Meine Kindheit an der Grenze

Jugendfoto und aktuelles Bild von Ulla Schmidt

Meine Kindheit an der Grenze

Im Unterröckchen schmuggelte die ehemalige Gesundheitsministerin Ulla Schmidt ein Viertelpfund Kaffee über die deutsch-niederländische Grenze. Familie Schmidt wohnte in Aachen unweit des Grenzübergangs, und jede Woche ging Ulla mit ihrer Großmutter "auf die andere Seite" zum Einkaufen auf dem Vaalser Markt. Der Hinweg wurde zu Fuß bestritten, der Rückweg erfolgte aufgrund der zusätzlichen "Belastung" mit dem Bus.

Maryanne Becker

Maryanne Becker aus dem belgischen Hauset: Als Kind übernahm sie kleine Schmuggelaufträge.

Wer im Grenzgebiet aufwuchs, kam in den 1950er und 60er Jahren unweigerlich mit Schmuggel in Berührung. Ob Kaffee, Butter, Zigaretten oder Petroleum - kaum ein Kind, das nicht mithalf, den Lebensstandard auf der "anderen" Seite ein wenig zu heben. Vor allem in den Nachkriegsjahren, als die Mütter die Kaffeebohnen dreimal brühten und es montags und dienstags Resteessen gab.

Die Sache mit dem Fußball

Rainer Bonhof ist in Emmerich am Niederrhein aufgewachsen. Noch heute schwärmt der Ex-Fußballprofi von der Schokoladenbutter, die seine Tante aus den Niederlanden mitbrachte. Ein Festtag für die ganze Familie. Bonhof war der erste deutsche Nationalspieler, der eingebürgert wurde. Ursprünglich besaß er einen niederländischen Pass. Den deutschen bekam er, als er für Deutschland in der Jugendnationalmannschaft gegen die Niederlande gespielt und das 1:0 geschossen hatte. „Rainer“, so hieß es damals, „auf dich werden wir in Zukunft nicht mehr verzichten können.“

Rainer Bonhof

Aufgewachsen in Emmerich: Ex-Fußballnationalspieler Rainer Bonhof

Nirgendwo anders kristallisieren sich die Unterschiede zwischen den Nachbarn noch heute so klar wie im Fußball. Franz van der Grinten, Jahrgang 1967, erinnert sich an das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft 1974: Deutschland gegen Holland. Der Jubel im elterlichen Garten war groß, einen Steinwurf weiter auf der holländischen Seite war Totenstille. Die entsprechenden Witze erzählt man sich im Grenzgebiet noch heute: Warum haben die holländischen Kinder so große Ohren? Damit ihre Mütter sie daran hochziehen können, um ihnen jenseits der Grenze den Weltmeister zu zeigen.

Niemandsland und Sperrzone

Frank Gommans

Frank Gommans: Der Hof seiner Eltern stand nach dem Krieg im Niemandsland.

Bauernsohn Franz Gommans, Jahrgang 1927 musste erleben, wie die Grenze im Herbst 1939 mit einem breiten Stacheldrahtverhau abgeriegelt wurde. Nachbarschaftliche und verwandtschaftliche Beziehungen wurden abrupt unterbrochen. Als er nach dem Krieg zurück kehrte, stand der elterliche Hof im "Niemandsland", in der Sperrzone. Obwohl man sich in den Grenzregionen schnell wieder als Nachbarn empfand, haftete den Zöllnern, Hunden und Barrieren in den Augen der Kinder immer etwas Unheimliches an.

Ein Film von Ulrike Brincker
Redaktion: Adrian Lehnigk, Monika Pohl

Stand: 11.05.2018, 10:58

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