Vladimir Nabokov - Briefe an Véra

Vladimir Nabokov - Briefe an Véra

Vladimir Nabokov - Briefe an Véra

Von Hermann Wallmann

"Briefe an Véra" - mit einer Sammlung der Briefe, die Vladimir Nabokov an seine Frau geschrieben hat, kommt die 24-bändige deutsche Werkausgabe – 28 Jahr nach Erscheinen des ersten Bandes – zu einem grandiosen Abschluss.

Vladimir Nabokov
Briefe an Véra
herausgegeben von Brian Boyd und Olga Voronina
Übersetzt aus dem Englischen von Ludger Tolksdorf
Gesammelte Werke, Band 24.
Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, 2017
1147 Seiten
40 Euro.

Eine farbige Spirale in einer kleinen Glaskugel

Vladimir Nabokov hat sein Leben als eine "farbige Spirale in einer kleinen Glaskugel" betrachtet, und wenn man die vier großen, jeweils etwa zwei Jahrzehnte umfassenden lebensgeschichtlichen Abschnitte mustert, ist das ein plausibles Bild: die wohlhabende Jugend im vorrevolutionären Russland, das Exil in England und in Berlin, das Exil in Amerika, schließlich – nach dem Welterfolg seines Romans "Lolita" – der luxuriöse Hotelwohnsitz in Montreux: von 1959 bis zu seinem Tode im Jahr 1977. Der erste Brief, den der Abschlussband der Gesammelten Werke präsentiert, stammt vom 26. Juli 1923, der letzte - ein dreizeiliges Gedicht "für Vérotschka" – trägt das Datum vom 7. April 1976. Die Briefe aus den 54 Jahren des gemeinsamen Lebens sind inhaltlich – und poetologisch – ergiebig insbesondere dann, wenn das Paar eines äußeren (ein einziges Mal eines "inneren") Umstandes wegen getrennt war. Aber immer stehen sie für eine fast symbiotische Nähe. Stacy Schiff in ihrer großen Véra-Biographie wundert sich umso mehr darüber, dass im gesamten Romanwerk lediglich eine einzige literarische Darstellung von ihr – Kamee, wie sie es nennt - unzweifelhaft belegt sei:

"Die junge Ausländerin in dem blauen Kleid tanzte mit einem bemerkenswert gut aussehenden Mann mit einer altmodischen Smokingjacke. Franz war dieses Paar schon lange aufgefallen; flüchtig war er ihrer mehrfach ansichtig geworden wie eines wiederkehrenden Traumbilds oder eines hintergründigen Leitmotivs – mal am Strand, mal in einem Café, mal auf der Promenade. Manchmal trug der Mann ein Schmetterlingsnetz bei sich. Das Mädchen hatte einen geschminkten Mund und zärtliche graublaue Augen, und ihr Verlobter oder Gatte, schlank, elegant kahl werdend, voller Verachtung für alle auf der Welt außer ihr, blickte sie stolz an. Franz beneidete dies ungewöhnliche Paar. Sie redeten laut miteinander. Sie sprachen eine ganz und gar unverständliche Sprache."

Seine Geliebte, seine Frau Véra

Dies ist ein Zitat aus dem Roman "König Dame Bube", der 1928 erschien, fünf Jahre nachdem Vladimir Sirin – so das Pseudonym, mit dem er eine Namensverwechselung mit seinem Vater verhindern wollte – und Véra Slonim einander in Berlin kennengelernt hatten - Namensinitialen, die bereits anzudeuten scheinen, was da zusammenwächst und zusammengehört. Im mittleren Teil des Briefbandes werden die Fotos, die jenes "ungewöhnliche Paar" zeigen, zunehmend zu einem Beleg für eine fast schon emblematische Union. Diese bereitet sich in den ersten Briefjahren vor durch eine enzyklopädische Fülle von Kosenamen, in denen Vladimir Nabokov seine Geliebte, seine Frau Véra zu einem Bestandteil seines faunatischen und floralen Universums zu nobilitieren scheint.

Vladimir Nabokov

Vladimir Nabokov

Einige dieser Briefe sind auf den Herausgeber allerdings nicht papieren gekommen. Véra wollte sie nicht aus der Hand geben, sondern hat sie für den Nabokov-Biographen "auf Band" gesprochen - unter Weglassung aller intimen und privaten Fiorituren. Trotzdem präsentieren die Briefe auch die unverwechselbaren Merkmale des literarischen Oeuvres von Vladimir Nabokov. Schon früh hat er aufgelistet, was ihn mit Véra nicht nur von Anfang an verbunden hat, sondern was ihn auch – man möchte fast sagen – lebenslänglich von ihr abhängig gemacht hat:

"Weißt Du, wir sind uns furchtbar ähnlich… In Briefen zum Beispiel: Beide mögen wir es, 1.) unauffällig Fremdwörter einzufügen, 2.) aus Lieblingsbüchern zu zitieren, 3.) Eindrücke des einen Sinnes (zum Beispiel des Gesichtssinns) in Eindrücke eines anderen (zum Beispiel des Geschmacks) zu übertragen, 4.) uns am Schluss für den vermeintlichen Unsinn zu entschuldigen und noch manches andere."

Schillernder Subtext und faszinierender Klartext

Solche "furchtbaren" Ähnlichkeiten belegt der Briefband nicht nur mit epischen, szenischen, lyrischen Anwandlungen, sondern mit allen nur erdenklichen synästhetischen Sprachspielen, mit einer Fülle von selbsterdachten Kreuzworträtseln und anderen verbalen "Kniffeleien". Das alles scheint nicht immer ganz frei zu sein von einer subtilen edukativen Absicht. Es gibt also in diesen Briefen durchaus den einen oder anderen schillernden Subtext. Aber am faszinierendsten ist Nabokov dort, wo er sozusagen Klartext spricht – also zum Beispiel nicht nur über die äußerst feinnervige Genese eines Gedichts, sondern auch über dessen nicht ohne Stolz und Eitelkeit registrierte Resonanz. Das fabelhafte Register des Briefbandes ermöglicht es sogar, die Stufen eines solchen Prozesses einzeln "anzusteuern", und so findet man etwa zu dem Gedicht "Leises Rauschen" das Stichwort "Rezeption":

"Einige Leute stießen mich wieder hinaus auf die Bühne – und der Saal wollte sich nicht beruhigen; sie riefen Zugabe und Bravo und Sirin. Dann wiederholte ich noch einmal mein Gedicht und trug es noch besser vor – und wieder dröhnender Beifall. Als ich aus dem Saal hinausging, stürzten sich alle möglichen Leute auf mich, fingen an, mir die Hand zu schütteln, Hessen küsste mich schwungvoll auf die Stirn, entriss mir das Blatt, um das Gedicht (in der Zeitschrift) Rul zu drucken."

Ähnliche Reaktionen, wie sie hier zu "hören" sind, hat der Briefband als solcher – und hat erst recht die 24-bändige deutsche Werkausgabe verdient.

Stand: 09.03.2018, 09:53