Interview zum Film "Wenn Mutter nicht mehr entscheiden kann"

Interview zum Film "Wenn Mutter nicht mehr entscheiden kann"

tag7: Herr Demurray, wie sind sie auf die Geschichte von Kurt Windoffer, seiner dementen Mutter und seinem behinderten Bruder aufmerksam geworden?

Enrico Demurray: Kurt Windoffer ist ein Kollege von mir. Ich arbeite seit Jahren mit ihm zusammen. Er erzählte mir die Geschichte, als ich gerade meinen ersten Film über Betreuungsrecht machte. Ich fand seine Geschichte gleich sehr spannend. Vor allem weil bei ihm alles zusammen kam. Probleme mit seinem behinderten Bruder, eine ehemalige Betreuerin, die mehr als 120.000 Euro vom Konto des Behinderten auf ihres umleitete, eine demente Mutter. Damit muss man erst einmal fertig werden. Wie in einem Brennglas verdichteten sich bei Kurt Windoffer alle Probleme, mit denen man konfrontiert sein kann.

Porträt: Kurt Windoffer

Kurt Windoffer

tag7: Mussten Sie die Beteiligten lange davon überzeugen, dass ein Film mit ihnen und über sie gemacht werden soll, oder war das ganz unproblematisch?

Enrico Demurray: Wie jeder normal denkende Mensch hatte natürlich auch Kurt große Bedenken, zu Dreharbeiten einzuwilligen. Er wusste zwar, dass ich sehr behutsam mit solchen Themen umgehe, doch schließlich ging es um seine eigene Familie. Da ist man vorsichtiger. Am Ende willigte er doch ein. Er wollte, dass die Abzocke seines behinderten Bruders durch die ehemalige Betreuerin öffentlich wird. Ich glaube, das war sein Hauptmotiv.

Authentische Interaktionen einfangen

tag7: Sie gehen oft nah ran an die beteiligten Menschen, filmen sie in privaten Zwiegesprächen oder beim Familientreffen, oder es wird in ihrer Anwesenheit von Betreuern über sie gesprochen. War das immer leicht zu bewerkstelligen?

Enrico Demurray: Das funktioniert nur, wenn man in einem gewissen Sinne in die Familie aufgenommen wird. Ich war mit meinem Kameramann oft in der Familie, bevor wir anfingen zu drehen. Als dann die Kamera lief, war sie auch schon fast wieder vergessen. Die Interaktionen liefen für meine Begriffe sehr authentisch ab. Das zu erreichen, war mein Hauptanliegen und der wichtigste Teil der Arbeit.

Zwei Männer und eine ältere Frau sitzen bzw. stehen um einen Tisch herum

Familie Windoffer mit Kurts Mutter und Bruder

tag7: Wird Ihrer Ansicht nach den Themen Demenz und Betreuung seitens Staat und Gesellschaft genügend Aufmerksamkeit gewidmet?

Enrico Demurray: Ich finde, dass die Macht der Betreuer begrenzt werden müsste. Die ist fast unbegrenzt und kann kaum tatsächlich von den Gerichten kontrolliert werden. Betreuer müssten auf Antrag von einer unabhängigen Stelle überprüft werden, vor allem wenn massive Klagen vorgetragen werden. Dieses Beschwerdeverfahren nur den Gerichten anzulasten, führt zu nichts. Die sind ohnehin überlastet und nicht jeder Betreute kann sich so ausdrücken, dass er in einem rechtlichen Verfahren bestehen kann. Die Schwelle für Beschwerden müsste daher niedriger sein.

Allgemein wird auf rechtliche Betreuung in der Gesellschaft wenig eingegangen, das Thema ist schwergängig und viele sind froh, wenn sie das Problem aus den Augen haben. Nur durch eine regelmäßige Berichterstattung kann Aufmerksamkeit und Sensibilität für das Thema erzeugt werden, von dem in Deutschland inzwischen 1,3 Millionen Menschen betroffen sind.

Wie ein Mensch diese ganzen Probleme bewältigt...

tag7: Was hat Sie an der Geschichte Kurt Windoffers besonders beschäftigt?

Enrico Demurray: Mich hat fasziniert, wie ein Mensch diese ganzen Problem bewältigt. Denn meistens läuft es so ab, dass nicht nur eine Sache passiert, sondern es geht immer weiter. Und oft ist man nicht in der Lage, es zu dem Zeitpunkt anzupacken, an dem es nötig ist. Auch wenn man weiß, dass man es gleich lösen sollte. Kurt macht so vieles richtig, und doch scheitert er immer wieder. Kurt ist für mich ein Mensch in dem sich viele hineindenken können, und er ist auch ein bisschen eine tragische Figur im aristotelischen Sinn. Er ist mit Problemen konfrontiert, die er nicht verursacht hat, doch er muss sich ihnen stellen. Und eigentlich kann er nur scheitern.

Interview: Alexander Haas

Stand: 05.09.2013, 00:00

Startseite

Alle Sendungen

Unsere Videos

Unsere Podcasts