Erfahrungen während der Dreharbeiten zu "Gefährliche Helfer - Sexuelle Gewalt durch UN-Soldaten" - Teil 1

Marcel Kolvenbach

Erfahrungen während der Dreharbeiten zu "Gefährliche Helfer - Sexuelle Gewalt durch UN-Soldaten" - Teil 1

Co-Autor Marcel Kolvenbach lebte in Uganda und recherchierte von dort aus für den Film "Gefährliche Helfer". Sein Erfahrungsbericht gewährt intensive Einblicke in das Tabuthema sexuelle Ausbeutung von Flüchtlingen in Afrika.

Drei Jahre haben wir, Pagonis und ich, für den Film "Gefährliche Helfer" recherchiert. Pagonis von Deutschland aus, ich in Afrika, wo ich die letzten drei Jahre lebte. Sexuelle Gewalt und sexuelle Ausbeutung von Flüchtlingen ist in Afrika allgegenwärtig. Aber es ist ein großes Tabu-Thema, denn es trifft die Hilfs-Industrie ins Mark.

Entgegen deren Selbstverständnis sind die Opfer ja auch Opfer grade von ihnen, die gekommen sind ihnen zu helfen. Mit unseren Steuergeldern, mit unseren Spenden. Viele Hilfsorganisationen und viele Mitarbeiter haben deshalb Angst, das Problem offensiv anzugehen. Sie befürchten ein PR-Desaster.

Rambo-Mentalität in den Hilfsorganisationen

Wer so wie ich als Journalist in Krisenregionen unterwegs ist und den ansässigen "Expats" begegnet, also den Ausländern, die mit den großen Hilfsorganisationen vor Ort in Afrika sind, merkt schnell, dass viele so eine Art Rambo-Mentalität haben.

Offensichtlich ziehen Hilfsorganisationen Menschen an, die das Abenteuer suchen, die eine Menge Staub und ständige Gefahr wegstecken müssen. Ihre Spannungen und Ängste spülen sie dann gerne mit einem kühlen Bier herunter, am besten noch dazu in "freundlicher Begleitung". Dabei treffen die hoch bezahlten Helfer auf traumatisierte Opfer von Krieg und Gewalt, die alles verloren haben.

Kinder aus Afrika

Die Kinder laufen immer hinterher

Auch uns Journalisten laufen Scharen von Kindern hinterher, viele von ihnen Waisen, die seit Monaten oder Jahren keine wirklich menschliche Zuwendung mehr erlebt haben. Die um die tägliche Ration Nahrung und einen Schlafplatz mit hunderten anderer Kinder wetteifern müssen. Ein Blick, ein Keks, ein nettes Wort lässt sie schnell zu Opfern von Menschen werden, die ihre Notsituation ausnutzen.

Ich war in den großen Flüchtlingscamps. Eines der größten ist das Kakuma Camp, im Nirgendwo der Turkana Wüste gelegen: heiß, lebensfeindlich, unerträglich.

Journalist auf eigene Faust

Hier lernte ich Qabaata Boru kennen, der die vielleicht einzige wirklich unabhängige Flüchtlingszeitung in einem UN-Flüchtlingscamp produziert. Auf eigene Faust, gegen Drohungen der Camp-Betreiber, gegen Proteste des UNHCR, der seine Zeitung „KANERE“ unter die Zensur der UN-PR stellen wollte. Aber Qabaata berichtete weiter über sexuelle Übergriffe im Lager Kakuma, obwohl sein Haus niedergebrannt wurde, obwohl er immer wieder bedroht wurde.

Journalist Qabaata Boru mit seiner Kamera

Qabaata Boru produziert die vielleicht einzige wirklich unabhängige Flüchtlingszeitung in einem UN-Flüchtlingscamp.

Mehrmals rief er mich an und ich alarmierte amnesty und andere Menschenrechtsorganisationen in Kenia, damit sie ihn vor Ort schützen. Qabaata Boru wurde auch von Mitflüchtlingen bedroht, denn oft fürchten die Menschen im Lager, dass Kritik am Ende auf sie zurückfällt.

Viele Opfer sexueller Gewalt trauen sich nicht zu sprechen

Pagonis und ich standen also vor zwei Problem: Viele Flüchtlinge und Opfer sexueller Gewalt trauen sich nicht zu sprechen und die allermeisten Mitarbeiter von Hilfsorganisationen wollen nicht darüber sprechen. Aus Angst, den eigenen Arbeitgeber zu verärgern, den begehrten nächsten Vertrag nicht zu bekommen, als Kameradenschwein aus der Helfer-Community ausgeschlossen zu werden oder vielleicht auch weil sie es selber nicht immer so genau genommen haben: war die letzte "Begleitung", die sie vom Hotelpool mit ins Zimmer genommen haben, schon volljährig?

In den Krisenzonen Afrikas herrscht totale Anarchie. Fast nichts von dem tatsächlichen Leiden dringt nach außen, weil die, die die Hilfe leisten, meist das Monopol auf die Berichterstattung haben.

Oft schon einfach logistisch: wie einfach ist es doch als Journalist, von UN und anderen Organisationen herumgeflogen und gefahren zu werden, wie teuer und aufwendig, manchmal aus Sicherheitsgründen auch völlig unmöglich, auf eigene Faust, mit eigenem Wagen und Fahrer loszufahren.

Auch ich konnte mich im Kongo nur mit Hilfe von UN-Flugzeugen bewegen, musste mich bei der MONUSCO - der UN Mission im Kongo - akkreditieren. Man bleibt nicht unsichtbar. Jeder Besuch in einem Camp ist angemeldet, wird genehmigt, wird genau beobachtet.

Junge Frauen werden als "Begleiterinnen" genommen

Da ich drei Jahre in Kampala in Uganda lebte, hatte ich die Chance, viele Gespräche aus der Expat-Community "off the record" zu hören, im privaten Kreis. Zumindest das war eine Bestätigung, dass es hier offensichtlich als Kavaliersdelikt gesehen wird, junge Frauen, die in bitterster Armut leben, zu günstigen Preisen als willige „Begleiterinnen“ zu nehmen. Da verschwimmt die Trennlinie zwischen Prostitution und sexueller Ausbeutung.

Von den Tätern wird grade das oft als „Excuse“ genutzt: es sei eben normale Prostitution. Doch "normal" wäre auf Augenhöhe. Es kann aber keine Augenhöhe geben, wenn auf der einen Seite ein völlig entrechteter Mensch steht, der praktisch alles verloren hat, auf der anderen Seite aber ein hoch bezahlter Mitarbeiter mit praktisch unbegrenzten Rechten und nahezu absolutem juristischen Schutz.

Stand: 27.03.2013, 00:00

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