Autorinnen-Tagebuch zum Film "Willkommen - was jetzt?"

Juni 2015 (2)

Autorinnen-Tagebuch zum Film "Willkommen - was jetzt?"

Von Cordula Echterhoff und Heidrun Seeger

Heidrun Seeger und Cordula Echterhoff haben für ihren Film "Willkommen - was jetzt?" sechs Monate bei Flüchtlingen in Köln verbracht. In einem Tagebuch haben sie ihre Eindrücke von dieser Zeit festgehalten. In den folgenden Einträgen geht es um widersprüchliche Urteile über Flüchtlinge und die Stimmung unter ihnen.

14. Juni, Tag der offenen Tür

Heidrun: Strahlender Sonnenschein. Alle sitzen draußen an mit Obst und Kuchen gedeckten Tischen. Die Tischtennisplatte war aufgebaut. Es wurde viel gelacht. Drinnen ein bedrückter Syrer. Er steht in telefonischem Kontakt mit seinem Bruder, der zum syrischen Militärdienst eingezogen werden soll und untergetaucht ist. Er will unbedingt das Lad verlassen – hat aber keine Idee wie. Fast entschuldigt er sich für seine Stimmung und schleicht bedrückt davon. Das ist immer auch ein Teil der Flüchtlinge. Diese Gedanken, Sorgen, Ängste, die wir (zum Glück) von außen nicht sehen können. Die sie mit sich tragen und NIE vergessen.

19. Juni, Fahrt zu der Kölner Veranstaltung 23.000 Glockenschläge

Cordula: In der Straßenbahn eine unangenehme Situation: Der Kameramann erzählt, er habe einen der Flüchtlinge gerade dabei gesehen, wie er einer Frau unter den Rock fotografierte. Gesetzt den Fall, wir hätten die Szene gedreht, würden wir sie mit reinnehmen? Wie ist unser Selbstverständnis? Was zeigt man? Nur die „guten“ Flüchtlinge oder auch die unsympathischen, die sich bescheuert verhalten, auf die die Vorurteile zuträfen ?

22. Juni, Der Mann aus Guina

Cordula: Ich bin mit einem aus Guinea verabredet, der sich vorstellen kann, ein Interview zu geben. Er kommt zu spät, ich sehe ihn und erkenne ihn kaum: Ist das der gleiche Mann, den ich beim Tag der offenen Tür gesehen hatte, schäkernd, offen, sympathisch, charmant? Er wirkt vollkommen anders. Er entschuldigt sich vielmals. Hätte den Termin fast vergessen, war zu spät. Aber er komme gerade vom Krankenhaus. In der Hand eine Tüte Medikamente, mit Antidepressiva. Wir sähen nur die gute Laune. Aber nachts schlafen sie alle nicht, sagt er.

23. Juni, Es ist ein ständiger Kampf

Heidrun: Ich frage Hermon, ob er denn nach unserem Dreh weiter den Deutschkurs besucht. Er verneint. Ihm sei nicht danach. Er versuche zu lernen, aber die vielen Gedanken im Kopf würden blockieren. Ein täglicher Deutschkurs wäre die einzige Alternative… Darf ich mir anmaßen zu beurteilen, was gut für ihn ist? Wie ernst nehme ich seine ‚Gedanken’? Der am letzten Sonntag noch so fröhliche Hermon ist heute wieder der verschlossene, nachdenkliche. Es gibt keine chronologische, sich ständig verbessernde Stimmung bei den Bewohnern der Flüchtlingsunterkunft. Es ist ein ständiger Kampf, mit Höhen und Tiefen im Wechsel. Das muss ich mir auch immer wieder bewusst machen.

Stand: 06.11.2015, 12:00

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