Inselgeschichte, Lazarettbunker, Bombentrichter, Vogelschutz, Nationalparkhaus

Ehemaliger Bombentrichter in flacher Landschaft, jetzt mit Wasser gefüllt ist es ein wichtiges Vogelbiotop

Inselgeschichte, Lazarettbunker, Bombentrichter, Vogelschutz, Nationalparkhaus

Während des Zweiten Weltkrieges war Wangerooge wegen ihrer Lage militärstrategisch die wichtigste der Ostfriesischen Inseln. Rund 100 Bunker wurden hier gebaut, während des Krieges lebten bis zu 5.000 Mann der Marine und Luftwaffe auf der Insel. Am 25. April 1945 warfen 480 alliierte Bomber in nur 15 Minuten 6.000 Bomben über Wangerooge ab und hinterließen einen Trümmerhaufen. Die meisten Häuser wurden in Schutt und Asche gelegt; 300 Menschen starben. Um an diesen Angriff zu erinnern, läuten bis heute täglich um kurz vor 17 Uhr die Kirchenglocken auf der Insel.

Die Folgen des Kriegs

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden fast alle Bunker auf Wangerooge gesprengt. Erhalten geblieben und seit 2007 für die Öffentlichkeit zugänglich, ist der sogenannte Lazarettbunker. Er liegt in der Jadestraße schräg gegenüber dem Inselgymnasium. Der graue Bau hat runde, auffällige Dellen an der Außenseite, die einst der Tarnung dienten. Im Inneren gibt es u.a. einen Raum mit zehn Betten für Verwundete. Mit Führungen durch den "Großen Sanitätsunterstand", wie der Bunker offiziell hieß, will der Bürgerverein Gäste und Einheimische über die Folgen des Krieges für die Zivilbevölkerung aufklären. Hans Jürgen Jürgens ist über 90 Jahre alt und der "Inselchronist". Dienstags und freitags um 11.00 Uhr führt er Gruppen durch den Lazarettbunker.

Blick in einen ehemaligen Bunkerraum

Nur wenige Bunker sind auf Wangerooge erhalten geblieben. Der Lazarettbunker ist für die Öffentlichkeit zugänglich.

Bombentrichter und Vogelschutz

Der Krieg hat Spuren hinterlassen auf Wangerooge. Das sieht man vor allem, wenn man mit der Inselbahn über die Salzwiesen im Westen fährt: Die vielen Wasserlöcher sind ehemalige Bombenkrater und heute bedeutsame Vogelbiotope. Auf Wangerooge findet man ein reiches Vogelleben. Etwa 200 verschiedene Arten passieren regelmäßig die Insel auf ihrem Weg in die Brutgebiete und zurück. Rund 70 von ihnen brüten auf Wangerooge. Die Artenvielfalt ist gewaltig – besonders im Frühjahr und im Herbst. Während es im Inselinneren zahlreiche Singvogelarten gibt, leben am Meer vor allen Möwen, Kormorane, Enten- und Wattvögel. Naturschutzwarte des Vereins "Mellumrat" machen täglich ihre Inselrundgänge, erfassen Brut- und Gastvogelbestände und bieten auch vogelkundliche Führungen an. Meist sind es junge Leute, die sich um den Vogelschutz kümmern, zum Beispiel im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes. Der Verein unterhält zwei Nationalparkstationen als Wohn- und Arbeitsplatz für seine ehrenamtlichen Naturschutzwarte sowie für Gastforscher. Die winterfesten Häuser befinden sich in den Naturschutzgebieten an der Ost- und der Westküste der Insel.

Zwei junge Leute mit einem Spektiv zur Vogelbeobachtung am Strand

Meist sind es junge Leute, die sich ehrenamtlich um den Vogelschutz auf der Insel kümmern.

Ein Pottwal vor dem Nationalparkhaus

Das Nationalparkhaus Rosenhaus steht am Rande des Inseldorfs und ist nicht zu übersehen: Den Vorgarten schmückt ein zwölf Meter langes Skelett eines Pottwals, der 2016 vor der Insel gestrandet war. In einer Dauerausstellung erfahren Gäste Wissenswertes über das Wattenmeer, seine Entstehung und die Tierwelt. Die Ausstellung wurde 2015 neu eröffnet und bietet interaktive Module für jedes Alter, wobei der Fokus auf dem Thema "Zugvögel" liegt. In einem Meerwasseraquarium kann man verschiedene Tier- und Pflanzenarten beobachten, im Obergeschoss werden kurze Filme und Dokumentationen gezeigt. Der Eintritt ins Nationalparkhaus ist kostenlos. Die Mitarbeiter bieten fast täglich Führungen an, darunter Wattwanderungen und abendliche Exkursionen an die Ostspitze. Manche sind als Halbtagestour mit Picknick geplant.

Seehundretter

Im deutschen Wattenmeer werden jährlich rund 4.000 Seehunde geboren. Einige von ihnen verlieren den Kontakt zur Mutter und werden zu "Heulern". Schuld daran sind häufig Touristen, die den Tieren am Strand zu nahe kommen. Eilt Arnold ist einer von drei ehrenamtlichen Seehundrettern auf Wangerooge. Mit dem Seehund-Rettungsmobil fährt er raus, um gemeldete Seehunde zu finden. Ist der Seehund gesund, wird er an der Ostspitze ausgesetzt. Untergewichtige und verletzte Tiere werden mit dem Flugzeug zum Festland gebracht und in der Seehundstation in Norddeich versorgt und großgezogen.

Wanderung an die Ostspitze

Die starke Strömung und kräftige Winde setzen der Westseite schwer zu, während sich das abgetragene Land zum Teil im Osten wieder anlagert. So "wandert" die Insel allmählich. Innerhalb von 300 Jahren hat sie sich einmal um ihre gesamte Länge verschoben. Die Ostspitze Wangerooges ist fast unberührt mit großen Sanddünenlandschaften, Salzwiesen mit besonderen Pflanzen, Vögeln und Insekten und dem Watt. Bis in die 50er-Jahre des letzten Jahrhunderts legten hier die Schiffe an; heute ragen immer noch ein paar hölzerne Anlegerreste aus dem Sand. Der 1904 gebaute Ostanleger, der eine gezeitenunabhängige Verbindung zum Festland ermöglichte, wurde 1958 aufgegeben. Den flachen, von Prielen durchsetzten Oststrand teilen sich die wenigen Badegäste mit Seehunden. Der naturbelassene Ostteil fängt hinter dem Ostdeich an und ist nur zu Fuß zu erreichen. Die Sanddünen und Salzwiesen gehören zum Nationalpark Wattenmeer.

Tamina Kallert und ein Begleiter mit einem Akkordeon auf einem Holzsteg durch die Dünen

Tamina Kallert wandert zur Ostspitze der Insel.

Lesetipps zur Insel Wangerooge

Wangerooge im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer. KOMPASS Wanderkarte 1:15000 mit Aktiv Guide und Übersichtskarte
KOMPASS, 2019
ISBN 978-3990444702
Preis: 9,90 Euro

Nils Aschenbeck
Wangerooge. Geschichte und Gegenwart einer Insel
Eigenverlag, 2018
ISBN 978-1980279655
Preis: 14,52 Euro

Holger Bloem
Wangerooge: vom Meer berauscht
Ostfriesland Verlag, 2014
ISBN 978-3944841069
Preis. 24,90 Euro

Klaus Bötig
Ostfriesische Inseln, Baltrum, Borkum, Juist, Langeoog: Norderney, Spiekeroog, Wangerooge
MAIRDUMONT, 14. Aufl. 2019
ISBN 978-3829728584
Preis: 12,90 Euro

Stand: 09.08.2020, 20:15