Sprechen Sie pferdisch?

Sprechen Sie pferdisch? Tiere suchen ein Zuhause 11.08.2019 UT Verfügbar bis 11.08.2020 WDR

Sprechen Sie pferdisch?

Probleme mit Pferden basieren oft auf gegenseitigem Unverständnis. Gertrud Pysall hat das Ausdrucksverhalten der Pferde erforscht und hilft Haltern, ihre Tiere zu verstehen.

Die wenigsten Menschen wachsen heutzutage mit Pferden auf. Viele werden erst im Erwachsenenalter Pferdebesitzer und träumen von einem harmonischen Miteinander. Doch häufig werden sie enttäuscht, erleben Pferde, die den Gehorsam verweigern und ihr eigenes Ding machen, bis zu dem Punkt, an dem gefährlich wird.

Viele Besitzer versuchen dann, mit Strafen oder scharfem Equipment das vermeintlich „freche“ oder „zickige“ Pferd unter Kontrolle zu bringen. Nicht selten eskaliert der Konflikt derart, dass der Besitzer das „schwierige“ Pferd weiterverkauft. Dabei ist die Ursache vieler Probleme einfach fehlendes Basiswissen und unbewusstes Fehlverhalten der Menschen.

Gertrud Pysall hat die Pferdesprache erforscht

Im Reitstall Pysall bei Bielefeld leben rund 70 Pferde und Ponys in großen Gruppen. Seit 25 Jahren erforscht Gertrud Pysall die Pferdesprache und hat herausgefunden, dass sie auf 130 Vokabeln und 40 Gesten basiert. Jetzt lehrt sie in Büchern und Seminaren, wie auch Menschen diese Gesten und Rituale einsetzen können, um als Leitfigur akzeptiert zu werden und die Rangordnung zu klären. Denn darum geht es bei Pferden permanent. Als Herdentiere folgen sie einem starken Leittier, das die Gruppe führt und vor Gefahren schützt. In der Wildnis hängt ihr Überleben davon ab.

Doch auch Pferde in menschlicher Obhut sondieren instinktiv, wer der Ranghöchste in der Gruppe ist und damit das Sagen hat. Dazu kommunizieren Pferde die ganze Zeit miteinander. Jede kleine Geste, selbst der Abstand, in dem sie zueinander laufen oder ruhen, sagt etwas über die Rangordnung aus. Und die Expertin hat festgestellt: Pferde testen und beurteilen die Führungsqualitäten der Menschen ebenfalls mit Gesten und Ritualen der Pferdesprache. Dabei kommt es immer wieder zu Missverständnissen und Fehlinterpretationen.

Rangordnung zwischen Pferd und Reiter

Häufig akzeptiert der Mensch, ohne es zu merken, Gesten, mit dem das Pferd sich als ranghöher darstellt. So denken sich viele nichts dabei, wenn das Pferd in der Box auf den Mensch zukommt und ihn zuerst berührt, sein Maul am Arm reibt oder gar den Kopf über den des Menschen hebt – alles Gesten, mit dem das Pferd anfragt, wer der Ranghöhere ist und der Mensch antwortet: Du! Denn eine Pferderegel lautet zum Beispiel: „Wer den anderen zuerst berührt ist ranghöher.“

Ein weiteres Problem ist, dass der Mensch oft Dinge tut, die Pferde als freiwillige Unterwürfigkeit interpretieren. Beispiel: Beim Putzen tauchen viele Menschen unter dem Hals des Pferdes durch, um an den Putzkasten zu kommen oder bewegen sich beim Hufe auskratzen rückwärts von Huf zu Huf – in der Pferdesprache alles Gesten, die sagen: „Schau, ich bin rangniedrig und habe dir gar nichts zu befehlen.“ Kein Wunder, wenn das Pferd dann nur unwillig gehorcht und sich bei der Arbeit widersetzt.

Tipps für den täglichen Umgang

Wichtig ist, sich bewusst zu machen, dass jede Bewegung, die man als Mensch macht, etwas aussagt und auch die Art und Weise, wie man sie rüber bringt. Dabei zählt die ganze Körpersprache: geduckte Haltung, zögerliche Handgriffe, Zurückweichen – und sei es nur ein Zentimeter, selbst schiefes Stehen drückt aus: Ich bin unsicher und rangniedrig.

Wesentlich leichter machen es sich Pferdemenschen, die selbstbewusst, erhobenen Hauptes und energischen Schrittes auftauchen und sich ranghoch präsentieren durch Gesten wie: das Pferd zuerst berühren, sich nicht stupsen und zur Seite drängen lassen, nicht gestatten, dass das Pferd den Kopf über den eigenen hebt, nicht unter dem Hals des Pferdes durchtauchen, beim Auskratzen der Hufe jedes Mal hochkommen und aufrecht zum nächsten Huf gehen etc.

„Motiva-Training“ – die 1:1 Verständigung mit dem Pferd

Natürlich kann man Pferde konditionieren oder mit Druck und Gewalt zum Gehorsam zwingen. Aber die meisten Pferdebesitzer träumen von einer harmonischen Partnerschaft, in der das Pferd ihnen freiwillig und gerne folgt. Dies tun Pferde jedoch nur bei Leitfiguren, die sie überzeugen und denen sie vertrauen.

Um solch eine Leitfigur, ein „Entscheidungsträger“ zu werden, hat Gertrud Pysall das „Motiva-Training“ entwickelt. Damit können Mensch und Pferd ihre Rangordnung klären. Das Besondere: Der Mensch benutzt ausschließlich artspezifische Gesten, Rituale und „Vokabeln“ der Pferde. Während des Trainings kann sich das Pferd in einem eingezäunten Areal bewegen. Der Mensch arbeitet vom Boden aus mit dem Pferd und hat lediglich ein Seil in der Hand zur Unterstützung einiger Gesten.

Jetzt geht es darum, sich mit Pferdevokabeln als ranghöher darzustellen: zum Beispiel, indem der Mensch mit seinem Körper Lauftempo und Laufrichtung des Pferdes vorgibt, es stoppt oder rückwärts schickt. Sogenannte Imponierschritte kann der Mensch ebenfalls mit erhabenen Schritten beantwortet, prustet das Pferd aus Imponiergehabe, prustet der Mensch laut zurück, wenn es sein muss immer wieder, denn: „Wer zuletzt prustet ist ranghöher.“

Sich wälzendes Pferd

Der Mensch wälzt sich zeitlich vor dem Pferd, denn: „Wer sich zuerst wälzt, ist ranghöher.“

Pferde äppeln und wälzen sich, um den Rang zu demonstrieren

Doch wie soll der Mensch auf Gesten wie Wälzen und Äppeln antworten? Das tun Pferde nämlich nicht nur zur Körperpflege und weil sie müssen, sondern auch, um das Territorium zu markieren und sich wiederum als ranghöher darzustellen. Diese beliebten Rituale kann der Mensch nicht einfach ignorieren. Beim Wälzen ist es wichtig, dem Pferd zuvorzukommen, denn: „Wer sich zuerst wälzt, ist ranghöher.“ Dazu bewegt der Mensch auf dem Rücken liegend die Beine hin und her, das Wälzen eines Pferdes imitierend.

Und wenn das Pferd äppelt? Da muss man vorsorgen und Stoffbälle mitbringen, die den eigenen Körpergeruch tragen. Sobald das Pferd geäppelt hat, legt der Mensch einen Stoffball auf den Haufen und „markiert“ damit drüber. Drückt das Pferd sich, wie in diesem Duell üblich, noch weitere Äppel ab, muss der Mensch jedes Mal einen Stoffball darüber legen. Denn: „Wer am häufigsten äppeln kann, ist ranghöher.“

Motiva-Training zeigt Wirkung

Jedes Pferd zeigt im Duell um die Rangordnung sowohl mit Artgenossen als auch im Motiva-Training andere Vorlieben. Das eine versucht, durch Schnelligkeit und Wendigkeit zu punkten, das nächste versucht, sich durch Wälzen und Äppeln als ranghöher darzustellen. Viele Menschen kommen sich erstmal komisch vor, wenn sie Pferdegesten und Rituale ausführen sollen. Doch es ist faszinierend zu sehen, wie die Tiere sofort darauf reagieren und bereit sind, dem Menschen zu folgen, sobald sie von seiner Führungskompetenz überzeugt sind. Selbst Pferde, die anfänglich stürmisch und aggressiv waren, folgen dem Menschen plötzlich auf Schritt und Tritt, ruhig und entspannt, vertrauensvoll und freiwillig. Die perfekte Basis für alle Unternehmungen mit dem Partner Pferd und ein harmonisches Miteinander.

Stand: 09.08.2019, 10:00