Gottfried Böhm wird 100

Gottfried Böhm wird 100

Gottfried Böhm ist einer der bedeutendsten deutschen Architekten. Er entstammt einer echten Architektendynastie: Sein Vater revolutionierte den Kirchenbau, sein Sohn entwarf die Kölner Zentralmoschee. Am Donnerstag (23.01.2020) feiert Gottfried Böhm seinen 100. Geburtstag.

Weithin bekannt und eines der wichtigsten Werke Gottfried Böhms: Die Wallfahrtskirche Maria in Velbert-Neviges. Zunächst war er mit seinem Entwurf im Wettbewerb durchgefallen, "aber dann hat der damalige Kardinal Frings den Entwurf gesehen - und ließ den Wettbewerb wiederholen. Da hatte ich Glück", sagt Böhm Jahre später.

Weithin bekannt und eines der wichtigsten Werke Gottfried Böhms: Die Wallfahrtskirche Maria in Velbert-Neviges. Zunächst war er mit seinem Entwurf im Wettbewerb durchgefallen, "aber dann hat der damalige Kardinal Frings den Entwurf gesehen - und ließ den Wettbewerb wiederholen. Da hatte ich Glück", sagt Böhm Jahre später.

Zu Gottfried Böhms 95. Geburtstag kam vor fünf Jahren eine Dokumentation über die Kölner Architektenfamilie in die Kinos. Auf dem Filmplakat der WDR-Koproduktion ist er im Kreise seiner drei Söhne im gemeinsamen Büro in Köln Marienburg zu sehen. Die Zitate in dieser Fotostrecke stammen aus einem Interview anlässlich der Premiere 2015.

Erbaut 1932 von seinem Vater Dominikus Böhm, der bereits als Kirchenbaumeister in die Architekturgeschichte einging, residieren hier mittlerweile zwei Architektengenerationen: Gottfried Böhm und seine drei Söhne Stephan (*1950), Peter (*1954) und Paul (*1959) - jeder mit seinem eigenen Büro.

Schon Vater Dominikus Böhm, der 1955 im Alter von 75 Jahren in Köln starb, galt als Vertreter einer neuen kirchlichen Baubewegung in Deutschland. Rund 80 Kirchen entstanden nach seinen Entwürfen - unter anderem 1932 die Kapelle des St. Elisabeth-Krankenhauses in Köln-Hohenlind - daneben zahlreiche Bauten anderer Funktion. "Wie zu meinen Söhnen stand ich auch zu meinem Vater in einer gewissen Konkurrenz", erinnert sich Gottfried Böhm, "aber ich muss sagen, er hat das toll gemacht".

Vater Dominikus habe ihn "immer unterstützt". Als Dominikus Böhm 1947 den Auftrag bekam, um die unversehrt gebliebene Marienstatue in der ansonsten zerstörten Kapelle St. Kolumba in Köln herum eine neue Kirche zu bauen, setzte er durch, dass sein Sohn Gottfried den Auftrag bekommen sollte. "Das war schon prima, er war ja schließlich ein bekannter Mann." Im Hintergrund ist die von Gottfried Böhm gebaute Kapelle im Neubau des Kunstmuseums Kolumba zu sehen.

Beton: Der Werkstoff prägt die Baugeschichte der Böhm-Dynastie. Ob in Form zahlreicher Kirchenbauten in ganz Deutschland oder am Rathaus in Bensberg (im Bild): Die typischen "Faltwerke" der Böhmschen Architektur, bei denen Wand und Decke eine Einheit bilden, seien aus der Natur des Materials entstanden, sagt Gottfried Böhm: "Das hat mich damals sehr beschäftigt: Wie man damit umgehen kann und was der Beton selber will."

Fast organisch wirken viele Entwürfe Gottfried Böhms in ihrer Gesamtheit, dabei immer durchdrungen von einer ordnenden Geometrie. "Etwas Gotisches ist daran", sagt Böhm, "aber auch etwas Barockes". Hier die 1970 fertig gestellte Kirche Christi Auferstehung in Köln Lindenthal.

Als junger Mann kehrte Böhm verwundet und mit furchtbaren Erinnerungen aus dem Krieg zurück. "Ich wundere mich nachträglich", betont er, "dass ich den Krieg so ohne besondere innere Wirkung überlebt habe". Er schreibe das seiner späteren Frau Elisabeth zu, die er an der Universität in München kennenlernte, "mein großes Glück". Unter ihrem "guten Einfluss habe ich dann dieses andere Leben gehabt." Elisabeth Böhm verstarb im Jahr 2012.

Mit dreien der vier gemeinsamen Söhne setzt sich die Böhmsche Architektendynastie nun fort. Er habe sie nicht zu dem Beruf gedrängt, beteuert Vater Böhm, "aber auch nicht davon abgeraten". Wie sehr sich Vater und Söhne gegenseitig in ihre Arbeiten einmischen, müsse man aushandeln. "Das war mit meinem Vater genauso. Für ihn war vieles ungewohnt, was ich so gemacht habe, aber er hat den Wert erkannt und versucht, das richtig zu lenken. Und so mache ich das mit meinen Söhnen hoffentlich auch."

Sohn Paul Böhm gewann 2006 den Wettbewerb für die Zentralmoschee mit Kulturzentrum in Köln. Kurz vor Fertigstellung des Baus verklagte der Bauherr, der türkisch-islamische Verband Ditib, den Architekten wegen angeblicher Baumängel. Paul Böhm widersprach den Vorwürfen verhement. "Indirekt hat mich das schon auch belastet", so der Vater, "aber mehr belastet es natürlich meinen Sohn". Paul Böhm begleitete die Fertigstellung seines Baus schließlich als Berater - die Moschee wurde im Jahr 2018 feierlich eröffnet. 

Wie alle anderen Projekte im Hause Böhm entstand auch der Entwurf zur Moschee zunächst am Modell. "Es ist schon sehr schön, mit den Fingern zu denken", sagt Böhm. Schon bei seinen ersten Projekten experimentierte der Architekt selbst vor Ort mit Beton, etwa in der zerstörten Kölner Kirche St. Kolumba im Jahr 1947. "Ich habe immer das Glück gehabt, Bauherren zu finden, die das mitgemacht haben."

Sohn Peter Böhm gründete 2002 sein eigenes Büro - ebenfalls im Böhmschen Elternhaus. Er entwarf unter anderem das 2011 eröffnete Ägyptische Museum in München.

Stephan Böhm, Ältester der drei Architekten-Söhne, arbeitet mittlerweile auch mit chinesischen Bauherren - ein Wechsel von der stillen Atmosphäre des Kölner Böhm-Büros hin zu hektischer Betriebsamkeit einer chinesischen Millionenstadt. Im Unterschied zur Baukultur in Europa würden Gebäude hier maximal für wenige Jahrzehnte geplant, sagt Stephan Böhm. "Dann werden sie wieder abgerissen."

Noch im Alter von fast 80 Jahren bekam Gottfried Böhm den Auftrag für den Neubau des Hans Otto Theaters in Potsdam, den er gemeinsam mit Sohn Paul realisierte.

Am 23. Januar 2020 feiert Gottfried Böhm seinen 100. Geburtstag. Dass sein Drang zu entwerfen einmal versiegen könnte, könne er sich nicht vorstellen, sagt Böhm: "Architektur ist ja keine Arbeit in dem Sinne, wie Leute in anderen Berufen arbeiten müssen. Sie ist zwar oft mit Ärger und Verdruss verbunden, aber auch immer wieder mit Freude." Zu Gottfried Böhms 100. Geburtstag sendet der WDR die Doku "Die Böhms" am Mittwoch (22.01.2020). Sie ist schon jetzt in der Mediathek abrufbar.

Stand: 23.01.2020, 06:00 Uhr