Autorinnen-Tagebuch zum Film "Willkommen - was jetzt?"

August und September 2015

Autorinnen-Tagebuch zum Film "Willkommen - was jetzt?"

Von Cordula Echterhoff und Heidrun Seeger

Heidrun Seeger und Cordula Echterhoff haben für ihren Film "Willkommen - was jetzt?" sechs Monate bei Flüchtlingen in Köln verbracht. In einem Tagebuch haben sie ihre Eindrücke von dieser Zeit festgehalten. In den folgenden Einträgen erzählen sie von einem Streit über WLAN und Urteilen über die Ausschreitungen in Heidenau.

16. August, Tag der offenen Tür

Cordula: Eine in meinen Ohren lustige Diskussion: R. und F. von der Willkommensinitiative haben einen „desaccord“. Es gab wohl die Idee, dass WLAN stundenweise als Erziehungsmaßnahme abzuschalten. Wenn nicht aufgeräumt wird, kein WLAN, so die Idee, die R. gut findet. F. ist strikt dagegen. Es gäbe ein Menschenrecht auf WLAN. R. meint eher, die jungen Männer würden den Bezug zur Wirklichkeit verlieren, weil sie den ganzen Tag im Netz seien und auf ihr Handy starrten. Das müsse man mal für zwei Stunden unterbinden. Was vermischt sich da womit? Helferwille und Erziehungsauftrag ? Rettungsgedanken und deutsche Werte ? R. führt ins Feld, sie habe immerhin vier Kinder erzogen und F. keine.

24. August, Tag der offenen Tür

Heidrun: Habe Ammar gefragt, ob er von den Ausschreitungen in Heidenau gehört hat. Er grinste nur und meinte „scheiß Ausländer“. Das fand er ziemlich lustig. Vielleicht eine Variante, sich mit diesem Teil der Realität auseinanderzusetzen. Es ist wichtig, die Flüchtlinge auf dieses Thema auch anzusprechen. Vielleicht haben sie aber bei all den Problemen, die sie eh schon mit sich herumschleppen, gar keinen Kopf dafür?

30. August, Tag der offenen Tür

Cordula: Fester Vorsatz: Was, wenn alle Länder ihre Grenzen aufmachen würden? Artikel in einer französischen Zeitung gesehen. Muss ich mal recherchieren. Kein Mensch ist illegal. Angesichts der ganzen Einzelschicksale gewinnt das mehr und mehr an Bedeutung. Darf ich aufteilen zwischen denen, die bleiben dürfen und denen, die gehen müssen? Ich kann es keinem verdenken, hierher zu kommen und zumindest zu versuchen, ein besseres Leben zu führen. Auf der anderen Seite der Reflex: Ja, Deutschland muss schneller entscheiden, wer hier sein darf, wer nicht, damit nicht so ein nicht enden wollendes Warten einsetzt oder auch ein Asyltourismus, wie bei einigen. Wenn Deutschland weiterhin so lange nicht entscheidet und warten lässt, dann bezahlt Deutschland auch für die, die eh wieder gehen müssen. Also: aussortieren, schnell entscheiden? Oder gar nicht mehr aussortieren. Wenn freier Warenverkehr gewünscht ist, dann muss auch freier Menschenverkehr erlaubt sein. Was passiert dann?

3. September, Telefonat mit Rainer aus der Willkommensinitiative

Cordula: Ammar hat einen Praktikumsplatz und, wenn alles gut geht, einen Ausbildungsplatz. Das die gute Nachricht. Dann die schlechte: Ammar hat am Montag, am Tag unseres Drehs den Abschiebebescheid bekommen. Wenn man zehn Leute fragt, bekommt man elf Antworten, so Rainer. Denn die Frage, ob ein Ausbildungsplatz die Abschiebung verhindern und die Duldung verlängern kann, kann keiner beantworten.

Rainer fährt jetzt mit einem mulmigen Gefühl in Urlaub. Wenn man sich drauf einlässt, sind die Gefühle da. Gilt auch für mich. Rainer würde jetzt auf einige der Fragen aus unserem Interview anders antworten. Nein, Deutschland muss nicht alle aufnehmen, aber das heißt nicht, dass man keinen aufnehmen muss, findet er jetzt. Die Wahrheit liegt dazwischen.

Stand: 06.11.2015, 12:00

Startseite

Alle Sendungen

Unsere Videos

Unsere Podcasts