Juri Rescheto über die manchmal kuriosen Dreharbeiten zu seinem Film "Winter in St. Petersburg"

Silvester hinter einem Schrank!

Juri Rescheto über die manchmal kuriosen Dreharbeiten zu seinem Film "Winter in St. Petersburg"

tag7: Wie schwer war es, an die Menschen in St. Petersburg herangekommen?

Juri Rescheto: Es kommt darauf an, wie nah man an die Menschen heran möchte. Die Russen sind mir gegenüber immer kontaktfreudig, und das deutsche Fernsehen genießt schon Respekt. Zumal ich auch Russisch spreche. Einfache Interviews sind kein Problem, für intensive Recherchen reicht ein Lächeln aber nicht aus. Da muss man das Vertrauen der Menschen gewinnen.

Juri Rescheto

Juri Rescheto

tag7: Und wie ist Dir das gelungen?

Juri Rescheto: Wir haben in einer Gemeinschaftswohnung gedreht, einer so genannten „Kommunalka“, in der 16 Familien einen Flur teilen. Einen langen, dunklen, kalten Flur in einem maroden Altbau mitten in der Altstadt. Nachdem wir zwei, drei oder vier mal dort waren, hatten sich die Menschen an die Kamera gewöhnt und siehe da: Der Flur war zwar immer noch lang, aber mal wurde er von den Taschenlampen spielender Kinder erleuchtet, mal von blinkenden Weihnachtsbäumen, mal vom Lächeln seiner Bewohner.

Und nach zwei bis drei Wochen stellte ich fest, wie intensiv, spannend, oft auch lustig das Leben auf diesem Flur sein kann. Genau das wollte ich auch im Film zeigen: Das Leben der Menschen von innen, hinter den prachtvollen Fassaden der einstigen Zarenmetropole Sankt Petersburg.

"Ich erzähle drei parallele Geschichten"

tag7: Wie stellst du die Kontakte zu Deinen Protagonisten her?

Juri Rescheto: Der Film heißt im Untertitel „Glanz und Schatten einer Metropole“. Und so erzähle ich drei Geschichten parallel, die diese beiden Seiten der Stadt zeigen. Die eine von der Kommunalka, die andere von einem der reichsten Männer Sankt Petersburgs und die dritte von einem charismatischen Priester. Diese drei Geschichten sind miteinander natürlich verbunden. Manche der Protagonisten kennen sich auch. Ich lerne die Leute teils durch Mundpropaganda kennen, teils aber auch mit Hilfe von Producern vor Ort. Lokale Journalisten kennen ihre „Helden“ am besten und helfen mir bei der Recherche.

tag7: Welche Situation hat Dich am meisten überrascht?

Juri Rescheto: Überrascht hat mich, was man mit Geld alles erreichen kann. Klingt banal, ich weiß, aber ich hatte diesen unerschütterlichen Glauben, dass die Kultur den Russen heilig ist. Dieser Glaube war dann doch erschüttert, als ich während der Dreharbeiten sah, was man für 800 Euro Eintrittspreis - pro Karte! - beim so genannten „Kinderwinterball“ im Thronsaal der einstigen Kaiserresidenz, im Katharinenpalast alles veranstalten darf. Dort, wo man sich sonst fast auf Zehenspitzen fortbewegt und über die Straßenschuhe Schutzsäcke überstülpt, wo man nur leise sprechen und bloß nicht zu nahe an die Wände kommen darf, dort steigt eines Abends eine 'exquisite' Sause, bei der die Stöckelschuhe ihrer betuchten Teilnehmerinnen noch das geringste Übel darstellen. Der Kinderwinterball gerät aus den Fugen.

Der Schnee wollte nicht kommen

tag7: Gab es Besonderheiten beim Dreh? Und Unvorhergesehenes?

Juri Rescheto: Ich hätte nie gedacht, dass ich Silvester mal hinter einem Schrank feiern werde, zusammengepfercht zwischen der Heizung und einem Sessel, auf dem drei Menschen sitzen. Mit 18 Personen auf 12 Quadratmetern. Dazu unser Team. Das war schon exotisch. Unvorhergesehenes gab es auch. Den Schnee. Der wollte einfach nicht. Wir haben im November gedreht, im Dezember und Januar. Kein Schnee! Nur Regen. Der Klimawandel macht sich auch in Russland bemerkbar. Ein Winterfilm ohne Schnee ist kein Winterfilm. Also drehten wir nur die Innenaufnahmen. Erst im April hat es geschneit. Dann mussten wir in zwei Tagen alle Orte nochmals von außen drehen. Mit Schnee. Aber psst!... Das ist ein kleines Geheimnis.

Interview: Sabine Coen

Stand: 20.12.2013, 00:00

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