Autorinnen-Tagebuch zum Film "Willkommen - was jetzt?"

August 2015

Autorinnen-Tagebuch zum Film "Willkommen - was jetzt?"

Von Cordula Echterhoff und Heidrun Seeger

Heidrun Seeger und Cordula Echterhoff haben für ihren Film "Willkommen - was jetzt?" sechs Monate bei Flüchtlingen in Köln verbracht. In einem Tagebuch haben sie ihre Eindrücke von dieser Zeit festgehalten. In den folgenden Einträgen schildern sie, wie ein Flüchtling ein Praktikum bekommt und ein anderer keinen Kurs besuchen will.

3. August, In der Flüchtlingsunterkunft

Heidrun: Rainer von der Willkommensinitiative hat sich immer mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, so etwas wie eine Patenschaft für einen der Flüchtlinge zu übernehmen. Nachdem er dann Ammar aus Algerien kennengelernt hatte, war auf einmal alles anders. „Ich wollte das nicht, aber Ammar hat entschieden“, grinste er. Ihm hat er einen Praktikumsplatz bei einem Malerbetrieb besorgt. Seit heute macht er sich um 5.30 Uhr auf den Weg. Anderthalb Stunden ist er oneway unterwegs. Rainer hat den Chef mal gefragt, ob er kommen soll, aber der sagte nur: Was willst du hier? Der Junge macht einen guten Eindruck, fängt hier an, fertig.

4. August, Job- und Praktikumsvermittlung im Flüchtlingsheim

Cordula: Die Frau von der Jobvermittlung, die selbst aus Ex-Yugoslawien geflohen ist, rät den Flüchtlingen, sich Zeit zu nehmen, geduldig zu sein, erstmal die Flucht-Erfahrungen zu verarbeiten. Eine aus der Willkommensinitiative hält Ansprache dagegen: Man kenne sich jetzt schon seit mehreren Monaten. Sie wären zur Ruhe gekommen. Sicher es sei wichtig, die Erfahrungen zu verarbeiten, Deutsch zu lernen. Aber man solle auch nicht zu lange warten! Sie müssten auch Eigeninitiative zeigen, Verantwortung für ihr Leben übernehmen.

Ich finde sie hat Recht. Mit unserem Selbstverständnis nicht leicht, wenn vier Somali erst nach der Veranstaltung kommen, weil sie zu müde sind. Und dann nach einem neuen Termin fragen.

8. August, Interview mit Hermon

Bin leicht beschämt. Vielleicht hat die Frau aus Ex-Yugoslawien ja doch Recht. Interview mit Hermon: Er erzählt von seiner Flucht, die vier Jahre gedauert hat, mit Verschleppung, Misshandlung, Verletzungen. Er will die Zeit der Flucht aufholen und schafft es nicht. Seine Gedanken kreisen permanent um seine Erlebnisse. Hängt nur ab. Schafft es noch nicht mal, in den Deutschkurs zu gehen. Vielleicht ist ja nach vier Jahren Flucht einfach mal die Kraft aufgebraucht… Wie könnte ich  urteilen?

8. August, Dreh beim Sommerfest vom Neubrücker Fußballclub

Cordula: Wahnsinn, wie schnell der Gesinnungswandel bei den Kritikern ging. Vier Wochen sind die Flüchtlinge da, sie haben sich getroffen, sie sehen sich, und schon haben sie nichts mehr gegen sie. Keine Vorbehalte, keine Vorurteile. Was doch die persönliche Begegnung bewirken kann...

Stand: 06.11.2015, 12:00

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