Kulenkampffs Schuhe

Hans-Joachim Kulenkampff steht in der Studiodekoration

Kulenkampffs Schuhe

"Einer wird gewinnen", "Dalli Dalli" oder die "Peter-Alexander-Show" – die großen Unterhaltungsshows des Fernsehens der 60er und 70er Jahren waren Kult. Wie die Familie der Regisseurin Regina Schilling lassen sich die meisten Rundfunkteilnehmer am Samstagabend von Wirtschaftswunder, Kriegstraumata und Verdrängungsversuchen erfolgreich ablenken.

Hans Joachim Kulenkampff

Gentleman: Hans-Joachim Kulenkampff präsentierte sich stets als charmanter Mann von Welt.

Die Sendungen sind auf ihre Weise Garanten des Wiederaufbaus. In "Kulenkampffs Schuhe" spürt Schilling dem doppelten Boden dieser Formate, ihrer therapeutischen Funktion und den gebrochenen Biografien ihrer Moderatoren nach. Hans-Joachim Kulenkampff, Hans Rosenthal oder Peter Alexander sind Ersatzväter und Schutzfiguren – und nicht zuletzt Mitwirkende am Auftrag der Re-Education. Der Film verwebt Regina Schillings persönliche Familiengeschichte mit der westdeutschen Fernsehgeschichte.

Eine Nation wird therapiert

Mit Einschaltquoten von 80 Prozent erlebte das Fernsehen in den 60er und 70er Jahren der Bundesrepublik goldene Zeiten. Die Familie saß am Samstagabend im Wohnzimmer, alle freuten sich auf "Einer wird gewinnen" mit Hans-Joachim Kulenkampff oder die "Peter-Alexander-Show".

Anneliese Rothenberger und Peter Alexander

Immer nur lächeln: Auch bei Peter Alexander war die leichte Muse Trumpf.

Der Film verwendet nur Archivmaterial und zeigt so Nachkriegsgeschichte auf eine überraschende, ungewöhnliche und berührende Art: Anhand von zahlreichen Showausschnitten von damals, Interviews, privatem Super8-Material, historischen Dokumenten und Fotos eröffnet sich eine ganz neue Sicht auf das Unterhaltungsfernsehen der Bundesrepublik: Es war angetreten, eine ganze Nation von ihren Kriegstraumata zu therapieren, ein unverzichtbarer Ruhepol. Ein Film, der generationsübergreifend herausfinden möchte, wie die Deutschen wurden, was sie sind.

Schöne neue Fernsehwelt

Hans Rosenthal mit seinen Assistentinnen im Studio

"Brigitte, was macht das in Schilling?" - Hans Rosenthal mit seinen Assistentinnen Brigitte Xander, Monika Sundermann und Mady Riehl (v.l.)

Hans-Joachim Kulenkampff und Peter Alexander waren die großen Fernsehhelden der Familie von Regisseurin Regina Schilling. Und natürlich, etwas später, Hans Rosenthal mit "Dalli Dalli". Die Quizshows verhießen leichte Unterhaltung, Entspannung, heile Welt. Entspannung hatte Schillings Vater nötig. Er arbeitete rund um die Uhr in seiner eigenen Drogerie. Eine Drogerie im Nachkriegs-Deutschland? Kaum etwas wurde mehr gebraucht: aufräumen, Wunden heilen, reparieren, saubermachen, Schädlinge bekämpfen.

Die Vergangenheit der Showmaster

Was sahen die Väter der Kinder, die da im Schlafanzug vor dem Fernseher saßen, in den Showmastern? Wussten sie, dass Kulenkampff sich an der Ostfront vier Zehen eigenhändig amputiert hatte? Fragten sie sich, ob Peter Alexander wohl auch bei der Hitlerjugend gewesen war? Bei der Wehrmacht, in Kriegsgefangenschaft? Wie die meisten jungen Männer dieser Generation?

Hatten sie davon gehört, dass Hans Rosenthal jüdisch war, sich in den Kriegsjahren als Vollwaise in einer Berliner Laube versteckte und jeden Moment damit rechnen musste, deportiert zu werden? Die Showmaster gehörten wie Regina Schillings Vater einer sehr besonderen Generation an: erst missbraucht vom Nationalsozialismus, dann eingespannt in das Hamsterrad der Nachkriegszeit, die von Traumatisierungen nichts wusste oder nichts wissen wollte.

Ein Film von Regina Schilling
Redaktion TV: Simone Reuter (SWR), Sabine Mieder (HR)

Redaktion Online: Jutta Krug (WDR)

"Kulenkampffs Schuhe" ist eine Produktion von zero one im Auftrag des Südwestrundfunks in Koproduktion mit dem HR.

Festivals und Auszeichnungen
Deutscher Fernsehpreis als beste Dokumentation, 2019
Grimme-Preis, 2019
3sat Dokumentarfilmpreis, 2018

Stand: 28.11.2019, 11:01

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