Interview zum Film "Lieber leben - Tobis neues Herz“

Interview zum Film "Lieber leben - Tobis neues Herz“

Katharina Köster, Autorin des Films "Lieber leben - Tobis neues Herz“, über ihre Arbeit, ihre Motivation, diesen Film zu drehen und die Auswirkungen einer Herztransplantation auf Familien.

tag7: Wie haben Sie Tobi und seine Familie kennengelernt?

Katharina Köster: Bei einem früheren Filmprojekt mit hochbegabten und körperbehinderten Schülern. Ich habe ihn über einen Zeitraum von drei Jahren begleitet.

tag7: Warum war Ihnen dieser Film so wichtig?

Katharina Köster: Transplantation ist erst der Anfang, nicht das Ende! Das ist auch Tobis Thema und es war mir sehr wichtig, es in diesem Film herüberzubringen. Eine Transplantation ist nicht das Happyend einer langen Leidensgeschichte. In unserer Geschichte ist es nur eine Station, Tobis Krankheit wird niemals aufhören. Er wird sein Leben lang sehr viele Medikamente nehmen und weiter kämpfen müssen. Jede Grippe, jeder Infekt kann dafür sorgen, dass er sofort ins Krankenhaus muss und es kann fatale Folgen haben. Sein neues Herz befindet sich in einer Art von permanentem Abstoßungsprozess, niemals wird sich sein Körper ganz mit dem Organ anfreunden können. Tobi muss darauf hoffen, dass es lange durchhält und er erst mit 35 oder 40 Jahren ein Neues braucht.

tag7: Wie haben Sie Tobis Situation persönlich empfunden?

Katharina Köster: Ich habe selber eine kleine Tochter, sie ist jetzt zwei Jahre alt. Es tut mir schon weh, sie nur wegen eines Schnupfens leiden zu sehen. Und wenn ich mir dann vorstelle, was Tobis Mutter alles hat durchmachen müssen, wenn sie darauf wartete, dass ihr Sohn endlich aus dem OP kommt und wie oft Tobi in Lebensgefahr schwebte, komme ich ins Nachdenken. Ich habe sehr großen Respekt vor der Mutter.

tag7: Welche Auswirkungen hat Tobis Krankheit auf seine Familie?

Katharina Köster: Die Krankheit hat die ganze Familie verändert, beeinflusst und geprägt. Die Mutter konnte nie wirklich arbeiten, sie musste sich immer um ihr krankes Kind kümmern, und jetzt mit Mitte vierzig, findet sie keine Arbeit mehr. Die Krankheit hat die Familie auch finanziell stark belastet und Tobis Geschwister mussten oft auf ihre Mutter verzichten. Tobi ging es immer schlecht, er brauchte immer seine Mutter, und das hatte eben Priorität.

Maxi, sein Zwillingsbruder, den wir auch im Film kennenlernen, hat es spannend formuliert: „Man meint, Tobi habe einen gesunden Zwillingsbruder, der das Leben führt, das Tobi nie hatte. Tatsächlich war Tobi aber immer im Mittelpunkt, er war die Sonne und ich der Schatten. Alles hat sich um ihn gekümmert und für mich hatte keiner Zeit.“

Maxi hat heute immer noch psychisch damit zu kämpfen. Er hat mir auch erzählt, er habe es immer physisch am eigenen Leib gespürt, wenn Tobi operiert wurde. Er konnte dann nicht mehr sprechen.

tag7: Bleiben Sie weiterhin mit Tobi und seiner Familie in Kontakt?

Katharina Köster: Auf jeden Fall. Tobis Geschichte wird weitergehen und wir wollen ihn weiter begleiten. Seine Familie findet das gut, Tobis Mutter sagt, er sei durch den Film viel reifer geworden und habe auch viel mehr reflektiert, was ihm widerfahren sei. Die Filmarbeit war wichtig für die ganze Familie. Wenn mich jemand als Dokumentarfilmerin so nah heranlässt, dann verabschiede ich mich auch nicht einfach und gehe. Ich möchte Filme machen, die nah dran und intensiv sind. Dabei muss ich viel von mir geben, damit ich auch viel von den Menschen zurückbekomme.

Interview: Sabine Coen (Das Interview wurde anlässlich der Erstausstrahlung des Films "Lieber leben - Tobis neues Herz" in DasErste im März 2015 geführt.)

Stand: 06.03.2016, 14:00

Startseite

Alle Sendungen

Unsere Videos

Unsere Podcasts