Gottfried Benn - Absinth schlürft man mit Strohhalm, Lyrik mit Rotstift. Ausgewählte Briefe 1904-1956

Gottfried Benn - Absinth schlürft man mit Strohhalm, Lyrik mit Rotstift. Ausgewählte Briefe 1904-1956

Gottfried Benn - Absinth schlürft man mit Strohhalm, Lyrik mit Rotstift. Ausgewählte Briefe 1904-1956

Von Andreas Wirthensohn

Gottfried Benn – der Dichter, die Politik, die Frauen: 293 Briefe geben Einblick in Leben und Schreiben des bedeutendsten deutschen Lyrikers des 20. Jahrhunderts.

Gedichte, Krankheiten und abends ein paar Bier

Wer Briefe von Gottfried Benn liest, könnte leicht den Eindruck gewinnen, da schreibe ein zurückgezogen lebender, die Öffentlichkeit scheuender Mensch gelegentlich an Freunde, Bekannte und andere Menschen, die etwas von ihm wollen. Im Grunde aber, so scheint es, möchte der dichtende Arzt, der ein Leben lang nicht nur Prosa und Gedichte schrieb, sondern auch Haut- und Geschlechtskrankheiten kurierte, vor allem eines: Seine Ruhe haben, abends in einer Berliner Kneipe rauchend ein paar Bier trinken und Verse schmieden – damit am Ende eines langen Dichterlebens vielleicht sechs oder acht Gedichte stehen, die wirklich gelungen und von Dauer sind.

"Es gibt natürlich auch bei uns viele Kreise, die es ärgert, dass ich zur Zeit der meist genannte, sozusagen berühmteste Schriftsteller in Deutschland bin, aber das ist grösstenteils Konkurrenzneid, ich mache mir natürlich nichts draus,"

schreibt Benn 1953, auf der Höhe seines Nachkriegsruhms, an seine in Dänemark lebende Tochter Nele. Und fährt gleich darauf fort:

"In dieser einen Woche ist ein langer Aufsatz in der Schweiz über mich erschienen, einer in Spanien, in U.S.A. sind die "drei alten Männer" jetzt erschienen, ein Professor von der Sorbonne schreibt eine lange Arbeit über mich u.s.w. Ich bin mir klar darüber, dass das Alles nur Modesache ist, ein sehr vergänglicher Ruhm in diesem armen, verworrenen Europa. Ich persönlich lese eigentlich überhaupt nichts mehr, was man über mich schreibt, Ilse muss es manchmal tun und sie erzählt mir dann abends davon, wenn wir Bier trinken gehen und Zeit für sowas haben. Es ist alles nicht mehr wichtig für mich."

Ich bin kein Briefeschreiber

Die Wahrheit ist: Benn registrierte ganz genau, wer was wo über ihn schrieb. Er trat öffentlich auf zu Lesungen und Vorträgen, bei denen die Menschen Schlange standen, und die Post, die an manchen Tagen auf seinem Schreibtisch landete, war ohne die Hilfe seiner Frau oder einer Schreibkraft gar nicht zu bewältigen.

"Von mir werden einmal keine Briefe auftauchen wie von Rilke – ich bin kein Briefeschreiber"

ließ er seinen Verleger einmal wissen. Richtig ist, dass Benns Korrespondenz nicht die Dimensionen der Kollegen Rilke oder Stefan Zweig erreichte. Aber der Herausgeber Holger Hof nennt durchaus beeindruckende Zahlen: Die Forschung wisse von 5600 Briefen, überliefert seien ungefähr 4300, davon veröffentlicht etwa 3500. Der nun vorliegende Band schließt diese Lücke ein klein wenig: Er enthält 114 bislang nur verstreut gedruckte und 179 unveröffentlichte Briefe. Biografien müssen deswegen nicht neu geschrieben werden, aber das, was Benn selbst als „Doppelleben“ bezeichnet, das Sphinxhafte dieser Dichterexistenz wird in mehrfacher Hinsicht deutlicher als bislang fassbar.
Das betrifft wie gesehen Benns Haltung gegenüber Erfolg und Öffentlichkeit, es gilt aber auch und ganz besonders im Umgang mit Frauen. Benn war bis in seine letzten Lebensjahre ein veritabler Schürzenjäger, der neben seinen Ehen oft noch ein oder zwei andere Affären parallel am Laufen hatte. Gute Regie sei wichtiger als Treue, lautete denn auch sein diesbezügliches Lebensmotto.

Gottfried Benn

Gottfried Benn

"Die Ehe ist doch eine Institution zur Lähmung des Geschlechtstriebs, also eine christliche Einrichtung. Abraham und Odysseus litten nicht an ihr. Für den Mann gibt es doch nur die Illegalität, die Unzucht, den Orgasmus, alles, was nach Bindung aussieht, ist doch gegen seine Natur."

Wenn ich weiterleben soll, muss ich jemanden haben

Dass Benn trotzdem Ehefrauen brauchte, hatte vor allem mit Alltagsbewältigung zu tun. So schreibt er 1946, kurz vor der Hochzeit mit seiner dritten Frau Ilse, an seine Tochter aus erster Ehe:

"Es ist möglich, dass ich mich noch einmal verheiraten werde u. vielleicht bald. So alleine kann ich nicht weiterleben. Die Wohnung verkommt, das Mädchen ist faul u trägt viel fort, die Praxis ist gross u. nimmt mich sehr in Anspruch, ich kann mich nicht um die äusseren Dinge kümmern. Wenn ich weiterleben soll, muss ich jemanden haben, dem ich vertrauen kann u. dessen Gegenwart mir sympathisch ist."

Sie müssen das alles nicht so gefühlvoll ansehen

Ganz ähnlich, zum Teil fast wortgleich hatte er 1938 an Nele geschrieben und sie damals um Wohlwollen gegenüber Eheschließung Nummer 2 gebeten. Besonders deutlich tritt das Sphinxhafte auch in Benns Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus zu Tage. Im September 1933 ließ er eine alte Freundin, die 1928 in die USA gegangen war, wissen: Es sei nun einmal so,

"dass ich und die Mehrzahl aller Deutschen den neuen Staat bejahen, Hitler für einen grossen Staatsmann halten und vor allem vollkommen sicher sind, dass es für Deutschland keine andere Möglichkeit gab. […] Sie müssen das alles nicht so gefühlvoll ansehen, auch nicht so pathetisch. Sie müssen in sich den Gedanken ganz feste Gestalt annehmen lassen, dass wir vor einer Wendung der abendländischen Geschichte stehen, die vielleicht nur dem elften Jahrhundert verglichen werden kann oder dem Ausgang der Antike."

Damals unerwünscht, heute von neuem unerwünscht

Er konnte damals noch nicht ahnen, wie fürchterlich dieser "Zivilisationsbruch" der Nazis sein sollte. Und Benn konnte im Grunde froh sein, dass er schon bald wegen seiner frühen expressionistischen Gedichte heftig attackiert wurde, denn wer weiß, was aus ihm geworden wäre, wenn ihn das Regime für sich vereinnahmt hätte. Von Widerstandsgeist jedenfalls zeugt keiner seiner Briefe, allenfalls von strategischem Opportunismus und dem Rückzug in die "Artistik" der reinen Kunst. Im November 1945 schreibt er:

"Ich lebe völlig allein. Damals unerwünscht, heute von neuem unerwünscht – also wirklich absolut u. weitreichend unerwünscht, ich finde das richtig und eine Bestätigung meines Grundgefühls, das ich oft aussprach, daß Kunst außerhalb der Zusammenhänge von Staat u. Geschichte steht u. daß ihre Ablehnung durch die Welt zu ihr gehört."

Ikone der modernen Dichtung

Die Ablehnung war freilich nur von kurzer Dauer: Im Jahrzehnt nach dem Krieg wurde Benn zur Ikone der modernen Dichtung, zum bedeutendsten deutschen Lyriker des 20. Jahrhunderts, zum Büchner-Preisträger und Nobelpreisanwärter. Noch heute ist der "Sound" seiner Gedichte, wie er das nannte, unwiderstehlich. Welchem Leben diese Verse abgerungen wurden, das zeigt dieser vorzüglich edierte Band auf eindrückliche Weise.

Stand: 16.02.2022, 23:55