Zum Film "Der Traum vom frei sein – Leben im Gefängnis"

Interview mit dem Autor Viktor Apfelbacher

Zum Film "Der Traum vom frei sein – Leben im Gefängnis"

Viktor Apfelbacher gibt im Interview Einblicke über seine Dreharbeiten hinter Gefängnismauern und den Umgang mit den Gefangenen. Für den WDR drehte er den Film "Der Traum vom frei sein – Leben im Gefängnis".

Viktor Apfelbacher

tag7-Autor Viktor Apfelbacher begleitet drei Gefangene hinter den Mauern eines Hochsicherhetsgefängnisses

tag7: Wie sind Sie auf das Thema gekommen?

Viktor Apfelbacher: Ich bin von Gefängnissen fasziniert, sie sind für mich ein Spiegelbild der Gesellschaft. Man kann sagen: Zeig` mir Deine Gefängnisse, und ich sage dir, in welchem Land du lebst. Die Art und Weise, wie die Gesellschaft mit ihren Gefangenen umgeht, ist für mich eine Art Thermometer, es zeigt an, wie die Gesellschaft tickt. Bei meiner Recherche bin ich dann auf das Projekt „podknast.de“ gestoßen: Gefangene kommunizieren aus dem Knast mit der Öffentlichkeit, für mich völlig neu. Eine tolle Geschichte.

tag7: Entsprach dann das Leben im Gefängnis Ihren Vorstellungen?

Viktor Apfelbacher: Ich hatte es mir schlimmer vorgestellt. Es hat mich sehr überrascht, dass im Gefängnis keine düstere oder deprimierende Stimmung herrscht, zumindest nicht in denen, die ich inzwischen kenne. Die Menschen gehen relativ entspannt miteinander um, auch der Umgang der Justizvollzugsbeamten mit den Gefangenen ist eher locker. Irgendwie scheinen sich die Menschen an den Knast zu gewöhnen und versuchen, das Beste draus zu machen. Das Schlimmste im Knast ist die fehlende Freiheit. Deshalb auch der Titel des Films: Der Traum vom frei sein.

tag7: Wie war denn Ihr Umgang mit den Gefangenen, wie schafft man es Vertrauen aufzubauen und gleichzeitig zu wissen, ich spreche hier mit Schwerverbrechern?

Viktor Apfelbacher: Das war eine Gratwanderung. Die Einstiegsfrage war tatsächlich, wie offen bin ich, wie freundlich, wie strikt? Ich gehe einerseits mit journalistischer Routine und Distanz daran, andererseits möchten das Team und ich auch eine persönliche Beziehung zu den Häftlingen aufbauen. Sie müssen vertrauen, damit persönliche Gespräche und der Film überhaupt möglich werden. Ich habe mich dann entschieden, die Gefangenen so zu behandeln, wie jeden anderen Menschen auch, also komplett auszublenden, was sie anderen Menschen angetan haben. Das war auch das Ziel des Films, die Täter nicht aufgrund ihrer Taten zu verurteilen, sondern ihnen als Menschen zu begegnen.

tag7: Hat sich während des Drehs etwas innerlich verändert, gab es so etwas, wie ein „Vorher-Nachher“?

Viktor Apfelbacher: Es war ein ständiges Hadern zwischen einer Super-Sympathie, einer Art Kumpanei und dem Gedanken: Hey, Moment mal, du hast hier einen Mörder oder Schwerverbrecher vor dir, du kannst nicht so freundlich sein. So ging es dem ganzen Team. Wir haben viel darüber nachgedacht und überlegt, wie der Umgang miteinander richtig wäre. Ich denke, jeder Mensch kann dazu gebracht werden, Dinge zu tun, die er nie erwartet, von sich selbst gedacht hätte. Aufgrund bestimmter Erfahrungen oder geistiger oder psychischer Verfassungen. Trotzdem sind diese Menschen keine Monster, sondern es sind Menschen, die Dinge getan haben, die in unserer Gesellschaft nicht akzeptiert werden.

tag7: Hatten Sie nicht manchmal auch Angst bei der falschen Frage auch mal eins „in die Schnauze“ zu kriegen?

Viktor Apfelbacher: Am Anfang war ich tatsächlich sehr vorsichtig, ich musste mich langsam herantasten, das hat sich dann aber relativ bald gelegt. Wir haben von Anfang an ein paar Regeln festgelegt und uns darüber verständigt, dass ich alle Dinge fragen kann, die mir auf der Zunge liegen und dass jeder Gefangene von Anfang an das Recht hat „nein“ zu sagen, „das möchte ich nicht beantworten“. Die Menschen mit denen wir zu tun hatten, sind relativ moderat, sie können sich artikulieren, ohne sich gegenseitig eine zu verpassen. Sie sind in der Lage, die Dinge im Diskurs zu lösen, deswegen sind sie in der „Podknast-Gruppe“, das ist Sinn und Zweck dieser Gruppe.

tag7: Und waren alle sofort dabei?

Viktor Apfelbacher: Als sie gemerkt haben, wir möchten uns wirklich intensiv mit ihnen auseinandersetzen und keinen oberflächlichen Film drehen, waren sie eher vorsichtig. Es war ihnen klar, wenn sie etwas sagen, das die Anstaltsmauer verlässt, haben sie keinerlei Kontrolle mehr darüber, was mit dem Material passiert. Alles was ins Internet geht, bleibt für immer dort. Das haben wir dann in langen intensiven Vorgesprächen geklärt und Vertrauen aufgebaut.

tag7: Was waren die größten Schwierigkeiten bei den Dreharbeiten?

Viktor Apfelbacher: Schwierig war die Logistik. Es musste von vorne herein abgeklärt sein: wer geht um wie viel Uhr mit welchem Equipment wohin? Es waren viele Genehmigungen der Anstaltsleitung nötig, und es wurde sondiert, welche Bilder wo und aus welcher Perspektive gedreht werden dürfen. Sicherheitseinrichtungen dürfen nur so gefilmt werden, dass nicht nachvollziehbar ist, wo genau die Kameras positioniert sind, um den Zuschauern oder den vermeintlichen Ausbruchshelfern draußen nicht die Möglichkeit zu geben, zu erkennen, wo mögliche Schwachstellen sind. Es konnten auch nicht einfach andere Häftlinge im Hintergrund gedreht werden, die das nicht wollten. Da wurde sehr genau drauf geachtet.

tag7: Wie haben Sie persönlich „Knast“ empfunden?

Viktor Apfelbacher: Ich habe den Knast immer erst dann gespürt, wenn ich wieder draußen war, nach den Dreharbeiten. Auf der Rückfahrt wurde unser Team immer sehr nachdenklich und erst im Nachhinein habe ich gemerkt, wie bedrückend es ist und wie schön, in Freiheit zu leben: Einfach überall hingehen zu können, zu tun und lassen, was man möchte. Das weiß ich jetzt wirklich zu schätzen. Ich persönlich möchte niemals ins Gefängnis! Das ist ein absolutes No-Go!

Das Interview führte Sabine Coen.

Stand: 13.03.2015, 18:37

Startseite

Alle Sendungen

Unsere Videos

Unsere Podcasts