Jan Brandt - Ein Haus auf dem Land / Eine Wohnung in der Stadt

Jan Brandt - Ein Haus auf dem Land / Eine Wohnung in der Stadt

Jan Brandt - Ein Haus auf dem Land / Eine Wohnung in der Stadt

Von Andreas Wirthensohn

Jan Brandt erzählt von Heimatverlust und existenzieller Obdachlosigkeit in Zeiten des Immobilienwahnsinns.

Jan Brandt
Ein Haus auf dem Land / Eine Wohnung in der Stadt

Von einem, der zurückkam, um seine alte Heimat zu finden /
Von einem, der auszog, um in seiner neuen Heimat anzukommen
DuMont, Köln 2019
Wendebuch 190 & 232 Seiten
24 Euro

"Wohnst du noch? Oder lebst Du schon?"

Dieser Spruch einer schwedischen Möbelkette gehört zu den wohl bekanntesten Werbeslogans des letzten Jahrzehnts. Denn er versprach etwas, das weit über bloße Behaglichkeit oder Schöner-Wohnen-Ästhetik hinausging: einen Lebensraum, der nicht zuletzt dank der entsprechenden Möblierung so etwas wie Heimat, zumindest aber ein Gefühl der Zugehörigkeit und Behaustheit vermittelt. Heute, in Zeiten rasant steigender Mieten und eines eklatanten Mangels an bezahlbarem Wohnraum, müsste es wohl eher heißen: „Wohnst du schon? Und lebst du noch?“ Gentrifizierung, Luxussanierung, Modernisierungskostenumlage und Eigenbedarf heißen die neuen Vokabeln aus dem Wörterbuch des Schreckens. Was sie bedeuten, hat der Schriftsteller Jan Brandt in Berlin-Kreuzberg am eigenen Leib erfahren:

"Durch die Eigenbedarfskündigung war etwas ins Wanken geraten: der Glaube, auch in einer Großstadt für immer an einem Ort bleiben zu können. Die Briefe meines Vermieters hatten mir vor Augen geführt, wie brüchig das Leben war. Es war wie ein Riss, der sich plötzlich an der Wohnzimmerwand auftat und der so langsam länger und breiter wurde, dass man ihn zuerst gar nicht als Bedrohung wahrnahm, bis dann eines Tages das ganze Haus in sich zusammenfiel. Mit einem Mal waren die Jahre im Wrangelkiez nichts weiter als eine Illusion gewesen, ein flüchtiges Bild, das sich bei näherer Betrachtung in nichts auflöste."

Jan Brandt: "Ein Haus auf dem Land/ Eine Wohnung in der Stadt"

WDR 3 Buchrezension 26.06.2019 05:34 Min. Verfügbar bis 25.06.2020 WDR 3

Download

Der Immobilienwahnsinn unserer Tage

Die Suche nach einer neuen Wohnung und der verzweifelte Versuch, die Kündigung doch noch irgendwie aus der Welt zu schaffen, führen Brandt mitten hinein in den Immobilienwahnsinn unserer Tage. Endlose Schlangen bei Wohnungsbesichtigungen, auf Gewinnmaximierung gepolte Vermieter, leere Versprechungen – Berlin, das einst für den Schriftsteller ein Ort der Freiheit war, ein Ort, an dem er der niedersächsischen Provinz entfliehen und ein Leben als Literat führen konnte, entpuppt sich zusehends als kapitalistische Tretmühle, die kaum noch Luft zum Atmen lässt.

Jan Brandt

Jan Brandt

"Berlin war keine Heimat, sondern ein Provisorium geworden, ein Ort des Übergangs."

Diesem Berliner Provisorium hat Jan Brandt die eine Hälfte seines Wendebuchs gewidmet, also eines Buchs, das man nach Belieben von beiden Seiten her lesen kann.

Es empfiehlt sich, mit dem Stadt-Teil zu beginnen, denn er macht deutlich, warum der Autor überhaupt auf den Gedanken kam, zumindest zeitweise wieder aufs Land, in die heimatliche Provinz zurückzukehren:

"Ich hoffte, dass es eine Alternative gäbe, dass ich mich nicht für das Dorf oder die Großstadt entscheiden müsste, dass ein Leben in beiden Welten möglich wäre."

Der Stadt-Land-Gegensatz

Dem ostfriesischen Dorf Ihrhove, das im Mittelpunkt von Brandts Roman "Gegen die Welt" stand, ist der andere Teil dieses Buches gewidmet, der bessere. Denn Brandts Bericht von der Berliner Wohnungsfront liest sich zwar durchaus amüsant, aber über die Erlebnisebene kommt er leider nur selten hinaus. Essayistische Ansätze wollen nicht so recht zünden, und auch sprachlich bleibt Brandt im Vergleich zu seinen ersten Büchern erstaunlich brav und unambitioniert. Der Stadt-Land-Gegensatz macht sich, vielleicht unbeabsichtigt, auch in der Darstellung bemerkbar:

"Der Wille und die Vorstellung, das Haus meines Urgroßvaters vor dem Abriss zu bewahren und die Schäden der jüngeren Vergangenheit zu beseitigen, folgten dieser Mode, … es war ein durch und durch nostalgisches, regressives Projekt. Auch ich war von diesem restaurativen Gedanken infiltriert: das ganze Dorf in seiner Ursprünglichkeit wieder aufzubauen … Ein Wahnsinn. Eine Utopie, ein Unort: der gute Ort, der niemals Wirklichkeit werden wird. Ein Traum, der Traum bleiben muss. Ich träumte mich in eine Welt hinein, die ich nie erlebt hatte und womöglich gar nicht erleben wollte, selbst wenn das möglich wäre. Es ist eine Haltung, die meinem jugendlichen Ich komplett entgegensteht: Mit achtzehn hätte ich das Dorf mitsamt seinen Bewohnern am liebsten abgefackelt – und mich selbst gleich mit –, um nicht der Versuchung zu erliegen, irgendwann einmal zurückkehren zu wollen. Und jetzt trat etwas zutage, was ich für alle Zeit überwunden zu haben glaubte: mein ebenso „konserviertes wie negiertes Selbst“, wie Didier Eribon es nennt, meine vorpubertäre Persönlichkeit."

Womöglich macht genau das den Unterschied

Hier, beim Versuch, den häuslichen Urgrund der Familie Brandt durch Kauf zu retten, ist der Autor als Person intensiv beteiligt. Das Verschwinden des Dorfes, die Lebensläufe der Klassenkameraden, die nicht in die Welt hinausgegangen sind, die Familiengeschichte – all das kann die existenzielle Obdachlosigkeit des Schreibenden zwar nicht lindern, aber schriftstellerisch verhilft es ihm zu deutlich größerer Eindringlichkeit. Die Sehnsucht nach Heimat wird, anders als in Berlin, als lebensnotwendiges Bedürfnis sichtbar:

"In der Rettung des Hauses sah ich also auch meine eigene Rettung vorweggenommen: Sie brachte die Hoffnung zum Ausdruck, dass ich in Gestalt der Steine überdauern könnte."

Eine literarische Zwischenform

Jan Brandt, so scheint es, hat Gefallen gefunden an einer besonderen literarischen Zwischenform aus Essay, Reportage, Familiengeschichte und Autobiografie. So ganz rund ist die Sache bei diesem Buch nicht geworden, man kann es drehen und wenden, wie man will. Aber vielleicht wagt sich dieser ungeheuer vielseitige Autor ja mal wieder an einen Roman – am besten an einen Heimatroman, egal ob in der Stadt oder auf dem Land.

Stand: 26.06.2019, 10:39