Die schönsten Plätze zum Sterben

Der Filmemacher Bernd Schaarmann reiste mit der Frage um die Welt, wo es sich wohl am besten leben und sterben lässt.

Die schönsten Plätze zum Sterben

Der Filmemacher Bernd Schaarmann reiste mit der Frage um die Welt, wo es sich wohl am besten leben und sterben lässt. Er besuchte Partys auf dem Friedhof, fand Betten auf Gräbern und begegnete Menschen, die überraschend positiv mit dem Tod umgehen.

Im nördlichen Bereich stehen die meist bunt angepinselten Gräber dicht an dicht, während im südlichen Teil vorwiegend große Mausoleen zu finden sind.

Alltag auf dem Friedhof: Rolando (weißes T-Shirt, vorne rechts) zeigt seinem Kollegen das nächste Einsatzgebiet. Sie arbeiten als Grabpfleger.

Herausgekommen ist bei dieser Weltreise ein Film voller Wärme, der zeigt, was Menschen im Angesicht des Todes verbindet: das Leben!

Der Tod und seine Bedeutung

Jeder Mensch braucht einen Ort, an dem er sich heimisch fühlt. Was, wenn dieser Ort der Friedhof ist? "Die schönsten Plätze zum Sterben" (Nice Places To Die) begleitet Menschen in ihrem hautnahen Kontakt zu Leichen und Skeletten. Für diese Menschen gehört der Tod auf ganz selbstverständliche und alltägliche Weise zum Leben dazu - ob freiwillig, aus traditionellen oder aus wirtschaftlichen Gründen.

Die Friedhofsbewohner arbeiten hart... und gönnen sich eine Mittagspause auf den schattigen Sarkophagen eines Grabhofes.

Manilas El Norte: Die Friedhofsbewohner arbeiten hart und verbringen ihre Mittagspause auf den schattigen Sarkophagen eines Grabhofes.

Der Film zeigt Menschen auf drei Kontinenten, die auf Friedhöfen leben oder gar ihre Toten zeitweise bei sich zu Hause beherbergen. Was passiert mit diesen Menschen? Sind sie anders als wir oder gleichen sie uns? Könnten wir neben Toten wohnen, wenn wir müssten? Fördert zum Beispiel der hautnahe Kontakt mit den Toten und das Leben auf dem Friedhof den menschlichen Gemeinsinn und das soziale Miteinander?

Zum Beispiel auf Manilas Friedhof Norte. Hier konkurrieren die Lebenden um freie Plätze mit den Toten. Aus den Slums fliehen sie hierher und finden ein neues Zuhause - bestenfalls im Mausoleum mit Dach über dem Kopf, schlimmstenfalls auf der Grabplatte unter freiem Himmel bei Regen. Auf über 5 km² leben tausende Filipinos mit ihren Familien. Illegal. Einer von ihnen ist Rolando (47), der in eine Friedhofsfamilie hineingeheiratet hat. Mal arbeitet er als Totengräber, mal als Tagelöhner auf dem Bau außerhalb der Friedhofsmauern. Auffallend oft betonen Rolando und seine Nachbarn das gute, friedvolle Miteinander. Jeder andere Ort in Manila, an den sie gehen könnten, wäre schlechter, krimineller. Auf dem Friedhof können sie überleben - jahrzehntelang. Für Rolando ist es kein Frevel in Norte seiner Familie ein sicheres Heim zu bieten, er betet für die Toten und ehrt sie, manchmal auch mit Gesang und dem Lachen seiner Kinder.

Das Leben in der Totenstadt

Ähnlich in Kairo. In dessen 10km langer Totenstadt el-Arafa im Herzen der Stadt leben mehrere 100.000 Menschen zwischen Minaretten, Lehmbuden und mit Ziegenblut beschriebenen Wänden. Die Ägypter halten die Totenstadt für einen unheilvollen Ort und meiden ihn. Doch Hanan (29) hat keine andere Wahl. In einem gemieteten Mausoleum zieht sie ihre beiden Kinder auf und schickt sie jeden Morgen zur Friedhofsschule. Hanan gehört zu den Ärmsten der Armen, aber sie gibt nicht auf. Sie will das Beste für ihre Kinder.

Geraldine und ihr kleiner Sohn bei der Morgentoilette in einer Ecke des von ihr als "Wohnung" bezogenen Grabes.

Leben auf dem katholischen Friedhof El Norte in Manila: Geraldine und ihr kleiner Sohn bei der Morgentoilette in einer Ecke des von ihr als "Wohnung" bezogenen Grabes.

Die Straßen el-Arafas sind fast ausgestorben. Die Friedhofsbewohner verbergen sich hinter den Mauern der Gräber. Den meisten ist es peinlich hier leben zu müssen. "Allah scheint uns nicht sehr zu lieben, sonst hätten wir ein besseres Leben", vermutet Hanan. Nur freitags löst sich die Spannung. Dann findet einer der größten Märkte des Landes statt. Ob Kamelbeine, Elektrogeräte, alte Münzen oder Militär-Equipment - hier gibt es alles. Der Konsum macht auch vor dem Friedhof nicht Halt.

Die Gesellschaft der Toten

Die Nähe zu Toten pflegt auch Ricardo (46). Die Priester seines Armenviertels in Buenos Aires hatten die Idee zu einer ganz speziellen ABM-Maßnahme: Mit Hilfe des arbeitslos gewordenen Ricardo wollten sie armen Menschen eine Bestattung im Kreise ihrer Familie ermöglichen - in der Hauptstadt genauso wie in ihren oft weit entlegenen Heimatdörfern. Seit über 15 Jahren fährt Ricardo Leichen in seinem alten, weißen Lieferwagen durch großartige Landschaften quer durch Argentinien - tagelang, Kilometer über Kilometer. Einzig die Toten leisten ihm dabei Gesellschaft.

Ein Friedhof im Nordwesten der Provinz Jujuy

Ein Friedhof im Nordwesten der Provinz Jujuy: Hier grenzt Argentinien an Bolivien. Die Anden sind nicht weit entfernt.

Die Themen Sterben und Tod waren nicht neu für den Filmemacher Bernd Schaarmann. Sie begleiteten ihn von Anfang an. Als Regisseur hat er mit "Leben und Sterben in Castrop-Rauxel" seinen Eltern ein liebevolles Portrait gewidmet. Sie waren Bestatter in der Provinz. Auch in diesem Dokumentarfilm richtet er seinen Blick auf die - vielfach tragikomischen - Momente im Umgang mit dem Tod. Sein Dokumentarfilm zeigt, dass man im Angesicht des Todes das Leben oft auf ganz neue Weise spüren kann.
Der Filmemacher selbst starb plötzlich und unerwartet im Alter von 46 Jahren - kurz nach Fertigstellung seines letzten Films.

Ein Dokumentarfilm von Bernd Schaarmann und Heike Fink
Redaktion: Jutta Krug

Stand: 29.10.2017, 17:55

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