Als das Gewissen geprüft wurde

Als das Gewissen geprüft wurde WDR.DOK 29.01.2020 44:09 Min. UT Verfügbar bis 28.02.2020 WDR Von Knut Weinrich

Als das Gewissen geprüft wurde

Ja oder nein zum Kriegsdienst an der Waffe? Diese Frage beschäftigte jahrzehntelang hunderttausende junger Männer in West- und Ostdeutschland. Es war ein großes Thema, das Familien unter Druck setzte und die Gesellschaft einst auch spaltete.

Dabei schien das Grundgesetz der Bundesrepublik eindeutig und legte fest: "Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden." Die Verweigerung hätte also unproblematisch sein müssen. Doch das Gegenteil war der Fall. Verweigerer wurden besonders in den 1970er und 80er Jahren von staatlichen Stellen geradezu drangsaliert. In inquisitorischen Verfahren wurde ihr Gewissen geprüft. Besonders berüchtigt waren die sogenannten Notwehr-Fragen der Gewissensprüfer: "Stellen Sie sich vor, Sie gehen mit ihrer Freundin im Wald spazieren. Plötzlich springt eine Horde Russen hinter einem Busch hervor und will ihre Freundin vergewaltigen. Sie haben eine Maschinenpistole dabei: Was tun Sie?"

Junge Männer mit langen Haaren schieben ältere Frauen in Rollstühlen

Gruppenbild mit Zivis: Meist belächelt, wurden sie in Westdeutschland häufig im sozialen Bereich als billige Arbeitskräfte eingesetzt.

Wer die Gewissenprüfung bestand, der wurde Zivildienstleistender und war für die Mehrheit der Deutschen ein Drückeberger. Es dauerte, bis die Zivis akzeptiert wurden. In der DDR gab es keinen Zivildienst, aber mutige, junge Männer, die nicht an der Waffe dienen wollten. Sie mussten trotzdem zur Nationalen Volksarmee als Bausoldaten, wurden wie Staatsfeinde behandelt und mussten dennoch für ihn schuften.

sw Foto zeigt junge Männer, die in Bauarbeiterkleidung auf einem Hof angetreten sind

"Bau auf, bau auf": Bausoldaten wie hier auf Rügen wurden in der DDR oft drangsaliert.

In dieser Dokumentation erzählen wir die Geschichte eines Bausoldaten, der in der damaligen Großkaserne Prora auf Rügen stationiert war. Wir treffen einen Verweigerer, der in seinem Heimatdorf der erste war und sich an die quälenden Verfahren der Gewissenprüfung erinnert. Und wir begleiten einen Totalverweigerer der Bundesrepublik auf seiner Reise in die Vergangenheit. Totalverweigerer lehnten auch den Zivildienst ab, da er im Kriegsfall dazu beigetragen hätte, die "Heimatfront" aufrecht zu erhalten. Als jemand, der jeden Dienst für den Krieg ablehnte, wurde er zu acht Monaten Haft verurteilt.

Parallel zu den Biografien erweckt die Dokumentation mit eindringlichem Archivmaterial das gesellschaftliche Klima dieser Zeit und die politischen Auseinandersetzungen wieder zum Leben.

Ein Film von Knut Weinrich
Redaktion: Barbara Schmitz

Stand: 21.01.2020, 15:49

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