Hauptschule vor dem Aus? – Das lange Zittern

Hauptschule vor dem Aus? – Das lange Zittern

Im Karneval wird sie mit  "Dreimal null es null" besungen. 350 Schüler, 30 Nationen, 25 Lehrer. Eine Vorzeigeschule, aber auch möglicherweise eine sterbende Schule -  trotz aller Verdienste. Jedes Jahr müssen Schüler, Eltern und Lehrer zittern, ob es genug Neuanmeldungen für zwei fünfte Klassen mit jeweils achtzehn Kindern gibt.

Gebäude einer Kölner Hauptschule von außen

Mitten in der Kölner Innenstadt: die Traditionshauptschule "Kayjass".

Aus dem Lehrerkollegium haben schon einige Lehrer in einem früheren Job eine Hauptschule abwickeln müssen. Sie wissen, was es bedeutet, in einer „sterbenden“ Schule zu unterrichten. Das große Hauptschulsterben hat schon einige Kölner Hauptschulen erwischt, denn Eltern entscheiden sich bundesweit immer häufiger gegen das Modell Hauptschule. Das Image von der "Restschule" für all diejenigen, die es woanders nicht schaffen, sitzt fest in den Köpfen. Mit dazu beigetragen hat auch die Berichterstattung über die Ruetli-Schule im Berliner Problemkiez: stets gewaltbereite Jugendliche contra überforderte Lehrer. Das Modell Hauptschule steht seitdem für das Scheitern des dreigliedrigen Schulsystems.

Vorprogrammiertes Scheitern oder überraschender Erfolg?

Erfolgsgeschichten von Hauptschülern hört man nur selten. Viele Kinder sind schon in der Grundschule schlecht gestartet. Kommen sie dann in ein großes Schulsystem, gehen sie oft unter und landen am Ende als so genannte Rückläufer in der Hauptschule. Aber Schulleiter Manfred Lebek und sein Kollegium haben oft genug erlebt, dass ein scheinbar vorprogrammiertes Scheitern am Ende doch noch in einen guten Abschluss mündet.

Schuldirektor umarmt einen Schüler, der seinen Abschluss geschafft hat

Abschlussfeier der 10. Klassen: Rektor Manfred Lebek gratuliert herzlich.

Wie sieht Hauptschul-Alltag jenseits aller Klischees aus? Hat die Hauptschule als Schulform überlebt? Oder übernimmt sie nicht doch Aufgaben, die andere Schulen nicht leisten können? Der Film begleitet Kinder und Lehrer über mehrere Monate. Im Unterricht, bei der Berufsvorbereitung, im Praktikum, im Prüfungs-Stress und bei Proben und Aufführung der traditionellen Karnevalssitzung. Die persönlichen Geschichten der Schüler und Lehrbeauftragten ermöglichen einen Einblick in den Schulalltag, der nicht beim letzten Klingeln der Schulglocke aufhört. Denn die gesellschaftliche Stigmatisierung dieser Schulform wirkt sich auch in den Privatbereich aus.

Schüler und Lehrer wurden über mehrere Monate begleitet

Brauchtum ist an der Kayjass Unterrichtsfach. Und Brauchtum ist auch der Kitt, der bei der Integration mithelfen soll. An der alljährlichen Karnevalssitzung sind Schüler, Eltern und Lehrer gleichermaßen über Monate beteiligt. Sie ist das Ereignis des Jahres. Eine große Bühne für Schüler mit geringem Selbstbewusstsein. „Am Ende gehen die hier alle einen Kopf größer wieder raus“ so Manfred Lebek. Die große Sitzung ist aber auch Außendarstellung für die Schule. Denn wenn sie sich nicht präsentiert und von ihrer besten Seite zeigt, werden in diesem Jahr noch weniger Eltern ihre Kinder dort anmelden.

Lehrerin mit ihren Schülerinnen, die Mariechen-Kostüme tragen

Integration mittels Brauchtum: Mariechentanz hat in Köln eine lange Tradition.

Der Film wirft einen Blick auf eine Schulform, die in der öffentlichen Meinung keine Daseinsberechtigung mehr hat. Für viele Schülerinnen und Schüler ist ihre "Kayjass" jedoch immer noch mehr als nur eine Schule - ein Stück Heimat, wie sie in einem Kölschen Lied besungen wird:

Uns Schull he om Kreechmaat
He, am Kreechmaat, zwischen Wasserturm-Agrippabad,
steiht uns schull, em Hätze vun Kölle...
Wat heiß dann he: „Ihr sid doch nur en Hauptschull!“
De Hauptsach es, mer han en schull, wo mer all drop stonn.

Ein Film von Ulrike Brincker
Redaktion: Jutta Krug

 „HAUPTSCHULE VOR DEM AUS? - Das große Zittern“ ist eine Koproduktion von beta bande mit dem WDR.

Stand: 15.01.2018, 12:18

Startseite

Alle Sendungen

Unsere Videos