Walfänger, Kapitänshäuser und "sprechende Grabsteine"

Luftaufnahme der Kirche St. Laurentii mit dem Friedhof

Walfänger, Kapitänshäuser und "sprechende Grabsteine"

Der Walfang war vom 17. bis 19. Jahrhundert die wichtigste Einnahmequelle der Inselbewohner – und machte sie reich. Allen voran Matthias Petersen (1632 bis 1706), der mit seiner Mannschaft 373 Wale erlegt haben soll und als der "Glückliche Matthias" in die Annalen einging. Zwar konnte sich kaum ein Föhrer selbst ein Schiff leisten. Wer es aber schaffte, zum Harpunier, Steuermann oder Kapitän aufzusteigen, wurde am Fangergebnis beteiligt – und konnte ziemlich wohlhabend werden.

Wenn die Walfangflotte auslief, war es für die Bevölkerung immer ein Spektakel. Zwar galten die Föhrer als sehr gute Seeleute, aber ihre Arbeit war hart und oft sehr gefährlich. Wie groß der Wohlstand war, sieht man auf Föhr an den bis heute erhaltenen, schmucken Kapitänshäusern. Viele der reetgedeckten, roten Backsteinhäuser sind liebevoll renoviert und in Ferienwohnungen umgewandelt.

Das Friesenmuseum und die Geschichte der Seefahrer

Zwei mächtige Unterkieferknochen eines Blauwals sind das Tor zum Gelände des "Friesenmuseums" in Wyk. Hier befindet sich nicht nur die umfangreichste kulturgeschichtliche Sammlung der nordfriesischen Inseln. Hier wird auch die Geschichte der Seefahrt und des Walfangs im nördlichen Eismeer bei Grönland und Spitzbergen lebendig. Auf dem Museumsgelände steht auch das älteste Haus der Insel. Es stammt aus dem Jahr 1617 und ist komplett eingerichtet. Hier lässt sich gut nachfühlen, wie die Menschen damals lebten – Tür an Tür mit ihrem Vieh. In der Nacht schliefen Eltern und Kinder gemeinsam in einem Bett: die Kleinen an der Wand, die Großen im Sitzen. Der Aberglaube, dass die Erwachsenen im Liegen der Tod holen würde, war im 17. Jahrhundert noch weit verbreitet.

Blick durch zwei aufgestellte Walknochen auf ein reetgedecktes Haus

Zwei Walknochen bilden das Eingangsportal zum Friesenmuseum in Wyk.

Das Grab des "Glücklichen Matthias"

Vom "goldenen Zeitalter" auf Föhr zeugen nicht nur die prächtigen Kapitänshäuser. Wer damals Geld hatte, ließ seine Geschichte in Stein meißeln: Auf den Friedhöfen der drei mittelalterlichen Kirchen St. Laurentii in Süderende, St. Johannes in Nieblum und St. Nikolai in Boldixum stehen "sprechende Grabsteine". Ihre Inschriften erzählen vom Familien- und Berufsleben der Walfänger und Kapitäne, aber auch von besonderen Ereignissen und von Ehrenämtern der Verstorbenen. Verziert sind sie mit einem Anker, einem Herz und einem Kreuz – den Symbolen der christlichen Seefahrt. Der größte Grabstein gehört dem "Glücklichen Matthias". Er wurde 1706 als reicher und angesehener Bürger im Kirchinneren direkt vor dem Altar beigesetzt. Weil aber seine Nachkommen nie die vereinbarte Gebühr an die Kirche bezahlten, wurden seine Überreste ausgebuddelt und vor die Tür gesetzt.

Im Vordergrund historische Grabsteine auf einem Friedhof, im Hintergrund Kirche mit einem massiven Turm

Die "sprechenden Grabsteine" auf dem Friedhof in Süderende

Lesetipps für Föhr-Besucher

Othmar Kyas
Föhr neu entdecken: Insel, Orte, Originale
Delius Klasing, 2019
ISBN 978-3667115072
Preis: 19,90 Euro

Nicole Funck, Michael Narten und Roland Hanewald
Föhr. Reise Know-How Reiseführer
Reise Know-How Verlag, 8. akt. Aufl. 2020
ISBN 978-3831732777
Preis: 12,90 Euro

Arnd M. Schuppius
Föhr und Amrum, Pellworm, Nordstrand, Halligen
MairDumont, 11. Aufl. 2017
ISBN 978-3829727563
Preis: 12,99 Euro

Volker Streiter
Nacht über Föhr. Ein historischer Küstenkrimi
Emons Verlag, 2018
ISBN 978-3740802868
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Stand: 05.04.2020, 20:15