die Natur des Begehrens selbst

Kriegen sie sich oder kriegen sie sich nicht? Ist das Begehren beidseitig, oder spielt sich alles nur in Pauls Kopf ab? André Aciman spielt hier mit dem dramaturgischen Muster der Romanze, aber es geht um mehr: um den Urzustand und die Natur des Begehrens selbst. Als der Junge sich kurze Zeit später allein in der freien Natur die Klamotten vom Leib reißt, weiß er nichts mit dem brennenden Körper und schreiendem Herzen anzufangen, hat keine Worte:

"Of course this cannot happen in today’s world, because the kids have watched everything in the internet, he does not know anything about sexuality forget about gay sexuality, he does not know anything, and I wanted that condition because I wanted to examine, excavate what we feel before we have the knowledge of what we should feel or are feeling,

Heute ist das undenkbar, die Kids haben schon alles im Internet gesehen. Paul aber hat keine Ahnung von Sexualität, geschweige denn von schwuler Sexualität. Aber genau diesen Zustand wollte ich herausarbeiten – was fühlen wir eigentlich, bevor wir wissen, was wir fühlen sollen oder tatsächlich fühlen."

Was Paul sieht

André Aciman

André Aciman

Was man fühlt, wenn man die eigene Freundin durch die Fensterscheiben des gemeinsamen Lieblingsitalieners beim Tete a tete mit einem anderen Mann erblickt, führt Aciman im zweiten Kapitel seines Romans vor. Paul ist erwachsen geworden und der lebt nun in New York mit einer Frau namens Maud zusammen. Was Paul sieht, löst eine Gedankenflut aus:

"Ihre rechte Hand liegt auf dem Tisch, spielt mit dem Salzstreuer, tut nichts, wartet. Die Geste kenne ich. Er soll ihre Hand berühren. Sie reden, verschlingen sich aber dabei mit Blicken. Die schlafen doch miteinander, verdammt!"

Ein Meister der Innenschau

Den Tag über wandert Paul durch Manhattan und versucht, mit dem Verdacht umzugehen. Wie lange sich die beiden Turteltäubchen wohl schon kennen, und wie hat sie es geschafft, die Geschichte vor ihm zu verbergen? André Aciman erweist sich im gesamten Roman als Meister der Innenschau. Präzise und ehrlich ergründet der Ich-Erzähler seinen Gefühlszustand angesichts von Liebe, Sehnsucht, Eifersucht und Begehren.

"Paolo is exactly the character I always had in my books: He is indecisive, ambivalent, hesitant, sort of awkward, ashamed, a bit unhinged in his emotional life, attracted to many people simultaneously, therefore fundamentally disloyal up to a certain point, although he is sincere about all his desires, so he can be disloyal to certain people and at the same time, be totally attracted to them.

Paul ist die Sorte Figur, die ich gerne einsetze: Er ist unentschlossen, zögerlich, ein bisschen ungeschickt, verschämt, sein Gefühlsleben ist unstabil, er fühlt sich von mehreren Personen gleichzeitig angezogen, neigt also in gewisser Weise zum Betrug, obwohl er immer offen und ehrlich mit seinem Begehren umgeht. Er ist seinen Partnern untreu und fühlt sich dennoch absolut zu ihnen hingezogen."

Das eigene Selbst im neuen Licht

Die fünf Kapitel, die jeweils als Novelle auch für sich stehen könnten, sind mit einem überraschenden Twist versehen. Der Leser macht Zuordnungen, die er später korrigieren muss. Nicht die Freundin Maud wird Paul verlassen. Paul wird Maud verlassen. Es hat ihn erwischt. Er ist es, der fremd begehrt. Der englische Titel "Enigma Variations" spielt auf Edward Elgars Orchesterwerk an, dessen 14 Sätze jeweils einer Person gewidmet sind. Auch im Roman steht jedes Kapitel für einen Menschen, den Paul begehrt und/oder geliebt hat. Mal ist es ein Mann, mal eine Frau. Aciman geht es nicht darum, eine Lanze für Homosexualität zu brechen, der Autor ergründet, wie das Verlangen jeweils das eigene Selbst im neuen Licht erscheinen lässt. Ein Objekt der Begierde löst das vorherige ab, vervollständigt das Ich – für einen Moment. Der Roman ist eine Absage an den klassischen Bildungsroman, mit zeitlicher Ordnung, Reifungsprozess, Ziel und Happy End.

"I think we never find ourselves that’s a given, we do not know who we are, we all are, and that is why I chose the title, enigmas on to ourselves...,-in this case we don’t know what the theme is, and therefore it remains enigmatic, and I think that Paul himself is a person that goes through many variations many sexualities, many lovers, and at the same time does not know who he is, what he wants and what he is all about,

Eines steht fest: Wir alle wissen nicht, wer wir wirklich sind, wir sind uns selbst ein Rätsel. Deswegen habe ich diesen englischen Romantitel gewählt, „Enigma Variations“. Paul erscheint als eine Person mit ganz verschiedenen Seiten, mit einer vielfältigen Sexualität, vielerlei Liebschaften, die ganze Zeit weiß er nicht, wer er ist und was er will (und worum es geht)."

Leben heißt Veränderung

Die Figur mag sich selbst ein Rätsel bleiben - Identität ist vielschichtig und wechselhaft. Das stellt Aciman als Wesenszug des Menschen heraus: Leben heißt Veränderung. Alles ist im Fluss. Immer wieder werfen Verlangen, Begehren und die Liebe bestehende Ordnung über den Haufen. Und jedes Mal erscheint das eigene Selbst in einem neuen Licht.

Stand: 03.11.2019, 22:14