Buchcover: "Treue" von Hernan Diaz

"Treue" von Hernan Diaz

Stand: 18.08.2022, 19:15 Uhr

Vier Dokumente, die sich gegenseitig in Frage stellen, die Wahrheit einer Ehe im Zeichen des Börsencrashs von 1929, und die Frage nach der unterdrückten Leistung einer Ehefrau – darum geht es in Hernan Diaz’ ambitioniertem Roman "Treue".

Hernan Diaz: Treue
Übersetzt von Hannes Meyer
Hanser Berlin Verlag, 416 Seiten, 27 Euro

Der Selfmademan

Er gehört bis heute zum Fundament der amerikanischen Kultur: der Selfmademan, die Vorstellung vom großen Einzelnen, der es aus eigener Kraft bis ganz nach oben schafft. Hernan Diaz hat diesen Mythos bereits vor fünf Jahren in seinem Debütroman "In der Ferne" destruiert, der in der Ära des kalifornischen Goldrauschs spielt. Der neue Roman des New Yorker Autors setzt dieses Zerstörungswerk fort, gibt ihm aber zugleich eine ironisch-feministische Pointe.

Epoche der Finanzkrisen und Fake News

Auch "Treue", so der Titel der deutschen Übersetzung, hat eine Phase kollektiver Manie als Hintergrund: die Goldenen Zwanziger mit ihrem scheinbar endlosen Börsenboom. Die Ähnlichkeiten dieser Epoche mit unserer Zeit der Finanzkrisen und Fake News werden spätestens dann deutlich, wenn im Roman ein kauziger Anarchist seine Tochter Ida am Ufer des Hudson vor der Verführungskraft des Geldes warnt:

"(…) nicht vergessen: Geld ist eine Fiktion; Waren in rein phantastischer Form, ja? (…) Aktien, Anteile und all der andere Schrott sind nur Ansprüche auf zukünftigen Wert. Wenn also Geld eine Fiktion ist, dann ist Finanzkapital die Fiktion einer Fiktion. Damit handeln die ganzen Verbrecher: mit Fiktionen."

Die Wahrheit einer Ehe

Doch bekanntlich handeln nicht nur Spekulant:innen mit Fiktionen, sondern auch Schriftsteller:innen. Diazʼ Roman "Treue" erzählt von einem erfundenen New Yorker Finanzmogul namens Andrew Bevel und dessen verstorbener Ehefrau Mildred. Als Magier der Märkte verdiente Bevel nicht nur am Boom der Zwanziger, sondern auch am Schwarzen Freitag von 1929 ein märchenhaftes Vermögen. Für die empörte Öffentlichkeit war der Investor sogar der Hauptschuldige dafür, dass Börse und Wirtschaft wie Kartenhäuser in sich zusammenbrachen. Bevels Frau, einer Förderin der Künste, starb bald nach dem Crash in einem Schweizer Sanatorium.

Vier Romanteile

Um die Wahrheit dieser Ehe geht es in Diazʼ Roman; der Klappentext vergleicht seine verschachtelte Erzählkonstruktion mit einer Matroschka, einer russischen Puppe. Doch lässt sie eher an ein kubistisches Gemälde denken, das dem Betrachter mehrere Perspektiven zugleich bietet. Denn "Treue" besteht aus vier Romanteilen, die sich gegenseitig in Frage stellen: zunächst einem Roman im Roman, dann einer Autobiografie, gefolgt von einem Memoir und einem geheimen Journal. Jeder dieser Teile trägt einen anderen fiktiven Verfasser:innennamen und unterscheidet sich in Sprache und Stil völlig von den anderen. Der erste Teil zum Beispiel, ein Schlüsselroman aus der Feder eines New Yorker Klatschreporters namens Harold Vanner, imitiert gekonnt den psychologisch subtilen, realistischen Stil von Henry James oder Edith Wharton. Man sollte diesen inhaltlich wie sprachlich überbordenden Teil als Köder verstehen, mit dem Hernan Diaz seine Leser:innen in sein Romanlabyrinth lockt. Umso stärker der Kontrast zum folgenden Teil, der unvollendeten Autobiografie Andrew Bevels, deren mal bombastischer, mal gönnerhafter Ton mit diversen Platzhaltern für Ergänzungen durchsetzt ist.

"Mildreds allzu kurze Zeit unter uns hat unauslöschliche Spuren hinterlassen. Mit ihrer Liebenswürdigkeit und Großzügigkeit berührte sie jeden."

Mit seiner Selbstbeweihräucherung will der Finanzmogul Harold Vanners unschmeichelhaften Schlüsselroman über Bevels Ehe überschreiben. Dass er mit seiner Autobiografie zugleich seiner verstorbenen Frau den ihr seiner Meinung nach angemessenen Platz zuweisen will, wird erst später klar. Denn erst der dritte Teil, das Memoir von Bevels Ghostwriterin Ida Partenza, entlarvt den selbstgefälligen Ton dieser Autobiografie als weibliches Produkt. Der vierte, Mildreds verschollenes Tagebuch, wird den Bevel-Mythos dann endgültig zum Einsturz bringen.

"Leerverkaufen heißt, die Zeit umkrempeln. Die Vergangenheit macht sich in der Zukunft gegenwärtig. Wie ein Krebsgang in der Musik oder ein Palindrom."

Das Memoir von Ida Partenza, die sich im Alter schuldbewusst daran erinnert, wie sie als Zwanzigjährige zu Bevels Komplizin wurde, ahmt den rauen Ton des New Journalism nach. Die knappen Tagebucheinträge der krebskranken Mildred ähneln dagegen modernen Aphorismen. Hernan Diazʼ raffiniert konstruierter, brillanter Finanzroman ist also nicht nur ein weiterer Abriss eines amerikanischer Mythos. Sondern nebenbei auch ein origineller Gang durch die Literaturgeschichte.