Goodbye Tommies! - Abzug der Briten aus NRW

sw-Foto: Wohnwagen für britische Soldatenfamilien

Goodbye Tommies! - Abzug der Briten aus NRW

Auf dem Höhepunkt waren mehr als 100.000 britische Soldaten in Deutschland stationiert, bis 2020 sollen die letzten Einheiten fast komplett nach Großbritannien zurückverlegt werden – übrigens ganz unabhängig vom Brexit. Dazwischen liegt eine erstaunliche Geschichte, die von Misstrauen und Besatzung in den Anfangsjahren bis hin zu guter Nachbarschaft und Freundschaft reicht und vom Siegeszug eines gemeinsamen Lebensgefühls erzählt.

sw-Foto: Ein junger Bauer und ein britischer Soldat sitzen auf einem Traktor, daneben das Ortsschild Delbrück

So durfte man sich näher kommen: Britische Soldaten wie John Hough halfen während der Arbeitsferien auf deutschen Bauernhöfen.

Unmittelbar nach Kriegsende war das Zusammenleben zwischen Siegern und Besiegten schwer. Es galt das Fraternisierungsverbot; die Briten errichteten eine komplette Parallelwelt für ihre Soldaten und deren Familien, mit eigenen Schulen und Geschäften, Kinos, Theatern und Sportanlagen. Immerhin erlaubten sie ihren Soldaten schon im Herbst 1946, deutsche Frauen zu heiraten.

Parallele Welten

Nach einer ersten Phase, in der die Besatzer in beschlagnahmten Wohnungen untergebracht wurden, errichteten die Briten einen eigenen Kosmos für ihre Soldaten und deren Familien. Rund um die Kasernen gab es eigene Schulen, Kinos, Theater und Sportanlagen. Für Deutsche nicht zugänglich, es sei denn, jemand hatte gute Beziehungen.

Britische Soldatenfamilien in Deutschland auf einer Tribüne sitzend

Gemeinsame Veranstaltungen hatten lange Seltenheitswert. Aber schon seit 1946 war es britischen Soldaten erlaubt, deutsche Frauen zu heiraten.

Umgekehrt war es für die zumeist jungen britischen Soldaten nicht ganz einfach, Kontakte zu deutschen Nachbarn der Standorte zu knüpfen. Die wenigsten sprachen deutsch, und in vielen Kneipen und Gaststätten wollte man die trinkfreudigen und mitunter lärmenden Gäste nicht unbedingt haben. "Out of bounds" – "Für Briten verboten" hieß es an vielen Türen.

Wunderwaffe Musik

Mit der Gründung der Bundesrepublik und mit dem Kalten Krieg veränderten sich die politischen Bedingungen. Aber vor allem waren es die Beatles und die Stones, die das Eis zwischen Briten und Deutschen schmelzen ließen. Wie keine andere britische Einrichtung hat der Soldatensender BFBS das Leben in Deutschland beeinflusst. Zielgruppe waren die britischen Soldaten, mit seinem Musikprogramm prägte BFBS aber vor allem das Lebensgefühl der deutschen Jugendlichen an Rhein und Ruhr. Zahllose Teenies lernten Englisch mit "Yeah, Yeah" und "Satisfaction", wurden neugierig auf Swinging London und kauften englische Klamotten. Für viele Erwachsene waren und sind die britischen Streitkräfte sichere und zuverlässige Arbeitgeber.

sw-Foto: Richtfest im neuen alliierten Hauptquartier in Mönchengladbach

Britischer Aufbau in Deutschland: Neben dem neuen alliierten Hauptquartier in Mönchengladbach wurde in NRW auch viel Wohnraum geschaffen.

Das alles brachte in den sechziger und siebziger Jahren die Wende in den Beziehungen. Jeder deutsche Standort pflegte jetzt die Nachbarschaft zu den britischen Soldaten. Deutsch-britische Clubs, Gesellschaften und Vereine hatten Konjunktur; gemeinsam wird die Liebe zum Fußball, zum Reitsport und zum Biertrinken gepflegt. Dabei war das Zusammenleben nicht immer Idylle, vor allem wenn englische Panzer zum Manöver donnerten oder wenn die Briten öffentlichen Raum für ihr Militär reklamierten.

Wehmut beim Abschied

Heute sind Tausende ehemaliger und aktiver britischer Soldaten mit einer Deutschen verheiratet, viele von ihnen sind nach ihrem Dienst in Deutschland geblieben. Jetzt steht der Abzug aller Truppen bevor, das ehemalige Hauptquartier in Rheindahlen bei Mönchengladbach ist längst geräumt. In Paderborn, Gütersloh oder Bielefeld, an allen Stationierungsorten macht sich Katerstimmung breit. Die Städte verlieren die Kaufkraft der britischen Soldaten, viele Deutsche werden ihren Arbeitsplatz verlieren. Und so mancher auch seine engsten Freunde.

Ein Film von Heinrich Billstein
Redaktion: Beate Schlanstein

Stand: 14.05.2019, 14:25

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