Hilfe für japanische Atomkraftgegner

Japaner aus Kaarst unterstützt Aktivisten

Hilfe für japanische Atomkraftgegner

Auch in Japan gibt es Atomkraftgegner. Aber nach den Erfahrungen des in Kaarst lebenden Japaners Tonoyuki Takada bleiben deren Aktionen meist unbeachtet. Das könnte sich ändern, wenn sie Unterstützung aus Deutschland bekommen.

Tomoyuki Takada kam 1983 nach Deutschland und lebt seit 18 Jahren in Kaarst bei Düsseldorf. Der studierte Germanist arbeitet als freiberuflicher Übersetzer. Seine Großeltern sind durch die Atombombe in Hiroshima ums Leben gekommen. In der deutschen Anti-Atomkraft-Bewegung ist er seit deren Anfängen aktiv. Der drohende Super-GAU im AKW Fukushima veranlasste ihn vor einer Woche, von Deutschland aus eine Bürgerinitiative zu unterstützen, die seit mehr als 20 Jahren gegen das größte japanische Atomkraftwerk Hamaoka protestiert.

WDR.de: Warum unterstützen Sie die Bürgerbewegung gegen das AKW Hamaoka vom fernen Kaarst aus?

Tomoyuki Takada: Hamaoka liegt in einem Erdbebengebiet, an einer Grenze, wo sich die Erdplatten direkt untereinander schieben. Der Standort ist sehr gefährlich. Er ist für Erdbeben ab der Stärke 8 nicht ausgerüstet. Nach Fukushima habe ich gesagt, wir müssen die japanischen AKW vom Netz nehmen - unabhängig von ideologischen Standpunkten, einfach um Risiken zu vermeiden.

WDR.de: Bei Ihrer Aktion "Hamaoka Stop" haben Sie 450 Mails von Deutschen und Japanern gesammelt, die Sie unterstützen. Was können sie vor Ort bewirken?

Tonoyuki Takada steht an einem Strand

Tonoyuki Takada

Takada: Die Bürgerinitiative in Hamaoka hat zwar 27.000 Unterschriften gegen das Atomkraftwerk gesammelt, wird aber von den Entscheidungsträgern vor Ort nicht wirklich ernst genommen. Die Medien und die Präfektur halten das Thema unter dem Teppich. Über die Petition war nur im Internet zu lesen. Stimmen aus Deutschland haben ein ganz anderes Gewicht und finden viel mehr Beachtung als die der eigenen Bevölkerung. Die von mir gesammelten Mails könnten, wenn sie direkt an den Gouverneur weitergeleitet werden, einiges bewirken. Das sagen auch die Aktivisten vor Ort.

WDR.de: Wie kommt das?

Takada: Die Deutsche gelten in Japan als seriös und zuverlässig. Deutschland hat den Ruf, ein umweltorientiertes Industrieland zu sein. Deutschland hat für Japan Vorbildcharakter. So wurde beispielsweise die deutsche Verpackungsverordnung fast eins zu eins übernommen. Die deutsche Regierung hat nach der Katastrophe in Fukushima beschlossen, die ältesten Reaktoren hierzulande vorübergehend abzuschalten, eine Entscheidung von Tragweite, die in Japan mit Überraschung aufgenommen wurde. Allerdings ist in Japan Kritik an der Atomenergie fast ein Tabuthema. Die klassischen Medien in meiner Heimat haben deshalb über das Moratorium der deutschen Regierung zurückhaltend berichtet. Im Internet und auf Twitter dagegen ist die Resonanz auf solche Meldungen riesengroß.

WDR.de: Wie steht die japanische Bevölkerung zur Atomenergie?

Takada: Die Regierung betont massiv, dass etwa ein Viertel der Energieversorgung aus Atomkraftwerken kommt, der Bedarf an Energie weiter steigt und Atomenergie notwendig ist. Die Japaner sind nicht kritiklos, aber denken im Allgemeinen, dass sie von der Atomenergie abhängig sind, zumal wir selbst nicht über Erdölquellen oder Kohle verfügen. Sie sagen: Atomenergie ist schlecht, aber wir kommen davon nicht weg.

WDR.de: Wie groß ist die Anti-Atomenergie-Bewegung in Japan?

Takada: Zahlen kann ich nicht nennen. In Japan gibt es seit Jahren intensive Protestbewegungen, aber sie sind immer nur lokal aktiv gewesen. Wir haben keine Organisationen wie in Deutschland, die die Proteste in die breite Öffentlichkeit tragen und sich vernetzen. Im Internet und über Twitter sind jetzt erste Bestrebungen japanischer Aktivisten zu beobachten, die in diese Richtung gehen.

Japaner sind nicht wie die Deutschen. Es ist ein falsches Klischee, dass sie sich mit ihrer Meinung zurückhalten. Aber sie befürworten eine sanfte Vorgehensweise, versuchen, Polarisierungen zu vermeiden und haben keine wirkliche Streitkultur. Wie in Deutschland gegen Atomkraft zu demonstrieren, ist in Japan fast undenkbar. Im Kollektiv zu bleiben, ist sehr wichtig. Demonstrieren bedeutet, sich als Individuum zu zeigen. Dazu kommt die Angst, als Außenseiter oder politisch extremer Meinungsträger abgestempelt zu werden.

WDR.de: Ein Viertel des Energiebedarfs in Japan wird von Atomkraftwerken gedeckt. Glauben Sie, dass sich das nun ändern wird?

Takada: Technologisch und geografisch haben wir viele andere Möglichkeiten. Wir sind eine Insel mit sehr viel Küste. Es gibt Offshore-Wind- und Wellenkraftwerke. Japan ist ein Land mit Vulkanen, wir könnten Erdwärme nutzen. Dass in Japan so stark auf Atomenergie gesetzt wird, ist eine politische Entscheidung. Die Regierung, viele Politiker und Staatsbedienstete sind eindeutig für Atomkraft - auch nach Fukushima. Die Friedens-, Umwelt- und Anti-Atomkraft-Bewegungen sehen jetzt aber eine einmalige Chance, den Berg zu versetzen. Wir wissen, dass viele Menschen Atomkraft als ein notweniges Übel betrachten. Aber auf unserer Internetseite finden sich auch Beiträge von Japanern, die sagen, Fukushima habe sie zum Umdenken gebracht. Sie wollen sich jetzt gegen die Atomkraft engagieren.

Das Interview führte Stefanie Hallberg.

Stand: 25.03.2011, 19:24