Colonia Dignidad – Aus dem Innern einer deutschen Sekte (2)

Colonia Dignidad: Aus dem Innern einer deutschen Sekte WDR.DOK Teil 2 von 2 17.06.2020 01:28:14 Std. UT Verfügbar bis 17.09.2020 WDR

Colonia Dignidad – Aus dem Innern einer deutschen Sekte (2)

Seit Sektenführer Paul Schäfer1961 mit seiner Gemeinschaft aus Deutschland nach Chile zog, lebten die Menschen in der "Colonia Dignidad" zunächst von ihrer Außenwelt abgeschirmt. Doch mehr und mehr öffnet sich die Gemeinschaft den Nachbarn und der chilenischen Öffentlichkeit.

Nach dem Militärputsch im September 1973 dient sich Schäfer auch den neuen Machthabern an: Geheimpolizeichef Manuela Contreras und Diktator Augusto Pinochet gehen fortan in der Kolonie ein und aus, während die Gegner des chilenischen Terrorregimes in den Kellern der Kolonie gefoltert oder getötet werden. Kein Kolonist will davon unmittelbar etwas mitbekommen haben, zu sehr sind sie mit dem eigenen Überleben beschäftigt.

Waffenschmuggel für Pinochet

Mädchenchor der Colonia Dignidad bei einer Aufführung.

Schöner Schein: Für angemeldete Besucher gab es ein Kulturprogramm.

Als die USA 1976 ein Waffenembargo gegen Chile verhängen, lässt Schäfer mit Hilfe des deutschen Waffenhändlers Gerhard Mertins Kriegsgerät in die Kolonie schmuggeln – und reicht es an Pinochet weiter. Der steht fortan in seiner Schuld.

Doch der Kolonie droht von anderer Seite Gefahr. Amnesty International und der UN gelingt die Enthüllung der Folter an Chilenen durch die Deutschen. In Deutschland setzt ein Unterausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe des Auswärtigen Amtes die Colonia Dignidad auf die Tagesordnung, hört Gegner und Unterstützer der Kolonie an.

Blick in einen dunklen leeren ehemaligen Folterkeller

Gute Beziehungen: Im Keller der Colonia Dignidad ließ die Junta Oppositionelle foltern.

Sektenführer Paul Schäfer erweitert sein Reich und schafft sich ein menschliches Schutzschild, das die Kolonie gegen Anfeindungen verteidigt. Er öffnet die sonst so abgeschottete Colonia Dignidad nun auch für die chilenische Bevölkerung: Essen, Freizeitbeschäftigung und Krankenversorgung sind umsonst.  Und er vergeht sich nun auch an chilenische Jungen. Doch anders als die deutschen Opfer vertrauen sich die chilenischen Jungen ihren Eltern an. Die sind geschockt und handeln.

Die chilenische Polizei ermittelt wegen Missbrauch

Der alte Paul Schäfer mit einer Tanzgruppe im Freien

Rückendeckung: Lange war Paul Schäfer unangefochtener Chef der "Colonia Dignidad".

Mehr als 30 Jahre, nachdem Schäfer nach Chile eingereist ist, nimmt die chilenische Polizei Ermittlungen auf – Schäfers jahrzehntelanger Missbrauch kommt ans Licht. Dem gelingt es, sich den Ermittlungen zu entziehen: Er versteckt sich zunächst auf dem weitläufigen Gelände der Colonia und flieht 1997 nach Argentinien.

Seine Anhänger bleiben sich selbst überlassen. Einige wenige werden als Helfershelfer verurteilt, alle anderen ringen bis heute darum, ein eigenes Leben zu leben.

Wer ist Opfer und wer ist Täter? Was ist in Anbetracht des Grauens und der zerstörten Leben gerecht? Wo fängt Schuld an und wo hört sie auf? Wie sieht die Zukunft der Kolonie aus, die sich heute Villa Baviera nennt? Angesichts des jahrzehntelangen politischen und moralischen Versagens sind dies Fragen, auf die es immer noch keine eindeutigen Antworten gibt.

Die zweiteilige Dokumentation taucht ein in die Abgründe der deutschen Sekte "Colonia Dignidad" - der "Kolonie der Würde". Hinter der strahlenden Fassade der deutschen Mustersiedlung herrschte Gewalt - bis hin zu Kindesmissbrauch. Durch erstmals gezeigte Aufnahmen und Berichte ehemaliger Sektenmitglieder kommt eine über 50 Jahre andauernde Geschichte zutage, von Tätern, Opfern, Unterstützern und Gegnern dieses Ortes, der zum Inbegriff des Bösen wurde.

Eine zweiteilige Dokumentation von Annette Baumeister und Wilfried Huismann.

Redaktion: Christiane Hinz (WDR), Barbara Schmitz (WDR), Ulrike Becker (SWR)

Stand: 28.05.2020, 09:39

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