Jung sein nach dem Krieg – Ein neues Leben beginnt

Jung sein nach dem Krieg: Ein neues Leben beginnt WDR.DOK 06.05.2020 44:01 Min. UT Verfügbar bis 06.05.2021 WDR Von Jürgen Brügger, Jörg Haaßengier, Gerhard Schick

Jung sein nach dem Krieg – Ein neues Leben beginnt


Frühjahr 1945: Der Krieg ist aus. Das ganze Land liegt in Trümmern. Doch für die Menschen beginnt ein neues Leben - für die Kinder sind die Trümmerberge ihre Spielplätze; Granatsplitter, Munitionsreste, Fundstücke aus den zerbombten Häusern begehrte Sammel- und Tauschobjekte.

Die meisten Kinder können sich an den Frieden kaum erinnern. Sie kennen nur den Krieg. Und davor die Nazizeit - Hetzreden, Kanonendonner und Marschmusik. Und plötzlich kommen andere Klänge aus dem Radio - die Musik der ehemaligen Feinde, wie "In the mood".

sw-Foto Drei amerikanische Soldaten sitzen auf einer Treppe, vor Ihnen steht ein kleines Mädchen

Freundliche "Feinde": Die ersten US-Soldaten kommen vor allem mit Kindern ins Gespräch, Schokolade und Kaugummi halfen dabei.

Und Soldaten verteilen Schokolade und Bonbons. Gleichzeitig bangen viele Familien um Angehörige, um Väter, die in Kriegsgefangenschaft sind. Das Essen ist knapp, viele Wohnungen zerstört, und die Mütter versuchen irgendwie ihre Familien durchzubringen.

Wie war es, in einer solchen Welt jung zu sein - zwischen Hunger, Angst und der Hoffnung darauf, dass es bald besser werden würde; dass der Vater aus dem Krieg zurückkehrt; dass es in den Läden wieder etwas zu kaufen gibt - und ein sicheres Zuhause?

Berührende Geschichten

Blick auf das zerstörte Köln bei Kriegsende (Aufnahme vom 24.04.1945)

Kaum Wohnungen: Wie Köln waren zahlreiche Städte im Westen zu großen Teilen zerstört.

Anne Priller-Rauschenberg war 15 Jahre alt, als ihr klar wurde, dass der Krieg vorbei ist. Doch wie sollte es jetzt weitergehen? An normalen Schulunterricht war in den letzten Kriegsjahren nicht mehr zu denken gewesen. Von ihrem kleinen Bruder sagt sie, er sei "praktisch im Bunker aufgewachsen". Das Wohnhaus der Familie war zerstört. Die alte Ordnung lag zerschmettert am Boden, eine neue war noch nicht in Sicht.

Über Monate hauste Anne mit einigen Familienmitgliedern in einem zerbombten Häuschen, von dem nur noch der Boden und vier Wände übriggeblieben waren. Essen stahl sie von den umliegenden Bauernhöfen. Dann entdeckte ihre Mutter eine wiedereröffnete Tanzschule und schickte ihre Tochter zum Tanzunterricht. Anne Priller-Rauschenberg sagt heute, das Tanzen habe ihr das Leben gerettet. Heute ist sie 89. Und sie tanzt immer noch.

Ein kleiner Junge mit einer Decke im Arm auf einem Trümmerberg vor einem zerbombten Haus

Kindheit in Trümmern: Viele Kinder kannten bei Kriegsende kein normales Leben.

Ruth Barra musste als Siebenjährige mit ihrer Familie aus Ostpreußen fliehen und kam ins zerbombte Ruhrgebiet, nach Gelsenkirchen. Sie erzählt: "Ich hatte immer Hunger. Meine ganze Kindheit durch hatte ich diesen einen Traum: Ich wünschte sehnlichst, ein ganzes Brot zu besitzen. Das würde ich mir um den Hals hängen und immer abbeißen, wenn ich Hunger hätte."

Die letzten Zeugen

Im Frühjahr 2020 jährt sich das Kriegsende 1945 zum 75. Mal. Es wird der letzte runde Jahrestag sein, zu dem noch Zeitzeugen ihre ganz persönlichen Erlebnissen beitragen können. Die Filmemacher haben im ganzen Land Zeitzeugen gefunden, die ihnen bewegende und berührende Geschichten davon erzählt haben, was es hieß, nach dem Krieg Kind zu sein. Sie erzählen auch von den Momenten, als ihnen plötzlich klar wurde: "Jetzt ist der Krieg vorbei, das Leben beginnt neu".

Den Autoren ist es zudem gelungen, umfangreiches bisher kaum gezeigtes Archivmaterial vom Alltag und dem Leben nach dem Krieg zusammenzutragen. Es zeigt auf beeindruckende Weise, in welchem Umfeld die Zeitzeugen ihre Kindheit und Jugend erlebten.

Ein Film von Jürgen Brügger, Jörg Haaßengier und Gerhard Schick
Redaktion: Monika Pohl

Stand: 28.05.2020, 17:59

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