Von wegen süß: Meerschweinchen haben wilde Vorfahren

Von wegen süß: Meerschweinchen haben wilde Vorfahren

Sie sind süß, flauschig und beißen selten – das klingt nach dem optimalen Heimtier für Kinder. Aber Meerschweinchen sind sensible Fluchttiere und alles andere als pflegeleicht.

Die wilden Vorfahren

Die wilden Vorfahren der Meerschweinchen in Südamerika waren ständig auf der Flucht – vor vielen verschiedenen Fressfeinden, insbesondere aus der Luft. Dieses Erbe tragen bis heute alle Meerschweinchen in sich. Sie sind schreckhaft und immer darauf bedacht, ein sicheres Versteck in unmittelbarer Nähe zu haben. Ein beherzter Griff unter den Meerschweinchen-Bauch bedeutet daher puren Stress für die Tiere. Die Gruppe ist ihr wichtigster Schutz. Gemeinsam findet man nicht nur mehr Futterstellen – viele Augen und Ohren entdecken Feinde schneller. Meerschweinchen brauchen die Gruppe, sonst wären sie in freier Wildbahn kaum überlebensfähig, daher ist Einzelhaltung Tierquälerei.

Ordnung im Harem

Meerschweinchen leben in sozialen Gruppen mit einer festen Rangordnung. Wie in einem Harem steht an der Spitze meistens ein Bock. Dringt ein fremdes Meerschweinchen-Männchen in das Revier ein, kommt es unweigerlich zu Machtkämpfen. Und dabei fliegen auch schon mal die Meerschweinchen-Fetzen. Bei Heimtieren sollte eine solche Vergesellschaftung nur dann erfolgen, wenn die Aussicht besteht, dass das zweite Männchen friedlich integriert werden kann. Alles andere wäre zu gefährlich. Und natürlich sollte es sich um einen Kastraten handeln – wegen der sprichwörtlichen Vermehrungsfreude der Tiere. 

Revierverhalten

Auch unter den Meerschweinchen-Weibchen gibt es eine Rangordnung. Aber die ist flexibel. Kleine Kämpfe oder Beißereien sind an der Tagesordnung und dabei sind Meerschweinchen nicht zimperlich: Ab und zu fließt Blut. Meerschweinchen sind keine Kuscheltiere. Manchmal reicht es schon, wenn eine Kollegin den Wohlfühlabstand nicht einhält. Bevor es zum Kampf kommt, wirkt häufig noch eine andere Waffe: Meerschweinchen spritzen gezielt mit Urin, um ihre Gegner loszuwerden.

Murmeln, Quieken, Pfeifen und Zähneklappern

Über eine Vielzahl von Lauten drücken Meerschweinchen ihren Artgenossen gegenüber Zufriedenheit oder Ärger aus – oder sie warnen vor Gefahr. Das Zähneklappern ist ein Zeichen für äußerste Anspannung und soll den Gegner einschüchtern. Viele der Töne, mit denen Meerschweinchen kommunizieren, sind für uns Menschen nicht hörbar, weil sie im Ultraschallbereich liegen. Das macht Meerschweinchen aber auch sehr empfindlich für einige Töne aus der menschlichen Geräuschkulisse. Radios oder schrille laute Töne sind nichts für das Meerschweinchen-Ohr. Ein gutes Zeichen hingegen ist das „Popcornen“, denn es ist vor allem ein Ausdruck von Lebensfreude. Die Schweinchen springen dabei senkrecht in die Luft, bis zu 25 Zentimeter hoch. 

Das Leben als 360 Grad Video

Durch die seitlich angesetzten Augen haben Meerschweinchen fast einen Rundumblick, für Fluchttiere enorm wichtig. Die Augen sind für die Dämmerung optimiert, vor allem wenn es um plötzliche Bewegungen geht. Das geht auf Kosten der Sehschärfe, des Farbensehens und des genauen Wahrnehmens unbewegter Objekte. Im Halbdunkeln der Tunnel helfen ihm seine langen Tasthaare, um abschätzen zu können, ob eine Öffnung groß genug ist, um hindurch zu passen. Diese Tasthaare sind in eine Blutkapsel eingebettet, in der Wand dieser Kapsel liegen viele freie Nervenenden. Schon bei kleinsten Bewegungen biegt sich das Tasthaar leicht, bewegt das Blut in der Kapsel dadurch, sodass die Kapselwand an die Nervenenden drückt und die Signale ins Gehirn gelangen.

Ein Meerschweinchen im Gehege schaut sich um

Ein Meerschweinchen im Gehege schaut sich um.

Komplexer Verdauungsapparat

Die Meerschweinchen-Zähne wachsen ein Leben lang – etwa sechs Millimeter pro Monat. Sie sind deshalb auf grobes, rohfaseriges Futter angewiesen, damit die Zähne sich abnutzen und nicht wuchern. Um die Verdauung in Gang zu halten, brauchen die Meerschweinchen zwischen 60 und 80 kleine Mahlzeiten am Tag. Bevor es Gemüse, Körner oder anderes Grünfutter gibt, muss immer Heu gefüttert werden. Das strukturreiche Futter bereitet den Meerschweinchen-Magen vor. Wird diese Menüabfolge nicht eingehalten, drohen gefährliche Koliken. Auch die Zeitabstände zwischen den Mahlzeiten müssen stimmen. Werden sie zu groß, überlädt das Meerschweinchen seinen Magen leicht, die Magenwand kann dann sogar reißen.

Ein dunkles Geheimnis

Mit dem komplexen Stoffwechsel des Meerschweinchens ist ein dunkles Geheimnis verbunden. Meerschweinchen haben Probleme einige Vitamine direkt aus der Nahrung aufzunehmen. Im sogenannten Blinddarm entsteht durch Mikroorganismen der sehr vitaminreiche Blindarmkot, der meist nachts ausgeschieden und – vom kerngesunden Meerschweinchen – direkt aufgegessen wird. Ein Überlebenstrick der Evolution, der schon viele Millionen Jahre alt ist. Und kein Grund, sich um seine Meerschweinchen zu sorgen!

Autorin: Katharina Adick

Stand: 01.06.2018, 13:00

Kommentare zum Thema

1 Kommentar

  • 1 Elisabeth M. 04.06.2018, 07:27 Uhr

    Ein toller Beitrag! !! Aber wieviele dieser interessanten Mitgeschöpfe fristen ein ödes Dasein in Einzelhaft in Behältnissen, die bestenfalls als Transportboxen geeignet sind. Im sogenannten Zoofachhandel werden diese Tiere weiter so abgegeben. Vielleicht rütteln Sie mit diesem Beitrag einige Besitzer und solche, die es werden wollen, auf!!! In Grundschulen könnte so ein Film die Kinder überzeugen, dass ein einzelnes Meerschweinchen nicht glücklich sein kann!!!