Die "Kunst der Weltausstellung" in Herford

Die "Kunst der Weltausstellung" in Herford

Früher war die Weltausstellung eine Leistungsschau der Völker. Das zeigt seit Samstag das Museum Marta Herford. Die Schau "Brisante Träume" setzt historisches Material mit zeitgenössischer Kunst in Dialog.

Von Thomas Köster

Brisante Träume. Die Kunst der Weltausstellung, Marta Herford 2018 (Ausstellungsansicht)

Was Olympia für den Sport, das war die Weltausstellung vor allem im 19. Jahrhundert für Technik, Politik und Kunst. Disziplin war eher der nationale Einzelkampf, die Länderpavillons waren die Kampfarenen, die von renommierten Architekten wie Le Corbusier oder Mies van der Rohe gestaltet wurden. Darauf verweist der Niederländer Rob Voerman mit seiner begehbaren Skulptur "Entropic Empire" (2018).

Was Olympia für den Sport, das war die Weltausstellung vor allem im 19. Jahrhundert für Technik, Politik und Kunst. Disziplin war eher der nationale Einzelkampf, die Länderpavillons waren die Kampfarenen, die von renommierten Architekten wie Le Corbusier oder Mies van der Rohe gestaltet wurden. Darauf verweist der Niederländer Rob Voerman mit seiner begehbaren Skulptur "Entropic Empire" (2018).

Sein mit Karton verkleideter Entwurf stellt ein etwas apokalyptisches Gebäude ins Zentrum, das dem UNO-Hauptquartier in New York nachempfunden ist und das die Besucher im Innern auf Bänken in Ruhe betrachten können. Somit regt Voerman zur politisch brisanten Frage an, ob (und wie) in Zeiten aufsteigender Nationalismen ein demokratisches Miteinander im Weltverbund möglich ist.

Wie kann sich Kunst in einer Umgebung bemerkbar machen, die doch vor allem der Präsentation von High-Tech dient? Durchs Pompöse zum Beispiel. Wie bei Picassos Kriegsanklage "Guernica", die auf der Pariser Weltausstellung 1937 ausgestellt wurde. Größenmäßig getoppt wird sie noch von Robert Delaunays "Luft, Eisen, Wasser" (1937) mit seinen 10 mal 15 Metern. Lange eingemottet, jetzt im Marta Herford.

Delaunays Monumentalgemälde mit seinem Eiffelturm und seiner Eisenbahn macht deutlich, dass die abstrakte Dynamik des vom Künstler entwickelten Orphismus ohne die Erfahrung der Großstadt und der modernen Technik wohl nicht möglich gewesen wäre. Darauf nimmt vis-à-vis Angela Fette Bezug, die eine fast 25 Meter lange Wandfläche im Marta bespielt.

Mit ihrem Team hat Fette auch eine Wendeltreppe ausgestaltet, die sich wie eine Helix im Stil einer für Fortschritt und Aufstieg stehenden Spirale in die Höhe des von Frank Gehry entworfenen Marta schraubt. Von oben ...

... hat man vor allem einen guten Blick auf Delaunay und Fettes komponierte "Himmelsmaschine" (2018), die mit ihren blitzartig explodierenden Rädern den Kontrapunkt zum oft naiven Fortschrittsglauben einer künstlerischen Moderne setzt. Aber Vorsicht: Die Treppe ist schwindelerregend und schwankend wie der Aktienkurs eines Start-Up-Unternehmens.

Überhaupt ist es der Kontrapunkt, der die versammelten zeitgenössischen Künstler antreibt, sich mit der Idee der Weltausstellung auseinander zu setzen. Mit ihren blinkenden und wippenden Wiegenskulpturen etwa erzeugt Katja Novitskova eine technisch coole Atmosphäre, die jederzeit ins Frankensteinische abzugleiten droht.

Von der Wiege der Menschheit zur Krone der Technik führt ihre Installation "If Only You Could See What I've Seen With Your Eyes" (2018), in der der aufgeblasenen Scan einer gentechnisch veränderten Labormaus ein Ungeheuer gebiert, das von Affen und einem Stahl-Vorhang gesäumt wird. Zum Gruseln.

Auf ähnliche Art, aber ganz andere Weise nähert sich die gerade mit dem renommierten Kallmann-Preis 2018 ausgezeichnete Yvonne Roeb dem Thema, die nach letzten Ausstellungen in Düsseldorf und Remagen jetzt endlich einmal einen großen Raum arrangieren darf. Ihre Skulpturen führen eher assoziativ vor Augen, dass die Weltausstellungen immer auch dazu dienten, die "Dritte Welt" unter eine westliche Ordnung zu zwängen.

Tatsächlich wurde noch auf der völkerverständigend gemeinten Weltausstellung 1958 in Brüssel zwischen der Präsentation der Sputnik II-Kapsel und dem Atomium ein kongolesisches Dorf samt Bewohnern zur Schau gestellt. Auch wenn der surreale Exotismus Roebs eigentlich etwas anders funktioniert, weckt er doch die im Ausstellungstitel versprochenen "brisanten Träume".

Viel näher dran am Geist der Weltausstellung ist das Künstlerkollektiv Konsortium, das in einem geometrisch abstrakten Raum die Brücke zwischen Fortschritt und Fukushima schlägt. Für Fortschritt steht Robert Beers fahrende und an einen Kühlturm erinnernde Rundskulptur "Floats", die die Besucher der Weltausstellung in Osaka 1970 in einer neuen Roboterzeit begrüßten.

Bemerkenswert sind die formalästhetischen Bezüge, die Konsortium allein schon zwischen den Logos von Weltausstellung und dem japanischen Energie- und Atomkonzern Tepco zieht, dem auch das Atomkraftwerk in Fukushima gehörte. Weltausstellung und Weltverschwörung gehen hier plötzlich Hand in Hand.

Der Kristallpalast in London, der Pariser Eiffelturm oder das Atomium im Brüssel: Das war Weltausstellung gestern. Und was blieb von den Leistungsschauen der Gegenwart im kollektiven Gedächtnis? Von der Expo 2000 in Hannover zum Beispiel, dass "Prügelprinz" Ernst August dort an den türkischen Pavillon urinierte. Aber vielleicht wird das 2020 in Dubai ja anders (Tim Berresheim: "AE123 Lazy Moss pu-pu", 2016).

"Brisante Träume. Die Kunst der Weltausstellung" läuft bis zum 10. Februar 2019 im Marta Herford. Zur Ausstellung ist auch ein "offizielles Souvenir-Magazin" erschienen, das mit seinem trendigen Layout ziemlich zukunftsweisend ist. Und die Karten zu Nikolaus Gansterers "Objects Yet to Become" (2017) darf man auch mitnehmen.

Kunstmuseum Ahlen und Marta Herford

WDR 3 Mosaik | 16.10.2018 | 08:22 Min.

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Stand: 16.10.2018, 10:28