Autorin-Interview zum Film "Lesbische Eltern - Familien zweiter Klasse?"

Autorin-Interview zum Film "Lesbische Eltern - Familien zweiter Klasse?"

Renate Werner begleitet in ihrem Film ein lesbisches Paar, das in eingetragener Lebenspartnerschaft und mit Kind lebt. Im Interview berichtet die Autorin über ihre Erfahrungen während der Recherche. Und darüber, dass in anderen Ländern allen Paar-Konstellationen die gleichen Rechte zukommen.

tag7: Wie haben Sie die Mütter empfunden, die Sie begleitet haben?

Renate Werner: Ich habe die Paare als sehr reflektiert erlebt und daraus geschlossen, dass sie sehr lange über eine Familiengründung nachgedacht haben. Auch die Frauen, mit denen ich für die Vorrecherche telefoniert habe, habe ich durchweg als extrem informiert empfunden. Viele überlegten sich, wie ihr Kind Kontakt zum biologischen Vater haben könnte, wenn es das möchte. Sie setzten sich damit auseinander, dass ihr Kind eventuell diskriminiert wird, und sie haben sich die Frage gestellt, wie gehen wir damit um, können wir unseren Sohn, unsere Tochter darauf vorbereiten?

tag7: Wie ist der juristische Sachverhalt in Deutschland?

Renate Werner: Wenn zwei Frauen in sogenannter eingetragener Lebenspartnerschaft leben und etwa eine Samenbank in Anspruch nehmen, dann müssen sie, wenn das Kind geboren ist, eine sogenannte „Stiefkind-Adoption“ durchlaufen. Erst nach der Entscheidung des Familiengerichts gelten beide Mütter auch juristisch als Elternteile. Das ist anders als in einer Ehe: Da ist der Mann, egal ob er tatsächlich der biologische Vater ist oder nicht, automatisch bei der Geburt der zweite rechtliche Elternteil. Das prüft keiner nach.

Eigentlich ist die Stiefkind-Adoption ein Verfahren, damit Kinder aus einer früheren Beziehung von einer neuen Partnerin oder einem neuen Partner adoptiert werden können. Der neue Partner muss dann in der Regel ein Jahr lang beweisen, dass er eine Beziehung zum Kind aufgenommen hat, er muss Herkunft, Gesundheit und Finanzen offenlegen, er wird vom Jugendamt durchgecheckt.

tag7: Also ist dieses Verfahren gar nicht angemessen?

Renate Werner: Die Situation eines lesbischen Paares ist eine ganz andere: Das Kind ist von beiden gewünscht, geplant, es wird gemeinsam dafür gesorgt. Beide Mütter haben das Recht, Elternzeit zu nehmen und Elterngeld zu bekommen. Aber sie müssen sich vom Jugendamt prüfen lassen und ein Verfahren durchlaufen, das eigentlich für eine andere Situation geschaffen worden ist. Sie hätten gerne, dass das Kind ab Geburt rechtlich mit zwei Elternteilen abgesichert ist und nicht erst ein oder zwei Jahre später.

Normal in Südafrika: zwei Mütter im Geburtsurkunde-Eintrag

tag7: Wie sieht die Gesetzeslage für gleichgeschlechtliche Paare mit Kindern in anderen Ländern aus?

Renate Werner: Wir zeigen im Film eine Europakarte, die erklärt, wie andere Länder damit umgehen: In Spanien, Malta, England und Frankreich besteht Ehe nicht nur aus „Mann und Frau“ sondern auch aus „Mann und Mann“ und „Frau und Frau“ und alle Paare haben die gleichen Rechte. Einige Länder schließen dann die Adoptionsverfahren schon während der Schwangerschaft ab. Oder in Südafrika und Neuseeland, da können sich zwei Mütter gleich in die Geburtsurkunde eintragen. Dort geht man geht davon aus, dass zwei Frauen, die vor der Geburt zusammen sind und alles zusammen planen, auch die rechtlichen Elternteile sind, wenn sie nichts anderes sagen.

tag7: Wie war Ihr Eindruck bei der Recherche: Nimmt sich die Politik des Themas adäquat an?

Renate Werner: Das Familienministerium hat dieses Jahr zum ersten Mal die Regenbogenflagge gehisst, um zu zeigen, dass auch so genannte Regenbogenfamilien zu unserer Gesellschaft gehören. Und auch CDU-Politiker sagten mir, persönlich hätten sie mit gleichgeschlechtlichen Paaren überhaupt kein Problem. Privat ist hier aber nicht politisch: Es gibt eine lange Diskussion darüber, ob gleichgeschlechtliche Paare beim Adoptionsrecht völlig gleichgestellt werden sollen und immer wieder musste das Bundesverfassungsgericht Nachhilfe in Sachen Rechtslage geben.

Bei der öffentlichen Diskussion geht es dann meist nur darum, ob schwule Männer ein nicht-leibliches Kind adoptieren dürfen. Deswegen hatten wir auch redaktionell entschieden, wir kümmern uns jetzt mal darum: Was ist eigentlich mit den Frauen?

Zunächst große Fragezeichen bei den Jugendämtern

tag7: Wie waren die Erfahrungen mit den Jugendämtern?

Renate Werner: Das war eine ganz spannende Phase der Recherche, weil ich bei vielen Jugendämtern erst mal auf ein großes Fragezeichen gestoßen bin, nach dem Motto, so einen Fall hatten wir noch nicht. Ich habe das Gefühl, dass die Konstellation „Regenbogenfamilie“ noch nicht überall angekommen ist. Ich weiß auch von keiner besonderen Mitarbeiterschulung zu diesem Thema. Auf diese Unwissenheit sind natürlich auch viele Paare, mit denen ich gesprochen und gedreht habe, gestoßen.

tag7: Sind Sie bei der Recherche auf Diskriminierung gestoßen?

Renate Werner: Nein, ich glaube, die Phase, in der offene Diskriminierung gegenüber gleichgeschlechtlichen Paaren toleriert wird, haben wir in Deutschland überwunden. Das ist zumindest mein Eindruck. Allerdings kann das Thema Samenspende ethische Vorbehalte auslösen, doch damit müssen sich ja zu 95 Prozent auch heterosexuelle Paare auseinandersetzen, Samenbanken und Kinderwunschzentren wurden ja nicht für lesbische Frauen geschaffen.

Viele Frauenpaare haben mir erzählt, sie gingen zu jedem Elternabend gemeinsam, holten oft gemeinsam ihren Sohn oder ihre Tochter im Kindergarten und in der Schule ab. Einfach damit sie als Eltern sichtbar und Regenbogenfamilien für die Gesellschaft noch selbstverständlicher werden. Sie erzählen, sogar Lehrer wüssten nicht, dass es so viele Frauenpaare mit Kindern gebe, obwohl rund 10.000 Kinder in Deutschland bei gleichgeschlechtlichen Eltern aufwachsen. In den Schulbüchern sucht man nach dem Modell Regenbogenfamilie ja noch vergeblich. Da gibt es ordentlich Nachholbedarf.

Interview: Sabine Coen

Stand: 23.09.2016, 14:00

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