SPD-Hochburg in NRW

Oliver Wittke spielt Fußball

Jagd auf den Stimmenkönig

SPD-Hochburg in NRW

Von Maike Jansen

Gelsenkirchen ist traditionell rot. Doch bei dieser Bundestagswahl tritt hier für die CDU einer an, der die SPD schon einmal überraschend schlagen konnte: Ex-Oberbürgermeister Oliver Wittke will den Sozialdemokraten ihre Hochburg nicht kampflos überlassen.

Oliver Wittke war schneller. Selbstbewusst lächelnd blickt er von einem Plakat über den Ückendorfer Marktplatz, auf dem der SPD-Ortsverband an diesem Morgen seinen Wahlkampfstand aufbaut. "Da seid ihr ja endlich", werden die Männer unter dem roten Schirm von einem Passanten begrüßt, "die Schwatten sind schon seit Wochen hier."

Die Szene erinnert an die Geschichte vom Hasen und dem Igel: Auch wenn er eigentlich chancenlos ist, ist der trickreiche Igel immer als erster am Ziel. Es ist ein Wettrennen mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen, das hier im Wahlkreis Gelsenkirchen ausgetragen wird. Der Titelverteidiger heißt Joachim Poß. Seit 1980 holte er bei jeder Wahl das Direktmandat in Gelsenkirchen, war bei der letzten Bundestagswahl erfolgreich wie kein anderer Kandidat der SPD bundesweit. 54,3 Prozent der Erststimmen konnte er 2009 für sich gewinnen, der Gegenkandidat der Union magere 26,1 Prozent.

Wittke genießt noch heute seinen Triumph

Doch vor dieser Wahl hat die CDU einen besonderen Herausforderer für Poß ausgewählt: Oliver Wittke, den ehemaligen Verkehrsminister von NRW, aber auch den ehemaligen Oberbürgermeister der Stadt Gelsenkirchen. 1999 zog er bei der Kommunalwahl überraschend ins Rathaus ein, noch heute genießt er den Triumph: "Mein Vorgänger hatte damals schon einen neuen Teppich für sein Büro bestellt, den habe ich dann wieder abbestellt", erzählt Wittke – das motiviere ihn auch in diesem Wahlkampf: "Bange machen gilt nicht, damals hat auch niemand geglaubt, dass das möglich wäre."

SPD-Hochburg Gelsenkirchen

Joachim Poß weiß, dass er sich nicht auf den komfortablen Ergebnissen der letzten Wahlen ausruhen kann. Gut gelaunt steht er deshalb an diesem Morgen in Gelsenkirchen-Ückendorf und verteilt Rosen. Die Helfer des Ortsverbands haben die Blumen am Morgen im Discounter gekauft, ein bisschen schlaff lassen sie schon ihre Köpfe hängen. "Jungs, wo habt ihr denn die her? Die kann man doch nun keinem mehr andrehen", sagt Poß – trotzdem spaziert er mit dem Strauß über den Marktplatz und anschließend durch die Einkaufsstraße.

"Stimmung so gut wie zuletzt 1998"

Poß hat schon viele Wahlkämpfe gemacht, trotzdem wirkt er an diesem Morgen eher wie ein geduldiger Schüler, der sich von einer Gruppe junger Leute erklären lässt, was er nun zu tun hat: Beim Bäcker soll er Rosen verteilen, im Sonnenstudio und am Kiosk ein paar Meter weiter. Die schlaffen Rosen sind durch rote Gerbera ersetzt worden, auch sie lassen schon die Köpfe hängen. "Guten Tag, mein Name ist Joachim Poß, darf ich Ihnen so eine Blume hier da lassen?", fragt der Kandidat in jedem Laden, plaudert dann ein bisschen über Pflaumenkuchen oder Urlaubsbräune, ehe er den Laden wieder verlässt.

Joachim Poß im Gespräch mit Gelsenkirchener Jugendhilfe

Der 64-Jährige hat sichtlich gute Laune – der Wahlkampf macht ihm Spaß: Während er in Berlin als stellvertretender Fraktionsvorsitzender und Finanzexperte vor allem in Ausschüssen und über Akten sitzt, kann er hier rausgehen und mit Menschen plaudern. "Die Stimmung ist so gut wie seit 1998 nicht mehr", sagt er, die Leute schimpften nicht mehr auf die SPD wie noch vor vier Jahren. Und auch Steinbrück komme erstaunlich gut bei den Leuten an, "da hatte ich mehr Prügel befürchtet", sagt Poß. Trotzdem nimmt er seinen Herausforderer ernst: "Herr Wittke ist hier ja kein Unbekannter, er war immerhin mal Oberbürgermeister der Stadt."

Wittke gibt den Ex-Bürgermeister

Die Oberbürgermeisterzeit ist das Pfund, mit dem Oliver Wittke wuchern will – das zeigt sich an einem Abend beim SV Gelsenkirchen Hessler 06. Gemeinsam mit dem Stadtverordneten hat Wittke hier drei Fußbälle an die Jugendmannschaft verschenkt, hat sich von einem Zehnjährigen ausdribbeln lassen und kommt nun noch ein bisschen außer Atem zu einer Runde von Bürgern und Lokalpolitikern, die darüber diskutieren, den zweiten Ascheplatz des Vereins zu verkaufen, weil Edeka dort eine Filiale bauen will.

Der Vorsitzende Rainer Konietzka führt die Gruppe über die Sportanlage, erzählt Geschichten aus alten Zeiten. An die will auch Wittke gern erinnern: "Ist das die Flutlichtanlage, die wir zusammen hier gebaut haben?", fragt er Konietzka, der nickt nur. Wittke lächelt stolz und blickt hinauf zu den Masten.

Traumziel Direktmandat

SPD-Hochburg Gelsenkirchen

Nach neun Jahren in Düsseldorf müsse er sich erst langsam wieder in die Kommunalpolitik einarbeiten, sagt Wittke, aber Wahlkampf mache er hier schließlich nicht zum ersten Mal: "Schon vor 30 Jahren habe ich hier für Ronald Pofalla Stimmen gesammelt." Damals war Wittke 16, heute ist er 46 und hat eine erstaunliche Karriere hinter sich: Nach Oberbürgermeisterzeit war er Verkehrsminister im Kabinett Rüttgers, dann Generalsekretär des CDU-Landesverbands.

Seit 2012 ist Wittke einfacher Abgeordneter im NRW-Landtag – nun hat er ein neues Ziel: Er will nach Berlin. "Nach Kommunal- und Landespolitik ist das eine neue Herausforderung", findet Wittke. Auf Platz 10 der Landesliste hat die CDU ihn gesetzt – kein sicheres Ticket nach Berlin, aber doch eine komfortable Ausgangslage. Wenn man ihn fragt, was ein Traumergebnis bei der Wahl für ihn wäre, dann lacht er und sagt: "Das Direktmandat zu gewinnen." Da ist er wieder, der Igel, der sich nicht vor dem Hasen fürchtet.

Stand: 04.09.2013, 06:00

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