Blumensprengung: Ludwig Forum zeigt Kunst von Frauen

Blumensprengung: Ludwig Forum zeigt Kunst von Frauen

Von Thomas Köster

Das Aachener Museum Ludwig sortiert zum 50-jährigen Bestehen der Kunstsammlung des Unternehmerpaars Peter und Irene Ludwig seine Bestände um - nach Geschlechtern. Die Frauen bekommen eine Sonderschau, die Männer von Pop Art und Hyperrealismus gibt's nebenan - allerdings erst zu sehen ab dem 19. April.

Blumensprengung. Künstlerinnen der Sammlung Ludwig, Ludwig Forum, Aachen 2020 (Ausstellungsansicht)

Seit 1970 hat die Sammlung Ludwig in Aachen ihren festen Ort. Als eine der größten und wichtigsten Sammlungen für zeitgenössische Kunst zeugt sie vom Weitblick Peter und Irene Ludwigs: Schon früh haben sie die damals auf dem Kunstmarkt noch völlig unterrepräsentierte und nicht ernstgenommene Kunst von Frauen gekauft - von vielen abgetan als "Weiberkunst". Gerade diesen Aspekt rückt das Ludwig Forum Aachen jetzt in den Fokus.

Seit 1970 hat die Sammlung Ludwig in Aachen ihren festen Ort. Als eine der größten und wichtigsten Sammlungen für zeitgenössische Kunst zeugt sie vom Weitblick Peter und Irene Ludwigs: Schon früh haben sie die damals auf dem Kunstmarkt noch völlig unterrepräsentierte und nicht ernstgenommene Kunst von Frauen gekauft - von vielen abgetan als "Weiberkunst". Gerade diesen Aspekt rückt das Ludwig Forum Aachen jetzt in den Fokus.

Bezeichnenderweise zeigte bereits die erste Präsentation der Sammlung in Aachen unter dem Titel "Klischee und Antiklischee" Werke von 18 Künstlerinnen aus ganz Europa. Hieran knüpft die aktuelle Ausstellung nahtlos an. Sie präsentiert rund 100 Werke internationaler Provenienz aus fünf Jahrzehnten, die die Kuratorinnen aus den etwa 650 Werken der Sammlung ausgewählt haben (Zeid Fahrelnissa, "Karneval in Basel", 1953).

"Blumensprengung" lautet der subversive Titel der Schau: eine Anspielung an die wundervoll anarchisch-naive Fotoserie der Hamburger Künstlerin Annette Wehrmann, die zwischen 1992 und 1995 in Rabatten und Blumenkübeln des öffentlichen Raums Feuerwerkskörper zündete. Dadurch, dass die Schau diesen Titel übernommen hat, bekommt der Protest gegen die ästhetische Vereinnahmung der Umgebung durch behördliche Bestimmung erst den Bezug zur Weiblichkeit.

Überhaupt ist festzustellen, dass sich die präsentierten Künstlerinnen kaum mit ihrer Rolle als Frau auseinandersetzen. Oft klingt das nur en passant an. Oder wirkt irgendwie aufgesetzt. Müssen die Kuratorinnen wirklich darauf verweisen, dass die Künstlerinnen der "Pattern & Decoration"-Bewegung in den 1980er-Jahren in ihrer Ornamentik das "Klischee der Frau, deren kreative Leistung sich auf die Herstellung von Haushaltstextilien beschränkt" aufgegriffen haben? Irgendwie nicht (Werke von Sandrine Pelletier, Nancy Graves und Miriam Schapiro, v.l.n.r.).

Auch in der Arbeit von Mónica Giron mit ihren maßgeschneiderten T-Shirts, Leggings, Handschuhen und Socken für den Flamingo, den Kondor oder den Nandu geht es weniger um Attribute der Mütterlichkeit, als vielmehr um die schmerzlichen Prozesse der Kolonialisierung ("Mitgift für einen Eroberer", 1993).

In manchen Arbeiten ist der Bezug zur Rolle im Geschlechterkarussell durch den Titel offensichtlich. So in Nairy Baghramians Skulpturengruppe "Damenrad" (2009), die offenbar die männliche Querstange des Gefährts durch eine neue Formgebung okkupiert (im Hintergrund: Gemälde von Karin Götz alias Rissa).

Und in Anna Oppermanns raumgreifendem Raum "Gurken und Tomaten / Frau sein" (1968-1976) geht es darum, dem Betrachter in den Entstehungsprozess eines Kunstwerks transparent mit einzubeziehen.

So zeigt sich, wie emanzipiert auch von den Rollenmustern die Künstlerinnen seit den 1960er Jahren waren. Und wie intensiv sie die Kunst vorantrieben, statt ihre Rolle immer wieder zu thematisieren. (Rune Mields, "Nr. 26", 1969).

Genau solche Aspekte machen die Sammlung Ludwig bis heute aktuell. Von gesellschaftskritisch bis poetisch ist alles dabei (Suzan Pitt, "Spargel-Theater", 1974-1978).

Viele Rollenklischees und Wunschvorstellungen entpuppen sich ja ohnehin oft als Luftnummer. So wie der Mythos von der Liebe. Heike Webers Arbeit "Amor & Psyche", die ein Paar in für sie ernüchternden Minuten nach dem Beischlaf zeigt, besteht aus einem roten Faden, der über unzählige silberne Nagelstifte gespannt ist. In tagelanger mühevoller Arbeit von der Künstlerin an die Wand gebracht, passt er, wieder abgenommen, in eine kleine Schachtel.

"Blumensprengung" macht deutlich, wie sehr Peter und Irene Ludwig beim Sammeln offenbar auch am Spannungsverhältnis von Männer- und Frauenbildern interessiert waren. Das zeigt ein Blick in die "Highlights der Sammlung", die passend zur Eröffnung der Sonderschau neu arrangiert worden sind. Und, ihrer "weiblichen" Exponate beraubt, wie hier zu sehen, den nackten Männerblick auf Frauenkörper präsentiert.

Aber es gibt natürlich auch im männlichen Part viel Spannendes zu sehen.

"Blumensprengung. Künstlerinnen der Sammlung Ludwig" ist erst ab dem 19. April zu sehen - das Ludwig Forum Aachen hat wie viele andere Museen wegen der Corona-Krise geschlossen (Detail von Anna Oppermanns "Gurken und Tomaten / Frau sein") . Die Eröffnungsveranstaltung am Samstag (14.03.20) war abgesagt worden.

Stand: 16.03.2020, 09:50 Uhr