Interview zum Film "Wenn die eigenen Kinder sterben"

Interview zum Film "Wenn die eigenen Kinder sterben"

Die Autoren Sebastian Wagener und Denise Körting erzählen, wie sie und die Mutter zweier Kinder mit dem sensiblen Thema der tödlichen Nervenkrankheit NCL während der Dreaharbeiten umgegangen sind.

tag7: Wie sind Sie mit der Familie Mrosek in Kontakt gekommen? 

Sebastian Wagener: Ich habe Claudia und Thomas Mrosek schon vor fast zwölf Jahren kennengelernt, als ich im Zuge des Gendefekts NCL recherchiert habe. Wir haben dann auch für einen Magazinbericht mit Familie Mrosek gedreht. Damals lebten noch alle drei Söhne, Kevin war aber schon schwerstbehindert und starb auch kurze Zeit später. Jan-Philip ging es eigentlich noch ganz gut. Dennoch wussten natürlich alle, dass er sich trauriger Weise genauso entwickeln wird wie sein großer Bruder Kevin. Die Eltern waren zum Zeitpunkt des Drehs noch verheiratet, aber dass die Krankheit schwer auf ihrer Ehe lastet, war damals schon zu spüren. Ich habe mich vor zwei Jahren eher zufällig an Familie Mrosek erinnert und habe dann wieder Kontakt zu Claudia Mrosek aufgenommen. Sie erzählte davon, was sich alles getan hat, und stimmte sofort zu, als ich ihr von tag7 erzählt habe.

tag7: Wie lange haben Sie gedreht und wie haben Sie Claudia Mrosek während der Dreharbeiten erlebt?  

Denise Körting: Wir haben gut anderthalb Jahre gedreht. In der Zeit hat sich wahnsinnig viel getan. Jan-Philip hatte gute und schlechte Tage. Bei den Eltern, vor allem bei Claudia Mrosek, habe ich eine Veränderung festgestellt – im Umgang mit mir als Reporterin, aber auch im Umgang  mit Jan-Phillip und dessen Schicksal. Claudia Mrosek hat sich im Laufe der Zeit immer weiter geöffnet, ist anscheinend immer stärker geworden. Es fällt ihr nun leichter, ihre Gedanken und Gefühle zu identifizieren und in Worte zu fassen. Sie akzeptiert die Tatsache, dass ihr wahrscheinlich nicht mehr viel Zeit mit ihrem jüngsten Sohn bleibt – auch wenn sie weiterhin Angst vor Jan-Philipps Tod hat und natürlich auch nur ungern daran denkt. Ich habe den Eindruck, dass sie mittlerweile etwas offensiver mit der gesamten Situation - also mit Jan-Philipp, dem Pflegepersonal, aber auch grundsätzlich - umgehen kann. 

tag7: Wie haben Sie es geschafft, soweit Vertrauen zu entwickeln, dass es Claudia Mrosek möglich war, ihre Geschichte zu erzählen, mit all den Schuldgefühlen, die bei Ihr sicherlich eine Rolle spielen?

Denise Körting: Claudia Mrosek hatte von Beginn an selbst das Interesse und auch den nötigen Mut, über ihre Situation zu sprechen. Vielleicht liegt es auch daran, dass viele in ihrem Umfeld eher Angst vor den Themen „NCL“, „Sterbebegleitung“ und „Tod der eigenen Kinder“ haben. Es gibt sicherlich nur wenige Menschen, die offen danach fragen, wie sie sich als Mutter fühlt, ob sie Schuldgefühle hat, welche Ängste sie vor Jan-Philipps Tod hat. Es gehört ja – denke ich mal – als Angehöriger oder Freundin auch jede Menge Mut dazu, solche unangenehmen Fragen zu stellen, weil man schließlich ja auch die Antworten aushalten können muss. Viele Menschen werden Angst vor diesen Antworten haben, weil sie nicht wissen, wie sie darauf reagieren sollen oder wie sie Claudia Mrosek beistehen können.

"Claudia Mrosek war immer sehr offen"

Als Journalistin ist das etwas einfacher: Man schaut von außen auf die Situation, man darf alle Fragen stellen. Und ich hatte immer das Gefühl, dass Claudia Mrosek es auch als Erleichterung empfindet, über ihre Gefühle sprechen zu können, ohne befürchten zu müssen, jemandem damit zur Last zu fallen. Es war übrigens während der gesamten Drehzeit immer klar und auch klar zwischen uns abgesprochen: Sollte eine meiner Fragen ihr unangenehm sein oder für sie zu weit gehen, könnte sie das jederzeit sagen! Da sie uns als Team über die gesamte Zeit aber auch immer besser kennengelernt hat, war das nie der Fall. Claudia Mrosek war immer sehr offen.

tag7: Das Thema ist nicht einfach zu verdauen. Wie sind Sie selber als Filmemacher und als Menschen mit der Situation umgegangen? 

Denise Körting: Das erste Aufeinandertreffen mit Jan-Philipp hat mir und uns allen vor Augen geführt, mit welch schwerem Schicksal wir es hier zu tun haben. Selbst wenn man das vorher erzählt bekommt und sich über die Krankheit informiert, ist es etwas anderes, das betroffene  Kind dann auch wirklich zu treffen Wir fragten uns: Was bekommt es von den Dreharbeiten mit? Wir überlegten: Wie begrüße ich Jan-Philipp? Und so kommt auch ein Prozess in einem selbst in Bewegung, sich mit dem Thema noch intensiver auseinander zu setzen. Dennoch behielten wir während der Interviews und der gesamten Drehzeit die Fassung. Es scheint mir manchmal so, als würden Journalisten und Kamerateam die Erlebnisse distanzierter beobachten können: Wir schauen über einen Monitor oder durch den Kamerasucher auf das Geschehen. Wir sind in der Rolle der Journalistin, die Fragen stellt, sich selber aber vollkommen aus der Situation herausnehmen – ein Spagat zwischen Empathie und Distanz. Grundsätzlich war es eine sehr intensive Erfahrung einer Familiengeschichte über so lange Zeit so nahe zu kommen. 

Sebastian Wagener: Ich persönlich kenne Familie Mrosek ja schon länger – natürlich inklusive ihrer Geschichte. Durch das ständige Sehen – und das über einen so langen Dreh-Zeitraum – hat dann ja auch das ganze Team intensiv Teile dieser Geschichte miterlebt. Wenn man am Ende nur die Reportage sieht, kann ich mir durchaus vorstellen, dass für die Zuschauer manche Situationen wirklich nicht einfach zu verdauen sein könnten. Aber, das ist nun mal das Leben von Claudia Mrosek – einer Frau, die sich natürlich einen anderen Weg für sich gewünscht hätte, die aber gleichzeitig dieses Leben meistert. Und das macht sie – trotz aller Rückschläge – auf sonderbare Weise irgendwie stark. 

Interview: Sabine Coen

Stand: 17.02.2016, 18:30

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