Ai Weiwei präsentiert Ausstellung in Düsseldorf

Der chinesische Künstler Ai Weiwei macht auf einer Pressekonferenz in Düsseldorf ein Selfie.

Ai Weiwei präsentiert Ausstellung in Düsseldorf

  • Raumfüllende Werke in K20 und K21
  • Leitmotiv: "Alles ist Kunst, alles ist Politik"
  • Bisher größte Ausstellung Weiweis in Europa

Der chinesische Künstler Ai Weiwei hat am Donnerstag (16.05.2019) in Düsseldorf seine aktuelle Ausstellung präsentiert. Die Museen der Kunstsammlung NRW zeigen Werke Ai Weiweis aus den vergangenen vier Jahrzehnten, darunter begehbare Installationen und raumfüllende Skulpturen. "Ich bin berührt, sie zusammen zu sehen", sagte Ai Weiwei.

Ai Weiweis Kunstinstallation Life Cycle

"Life Cycle" ist erstmals in Europa zu sehen

Die bisher größte Ausstellung des Künstlers in Europa steht unter dem Leitmotiv "Everything is art. Everything is politics". Sie soll zeigen, wie eng Ai Weiweis Kunst mit seinem politischen Engagement in Verbindung steht.

Flüchtlingsboot aus Bambus

Erstmals in Europa zu sehen ist in Düsseldorf die monumentale Arbeit "Life Cycle". Das über 17 Meter lange Flüchtlingsboot, geflochten aus Bambus und Sisalgarn, steht im K21.

Das K20 präsentiert unter anderem Weiweis Schlüsselwerk "Sunflower Seeds" aus dem Jahr 2010. Es besteht aus 100 Tonnen handgefertigten, individuell bemalten Sonnenblumenkernen aus Porzellan. Diese wurden von 1.600 Mitarbeitern in einer traditionsreichen chinesischen Porzellanmanufaktur zwei Jahre lang hergestellt.

Künstler Ai Weiwei hält handbemalte Porzellan Sonnenblumenkerne in den Händen

Weiweis "Sunflower Seeds" sind aus Porzellan und handbemalt

Weiwei thematisiert damit die Rolle des traditionellen Handwerks im Zeitalter von Massenproduktion und Globalisierung.

Nähe zum Düsseldorfer Joseph Beuys

"Als Aktivist ist er Künstler und als Künstler ist er Aktivist", sagt die Direktorin der Kunstsammlung NRW, Susanne Gaensheimer, über Ai Weiwei. "Mit dieser Erweiterung seines Kunstbegriffs, bei dem politisches und künstlerisches Handeln nicht zu trennen sind, steht Ai Weiwei sicherlich den Gedanken von Joseph Beuys sehr nahe."

Ai Weiweis Kunstinstallation Laundromat

Die begehbare Installation "Laundromat" ist im K21 zu sehen

Ai Weiwei wurde 1957 in Beijing geboren. Als Künstler, Architekt, Kurator, Filmregisseur und Fotograf hat er weltweit Bekanntheit erlangt. Wegen regierungskritischer Äußerungen saß Weiwei 2011 in China im Gefängnis und hatte bis 2015 Reiseverbot. Seit einigen Jahren lebt er in Berlin.

Offizielle Eröffnung der Düsseldorfer Ausstellung ist am Freitagabend (17.05.2019). Von Samstag (18.05.2019) an ist sie bis zum 1. September für Besucher geöffnet.

Kunstsammlung NRW zeigt Ai Weiwei

Von Thomas Köster

Politische Selfies mit Stinkefinger, die Kleider geflüchteter Menschen oder 60 Millionen Sonnenblumenkerne aus fair produziertem Porzellan: Die Werke Ai Weiweis sind spektakulär und provokant. Und sie bringen die Krisenherde der Welt ins Museum und jetzt auch nach Düsseldorf.

Ai Weiwei, Kunstsammlung NRW, Düsseldorf 2019 (Ausstellungsansicht)

"Alles ist Kunst. Alles ist Politik." Das ist das simpel klingende, aber im Grunde hoch komplexe Motto Ai Weiweis. Vordergründig einfach und doch extrem doppelbödig beschäftigt sich Ai Weiweis Kunst mit seinem Leben als Dissident - immer im Spannungsfeld zwischen der repressiven Politik seines Heimatlandes China und den krisenhaften Umbrüchen in der Welt.

"Alles ist Kunst. Alles ist Politik." Das ist das simpel klingende, aber im Grunde hoch komplexe Motto Ai Weiweis. Vordergründig einfach und doch extrem doppelbödig beschäftigt sich Ai Weiweis Kunst mit seinem Leben als Dissident - immer im Spannungsfeld zwischen der repressiven Politik seines Heimatlandes China und den krisenhaften Umbrüchen in der Welt.

Die Kunstsammlung NRW widmet dem chinesischen Konzeptkünstler und Aktivisten jetzt eine umfangreiche Retrospektive. Es ist Ai Weiweis größte, jemals in Europa gezeigte Schau ("Study of Perspective", 1995-2011).

In den beiden Ausstellungsgebäuden sind Werke aus vier Jahrzehnten versammelt, die sich dezidiert mit dem Verhältnis von Individuum und Staat auseinandersetzen, aber auch mit der aktuellen Flüchtlingskrise.

Dazu gehört mit den "Sunflower Seeds" auch Ai Weiweis vielleicht berühmteste Arbeit: 60 Millionen einzeln angefertigte Sonnenblumenkerne aus Porzellan, die in der "Klee Halle" am Grabbeplatz auf 650 Quadratmetern eine ungeheure plastische Präsenz entfalten.

Rund 1.600 Kunsthandwerker der chinesischen Porzellanmetropole Jianxi fertigten "Sunflower Seeds" in zweieinhalb Jahren - zu einem fairen Lohn. Chinesische Tradition und postmaoistischer Monopolismus werden hier ebenso reflektiert wie das Verhältnis von künstlerischem Ich und produzierender Masse.

Flankiert werden die 100 Tonnen der "Sunflower Seeds", die nach ihrer spektakulären Erstpräsentation in der Londoner Tate 2010 erstmals wieder komplett zu sehen sind, mit "Zodiac" (2018): 12 Bilder von chinesischen Tierkreiszeichen vor berühmten Bauwerken, die das Ausgeliefertsein des Menschen im Schicksalskreis symbolisieren.

Gefertigt ist "Zodiac" aus Hunderttausenden von Legosteinen, ihrerseits wieder Symbol des Wechselspiels von Kreativität und Massenproduktion. Es dauerte Jahre bis Ai Weiwei das Unternehmen von einer Zusammenarbeit überzeugen konnte: Zu groß war anfangs die Sorge, dass das eigene Image durch die Marke "Ai Weiwei" Schaden nehmen könnte.

Es gehört bei den teils als übermonumental empfundenen Arbeiten Ai Weiweis schon fast dazu, dass die Mächtigen Anstoß nehmen. Das gilt vor allem für das Regime in China. Ai Weiwei hat unter anderem seine eigene Überwachung durch dieses Regime dokumentiert - in Form von vermeindlichen Selfies. ("Illumination", 2008) ...

Außerdem dokumentiert er eindrücklich seine eigene Inhaftlierung nach seinen Menschenrechtsaktivitäten im Rahmen der Proteste in China im Jahr 2011. Diese war geprägt durch eine Omnipräsenz des Staatsapparats: Selbst auf die Toilette wurde der Künstler von zwei Polizisten begleitet.

Bei der sechsteiligen Installation "S.A.C.R.E.D" (2011-2013) kann man durch Fenster in den Wänden und in der Decke in den Nachbau von Ai Weiweis Zelle schauen - und wird so unweigerlich selbst zum beobachtenden Voyeur.

Was die chinesische Regierung empört, sind Werke wie "Straight" (2008-2012) - also konkrete Anspielungen auf die mit Korruption und Menschenverachtung verbundenen politischen Machtstrukturen. Die 164 Tonnen Armierungseisen ließ Ai Weiwei aus den Trümmern jener Schulgebäude bergen, die 2008 beim verheerenden Erdbeben von Sichuan einstürzten - wegen Baumängeln, wie Ai Weiwei nachwies. Tausende von Schulkindern starben.

Über mehrere Jahre ließ der Künstler die durch die Naturgewalt verformten Eisenteile geradebiegen und präsentierte "Straight" bisher zumeist auf dem Boden liegend als Landschaft. In Düsseldorf ruhen sie in hölzernen Transportkistensärgen - verloren auch im Niemandsland des Kunstbetriebs.

Überhaupt prägt häufig eine Art Weiterdenken Ai Weiweis Arbeiten. Das trifft auch auf sein (schier unfotografierbares) Werk "Life Cycle" (2018) zu, das Menschen und Tierwesen in einer Arche Noah aus Bambus zusammenbringt. Eine deutliche Referenz auf jenes echte Flüchtlingsboot, das Ai Weiwei ins Museum stellte und dafür zahlreiche Proteste erntete.

Werke wie diese haben dem Künstler den Vorwurf eingebracht, menschenverachtend zu sein und zynisch mit dem Schicksal von in Not geratenen Menschen umzugehen. Wer die Düsseldorfer Schau mit ihren doppelbödigen und anspielungsreichen Werken gesehen hat, kann diesen Vorwurf eigentlich nicht mehr verstehen ("Brain Inflation on Plate", 2012, CT-Aufnahme der Hirnverletzung Ai Weiweis nach Schlägen durch die Polizei).

Er sei "berührt", seine Werke in Düsseldorf endlich wieder einmal vereint zu sehen, sagt Ai Weiwei. Eine ähnliche Emotionalität wird sich der Künstler vielleicht auch von seinem Publikum erhoffen. Dass sein Werk gerade den traurigsten Episoden der Zeitgeschichte eine gewisse Kühle entgegenhält, mag dies vielleicht ein wenig erschweren (im Hintergrund: "Circle of Animals", 2011).

Deutlich wird dies in einer Installation wie "Laundromat" von 2016: Sie präsentiert die Kleidungsstücke Geflüchteter aus dem griechischen Flüchtlingslager Idomeni, die nach der Räumung zum zweiten Mal vertrieben wurden.

Ai Weiwei hat die T-Shirts, Jacken, Schlafsäcke und Hosen aufgekauft, gereinigt und nach Kleidungsgruppen sortiert. Die Gegenstände werden so von den konkreten, höchst dramatischen Zeitläuften auf eine sehr sterile Art und Weise abstrahiert.

Gleichzeitig macht die Abstraktion den Kopf frei für Assoziationen und Reflexionen, die auch das eigene Leben betreffen. So, wie sich "Laundromat" präsentiert, könnten die Kleidungsstücke auch auf dem heimischen Flohmarkt hängen. Oder anders herum gedacht: Vertreibung und Leid kann uns allen drohen.

Das ist sehr philosophisch gedacht - doch so wie Ai Weiwei Tradition und Moderne, Kultur und Krieg, Ich und Welt zusammenbringt, ist das vor allem aber auch große Kunst ("Safe Sex", 1998).

Die Düsseldorfer Schau präsentiert daneben auch noch das Frühwerk Ai Weiweis, das nicht nur in der chinesischen Malerei, sondern auch in der Pop-Art Andy Warhols wurzelt. Im Bild: "Untitled (Yantei, Shandong)" von 1977.

"Ai Weiwei" ist noch bis zum 1. September 2019 in den Gebäuden K20 und K21 der Kunstsammlung NRW zu sehen. Wer nicht beide Orte aufsuchen kann, muss sich zwischen Monumentalität und Reflexion entscheiden ("Fragments of Blue-and-White Dragon Bowl", 1996):

Im K20 sind mit den "Sunflower Seeds" und "Straight" zwar zwei Schlüsselwerke zu sehen, ...

... dafür präsentiert das K21 den schlüssigeren, wesentlich engagierter kuratierten Teil ("Camera With Plint", 2015).

Stand: 16.05.2019, 12:43