Hilfe für ängstliche Hunde

Hilfe für ängstliche Hunde

Ängstliche und unsichere Hunde reagieren unterschiedlich auf Menschen und Situationen. Langjährige Erfahrung mit traumatisierten Hunden hat Thomas Baumann. Er unterscheidet Furcht, die vorübergehend ist, und Angst, die lähmen kann. Für Tiere suchen ein Zuhause hat er Tipps zum Umgang mit ängstlichen Hunden zusammengestellt.

Wie teste ich, ob mein Hund wirklich Angst hat oder ob er nur verunsichert ist?

Unsicherheit oder Furcht tritt nur auf, wenn auch ein Auslöser zu erkennen ist (spezifisch). Von Angst spricht man dann, wenn dieser Zustand auch ohne Auslöser zu erkennen ist (unspezifisch). Das Beispiel Angst vor Hunden: Ein Hund verlässt die Wohnung und zeigt deutliche Unruhe in der schlimmen Erwartung eines Hundes – obwohl überhaupt kein Hund da ist.

Was muss passieren, damit ein Hund in seiner Angst „nach vorne geht“?

Zwei Hunde fressen aus Näpfen

Ein anderer Hund kann, muss aber nicht hilfreich sein.

Ob ein ängstlicher Hund „nach hinten“ oder „nach vorne“ geht, hängt in erster Linie davon ab, von welchem Konfliktlösungsmodell er sich mehr Vorteile wie zum Beispiel Selbstschutz verspricht. Und das vom Hund ausgewählte Modell beruht überwiegend auf Lernerfahrungen. Hat er gute Erfahrungen mit Flucht gemacht, wählt er die Flucht. Hat er sich durch Angriff bereits ein oder mehrere Male Freiraum verschaffen können, wählt er Angriff.

Können andere Hunde beim Training helfen?

Grundsätzlich ja, allerdings kann dies auch Abhängigkeiten erzeugen, die eine Konfliktlösung durch eigenes Handeln erschweren. Ist der andere Hund nicht da, fehlt unter Umständen der Mut, das Problem selbst zu lösen.

Ist ein Zweithund bei unsicheren Hunden immer eine gute Idee?

Manchmal ja, manchmal nein. Es sollte immer eine Einzelfallentscheidung sein. Zumal nicht sicher vorhergesagt werden kann, ob sich die Sicherheit des Zweithundes auf die Unsicherheit des schwachen Hundes auswirkt. Es kann auch im Umkehrschluss der sichere Hund im Beisein des unsicheren Hundes schwächer werden.

Soll ein unsicherer Hund schnell ins „kalte Wasser geworfen“ werden oder lieber langsam an Reize gewöhnt werden?

Auf keinen Fall ins „kalte Wasser“, in die nicht abgestufte Reizkonfrontation, werfen, sondern in „wärmeres Wasser“, das aber auch etwas „kühl“ ist, also eine abgestufte Reizkonfrontation. Um Stress zu bewältigen, wird immer Stress benötigt. Hier muss die Dosis individuell auf die Belastungsgrenze jedes einzelnen Hundes abgestimmt werden. Die langsame, aber kontinuierliche Gewöhnung an Stress ist in der Verhaltenstherapie das Maß aller Dinge.

Welche Fehler machen Menschen im Umgang mit unsicheren oder ängstlichen Hunden?

Frau kuschelt mit kleinem Hund

Menschen können ängstlichen Hunden helfen.

Menschen behandeln ängstliche Hunde mit dem Bewusstsein über die gegebene Ängstlichkeit und packen sie in Watte. Sie nehmen besonders viel Rücksicht, sind überfürsorglich und ständig um Gutes bemüht. Damit bleiben ängstliche Hunde oftmals lebenslänglich ängstlich. Ihnen wird keine Möglichkeit gegeben, Eigeninitiative und Selbstbewusstsein zu entwickeln (intrinsische Motivation). Ein schwacher Hund braucht einen starken Menschen, der ihn nicht wie ein „rohes Ei“ behandelt, sondern gezielt fördert und fordert.

Welche Faktoren beschleunigen den Umlern-Prozess beim Hund?

Die goldene Regel lautet Hilfe zur Selbsthilfe. Nicht der Mensch löst die Probleme des Hundes, sondern der Mensch fördert und unterstützt durch verbales und oder taktiles Lob, also ruhiges Streicheln, jeden durch den ängstlichen Hund gezeigten Schritt zur Konfliktlösung. Traut sich der Hund nicht, hilft der Mensch nicht. Traut er sich, wird er bereits im Ansatz durch Lob des Menschen motiviert, den nächsten mutigen Schritt zu wagen.

Ist der Mensch der wichtigste Faktor für den Vertrauensgewinn?

Zweifelsfrei der Mensch, denn kein Leckerli, kein materielles Hilfsmittel hat eine derartige Unterstützungsmacht wie eine lobende Stimme oder eine streichelnde Hand. Ein Leckerli kann Stress reduzieren und die Motivation fördern, nicht mehr und nicht weniger. Nur die soziale Energie eines vertrauten Menschen kann Stress nicht nur reduzieren, sondern auch nachhaltig abbauen.

Gibt es eine einfache Übung, um die Bindung zwischen Mensch und Hund zu stärken?

Es gibt keine einfachen Übungen für den Aufbau von Bindung. Bindung ist dazu viel zu komplex und tiefgehend strukturiert. Zudem sind Bindungsfähigkeit und Bindungsbereitschaft sowohl bei Hunden als auch bei Menschen sehr individuell ausgeprägt. Generell aber gilt: Der Mensch sollte Sicherheit, Verlässlichkeit, möglichst innere Ruhe und Ausgeglichenheit ausstrahlen und vorzeigen, damit ihn der Hund als „sicheren Hafen“ akzeptieren lernt. Es sind immer die inneren und damit die emotionalen Werte, die erheblich zu einem Bindungsaufbau führen. Wer beispielsweise versuchen sollte, Bindung mit Leckerli zu erzeugen, wird wohl ausnahmslos enttäuscht werden. Ein Training mit Leckerli kann die Beziehung verbessern, indem es Motivation fördert, für den Bindungsaufbau selbst taugt das Leckerli kaum.

Welche hündische Geste, welches Verhalten ist ein Indiz, dass der Hund uns wirklich vertraut?

Vertrauen zeigen Hunde in einem besonderen Maß, wenn sie in für sie schwierigen oder auch angstauslösenden Momenten die enge Nähe ihres Menschen suchen. Im Stress wird ein Hund nur die Nähe des Menschen suchen, wenn er ihm Vertrauen schenkt.

Autorin: Katja Diepenbruck

Stand: 19.01.2018, 10:00

Kommentare zum Thema

1 Kommentar

Neuester Kommentar von "Angelika", 24.01.2018, 15:06 Uhr:

Es ist ganz einfach. Ist ein Hund ängstlich ganz gleich wie er sich äußert oder nicht macht man sich klein setzt sich ganz ruhig auf den Boden und wartet. Stark duftende Leckerlie sind ab und an hilfreich. Hunde sind neugierig und wenn man ihnen Gelegenheit gibt sich die Sache "Mensch" eingehend zu betrachten reduziert sich die Angst ziemlich schnell. Ich wurde n unserem TH immer auf Hunde angesetzt an die niemand dran kam. Bei einem hat es schon nach 10 Minuten gefunkt und ich konnte ihn auf dem Arm mit in den Auslauf nehmen. Andere brauchen länger . Aber es hat IMMER funktioniert. Nicht dem Hund hinterher laufen und ihm Gummihände hinhalten. Der Hund kommt von alleine und lässt sich dann auch anfassen und ich bin noch nie gebissen worden.