Colonia Dignidad – Aus dem Innern einer deutschen Sekte (1)

Colonia Dignidad-Gründer Paul Schäfer mit Schäferhunden

Colonia Dignidad – Aus dem Innern einer deutschen Sekte (1)

Der selbst ernannte Prediger Paul Schäfer aus Bonn schart im Nachkriegsdeutschland Anhänger um sich – es sind Menschen auf der Suche nach Frieden, Hoffnung und Wohltätigkeit. Zunächst im kleinen Örtchen Gartow an der Elbe, dann in Heide bei Siegburg. Hier gründet die Gemeinschaft ein Jugendheim, das ein gottesfürchtiges Leben verspricht.

1961, im Schatten des Kalten Krieges, wandert die Gemeinschaft nach Chile aus. 350 km südlich von Santiago, fernab aller Zivilisation, gründen sie die "Colonia Dignidad", die "Kolonie der Würde", und wähnen sich im Paradies.

Harte Arbeit, Zucht und Ordnung

Menschen auf Traktoren fahren durch eine hügelige Landschaft, Aufnahme aus den 1960er Jahren

Arbeiten und gehorchen: In Chile mußten die Menschen für die "Colonia" hart arbeiten.

Inmitten unberührter Natur bauen sie innerhalb kurzer Zeit ein deutsches Musterdorf auf, mit Werkstätten, Landwirtschaft, Viehzucht und einem Krankenhaus für die notleidende chilenische Bevölkerung. 300 Deutsche verschreiben in Chile am Ende der Welt ihr Leben dem Dienst an Gott und den Armen - ein Vorbild an Solidarität und Aufrichtigkeit, so scheint es.

Die Bewohner wähnen sich im Paradies, das sich allmählich in eine Hölle verwandelt. Denn harte Arbeit, Gewalt und Missbrauch prägen ihren Alltag. Die ersten versuchen zu fliehen.

Gesucht wegen Kindesmissbrauch

Paul Schäfer umringt von Kindern, Aufnahme von 1960

Anziehungskraft: Sektengründer Paul Schäfer versammelte auch viele Kinder um sich.

Ihr Anführer Paul Schäfer verfolgt eine eigene Agenda: Er, der in Deutschland wegen Kindesmissbrauch gesucht wird, etabliert in Chile ein rigides System: Er zerstört Familien und lässt sein Anhänger bis tief in die Nacht arbeiten und beten. Jeder Widerstand wird im Keim erstickt.

Abgeschottet von der Außenwelt und unangreifbar in seiner Macht missbraucht Schäfer die Jungen der Kolonie, macht sie gefügig und abhängig.

Ein Junge sitzt im Garten und schaut in die Kamera

Günter Schaffrik: Er kam als Zweijähriger in die Colonia Dignidad.

1970 aber sieht er sein selbst ernanntes "Paradies" bedroht. Der Sozialist Salvador Allende wird Präsident in Chile und droht mit Enteignungen von Großgrundbesitzern. Schäfer verbündet sich daraufhin mit den Gegnern Allendes aus dem rechten Lager. Er rüstet die Gemeinschaft zum Krieg und greift brutal in die Politik Chiles ein.

Die zweiteilige Dokumentation taucht ein in die Abgründe der deutschen Sekte "Colonia Dignidad" - der "Kolonie der Würde". Hinter der strahlenden Fassade der deutschen Mustersiedlung herrschte Gewalt - bis hin zu Kindesmissbrauch. Durch erstmals gezeigte Aufnahmen und Berichte ehemaliger Sektenmitglieder kommt eine über 50 Jahre andauernde Geschichte zutage, von Tätern, Opfern, Unterstützern und Gegnern dieses Ortes, der zum Inbegriff des Bösen wurde.

Eine zweiteilige Dokumentation von Annette Baumeister und Wilfried Huismann.

Redaktion: Christiane Hinz (WDR), Barbara Schmitz (WDR), Ulrike Becker (SWR)

Stand: 28.05.2020, 09:35

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