"Wie konnten die nur auf so eine Idee kommen?"

Erinnerung an Kölner Anschlag wird wach

"Wie konnten die nur auf so eine Idee kommen?"

Von Robert Franz

Nichts erinnert in der Keupstraße an die Explosion einer Splitterbombe vor sieben Jahren. Doch in den Köpfen der Besitzer eines Friseursalons ist der Anschlag bis heute präsent. 22 Menschen wurden damals verletzt, darunter auch einer der Salonbesitzer.

Blick in die Keupstrasse in Köln-Mülheim

Salon Özcan in der Keupstraße

Geschäftiges Treiben auf der Keupstraße am Samstagnachmittag (12.11.2011). Viele Familien erledigen ihren Wochenendeinkauf und manche auch noch einen Besuch beim Friseur. Im Salon von Yildirim Özcan ist jeder Stuhl vor den großen Spiegeln besetzt. Auch der Inhaber hält einen Rasierer in der Hand. Trotzdem ist es an diesem Samstag anders als sonst. Die Gespräche bestimmt ein Thema, das viele die regelmäßig hier herkommen schon längst verdrängt hatten: Die Explosion einer Splitterbombe am 9. Juni 2004. Genau vor dem Salon hatten die Täter den Sprengsatz auf einem Fahrrad abgestellt. Gefüllt mit Nägeln.

Mehr als sieben Jahre später wird Yildirim Özcan von seinen Kunden auf den Anschlag angesprochen. Sie haben, wie er, aus den Nachrichten erfahren, dass die mutmaßlichen Täter zwei Neonazis sind, die sich vor wenigen Tagen in Eisenach erschossen haben.

Seelische Wunden sind nicht verheilt

Friseur Özcan in deinem Frisiersalon in der Keupstraße in Köln-Mülheim

Yildirim Özcan

Was die Aufklärung des Anschlags angeht, gibt sich Özcan mäßig zuversichtlich. "Zufrieden bin ich erst, wenn das zu 100 Prozent feststeht." Dennoch freut es ihn, dass damit ein Zusammenhang mit seinem Salon nun ein für alle Mal vom Tisch zu sein scheint. Bei den Ermittlungen nach den mutmaßlichen Tätern war auch ein Kunde des Salons ins Gespräch gekommen, der einer türkischen Bande angehört haben sollte, und dem der Anschlag möglicherweise gegolten habe. Doch mit diesen Mutmaßungen ist es nun vorbei.

Dennoch: Die Wunden, die der Anschlag in der Familie gerissen hat, sind bis heute nicht ganz verheilt. Yildirin Özcans Bruder, der sich zum Zeitpunkt der Explosion im Salon aufhielt, hat keine körperlichen Einschränkungen zurückbehalten, doch in der Seele des Mannes nagt der Anschlag bis heute. "Mein Bruder kann die Bilder nicht aus seinem Kopf streichen", sagt der Salonbesitzer. Dass sein Bruder heute nicht mehr dort arbeite, habe jedoch private Gründe gehabt.

Dass offenbar rechtsextreme Straftäter hinter dem Anschlag stecken, ist für Özcan unverständlich. "Wie konnten die nur auf so eine Idee kommen, Menschen zu töten, weil sie aus einem anderen Land kommen."

Nach dem Anschlag im Stich gelassen?

Blick in die Keupstrasse in Köln-Mülheim

Erinnerungen sind verblasst

Nach dem Anschlag hatte Kölns damaliger Regierungspräsident, Jürgen Roters, versprochen, der erste Kunde in wieder hergestellten Salon zu sein. Daran habe sich Roters auch gehalten, erinnert sich der Salonbesitzer. Viele der Kosten, die mit dem Wiederaufbau entstanden seien, hätten er und seine Familie aber selbst tragen müssen. Und einer seiner Kunden ergänzt: "Eine psychologische Betreuung gab es gar nicht." Özcan empfindet auch, dass er und seine Familie damals im Stich gelassen wurden. Nun hofft er, dass mit der Aufklärung der Tat endgültig Ruhe einkehrt und die Erinnerungen an den Anschlag langsam verblassen werden.

Draußen vor dem Salon in der Keupstraße ist das Attentat für die Menschen, die ihre Wochenendeinkäufe erledigen, kein Thema: "Ach, dass haben wir schon lange vergessen." So einfach wird es der Friseur nicht haben.

Stand: 12.11.2011, 18:00

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