Interview zum Film "Russlands wilde Tundra"

Interview zum Film "Russlands wilde Tundra"

Der Autor und Filmemacher Juri Rescheto über die manchmal schwierigen Dreharbeiten zum Film „Russlands wilde Tundra“ (01.01.2014, 13.35 Uhr, WDR Fernsehen), die Liebe zu seiner Heimat und die Unterschiede zwischen dem deutschen und dem russischen Weihnachtsfest.

tag7: Juri, was verbindest Du mit Russland?

Juri Rescheto: Russland ist meine Heimat, ich bin dort geboren, ich habe dort zwanzig Jahre gelebt, die ersten zwanzig Jahre meines Lebens. Ich liebe Russland sehr. Es ist ein tolles Land, ein Land der Kontraste, das ist für mich als Filmemacher sehr wichtig, und gerade jetzt tut sich dort politisch gesehen sehr viel. Ich habe inzwischen auch in Deutschland eine Heimat gefunden, aber in Russland lebt ein Teil meiner Familie und ich fahre gerne dort hin, denn ich liebe den russischen Winter.

Juri Rescheto

Juri Rescheto

tag7: Ihr habt für „Russlands wilde Tundra“ im Tschuktschenland gedreht, das ist im äußersten Nordostsibirien. Wie weit ist das von uns entfernt?

Juri Rescheto: Das sind rund 12.000 Kilometer, das bedeutet, es sind von Moskau noch neun Stunden Flug bis in die Region Magadan. Das Flugzeug ist die einzige Möglichkeit dorthin zu kommen, es gibt keine Eisenbahn und keine Straßen. Leider sind die Flugzeuge wegen der extremen Wetterbedingungen sehr unzuverlässig. Bei der Anreise zu den Dreharbeiten haben wir tagelang an einem Flughafen festgesessen, der noch 600 Kilometer von unserem eigentlichen Zielort entfernt war, weil wir wegen des schlechten Wetters nicht weiterkamen. Wir haben zu viert in einem Zimmer übernachtet und mussten tagsüber immer „standby“ am Flughafen sein. Das war anstrengend.

Mit Gänsefett auf den Wangen gegen die Kälte

tag7: Wie habt ihr Euch dann vor Ort fortbewegt?

Juri Rescheto: Manchmal mit Schlitten und Schlittenhunden, die meiste Zeit mit einem Schneemobil. Das war ziemlich schwierig, es war sehr kalt, wir hatten die Kamera in Tierfelle gewickelt. Der Kameramann Maxim Tarasyugin, mit dem ich seit zehn Jahren drehe, konnte wegen seines Rückens nicht auf dem harten Schneemobil sitzen, er musste sich seitlich hinlegen, das sah sehr lustig aus. Die Wangen hatten wir mit Gänsefett eingeschmiert, das hilft gegen den eisigen Wind. Im Film sieht man deutlich, dass die Tschuktschen, die Menschen, die dort leben, ganz verbrannte Gesichter haben, teilweise durch die Sonneneinstrahlung teilweise durch den starken Wind.

Kamerateam auf einem Schlitten im Eis

Das Team beim Dreh in der Tundra

tag7: Man kann die Kälte förmlich durch den Film spüren. Ist sie für die Dreharbeiten manchmal auch ein Problem?

Juri Rescheto: Technisch gesehen ist die Kälte eine Katastrophe: Direkt am ersten Tag der Dreharbeiten zu „Russlands wilde Tundra“ ist die Kamera kaputt gegangen. Wir hatten an diesem Tag in einem Schneesturm gedreht. Der Wind war so stark, dass trotz des Windschutzes Schneekristalle in die Kamera geraten sind. Sie ging plötzlich aus, nichts funktionierte mehr. Was tun? Wir haben nach Deutschland telefoniert, der Kamerahersteller gab den Tipp, alle Kameraöffnungen aufzumachen und sie mit einem Fön zu trocknen. Wir waren drei Männer und hatten leider keinen Fön dabei. Wir haben sie dann an die Heizung gestellt und siehe da, ein paar Tage später funktionierte eine Funktion nach der anderen wieder, bis auf den Ton, den mussten wir in Köln nachbasteln.

"Der Wodka ist der neue Schamane"

tag7: Wie gehst Du an die Themen und Deine Protagonisten heran, recherchiert Du alles vorher oder zieht Ihr manchmal auch auf gut Glück los?

Juri Rescheto: In der Regel mache ich eine Recherchereise. Ich arbeite gerne mit lokalen Journalisten zusammen, die sich in der Gegend auskennen. Man kann aber nicht alles vorher recherchieren. Russland ist nicht Deutschland, man kann sich nicht immer auf einen vorher zusammengestellten Drehplan verlassen. Die Leute wollen manchmal höflich sein, sagen ja, meinen aber nein, und diese Verlässlichkeit, die wir aus Deutschland kennen, gibt es nicht. Manchmal passiert Unerwartetes: Wir hatten zum Beispiel einen lokalen Reporter vor Ort, der im Vorfeld für uns wichtige Drehgenehmigungen eingeholt hat. Als wir ihn allerdings auf die Drehreise mitnahmen, stellte sich heraus, dass er schwerer Alkoholiker war. Und er wurde zum Problem. Es gibt leider sehr viele Alkoholiker im Tschuktschenland, und das ist auch eines der Themen im Film. Es ist traurig, aber wahr. Die Menschen dort haben einfach keine Perspektive.

Zwei Männer in einem Schneesturm

Schneestürme sind in der Tundra beinahe an der Tagesordnung.

tag7: Gibt es in der Tundra noch die alten Traditionen, wie zum Beispiel den Schamanismus, der von Medizinmänner oder –frauen praktiziert wird?

Juri Rescheto: Nein, leider nicht, die Flasche Wodka ist der neue Schamane. Es gibt Schamanen noch in anderen Gebieten, aber im extremen Norden, im Tschuktschenland, nicht. Man hat das Gedächtnis des Volkes so erfolgreich ausgelöscht, das ist unter anderem auch Thema des Films. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde vieles vom Westen blind übernommen, inzwischen haben die Menschen aber gemerkt, das russische Traditionen gut und wichtig sind, und das nicht alles, was vorher war, schlecht ist.

tag7: Und wie ist das russische Weihnachten? Erinnert es Dich an Deine Kindheit?

Juri Rescheto: Die russisch orthodoxe Kirche feiert das Weihnachtsfest am 7. Januar. Es spielte aber in meiner Kindheit keine Rolle, da es bis 1991 in der Sowjetunion nicht gefeiert werden durfte. Stattdessen hatten wir aber das russische Silvesterfest, das ist von der Art so, wie das deutsche Weihnachten. Ein kleines Familienfest mit einem Weihnachtsbaum, Geschenken und einem guten Essen. Weihnachten habe ich dann erst als Erwachsener erlebt und ganz intensiv auch als Reporter, als ich für die Reportagen „Weihnachten in Sibirien“ und „Weihnachten am Amur“ unterwegs war. Es ist ein weißes Fest mit viel Schnee und es ist sehr kalt. Es ist sehr kirchlich betont, die Gläubigen gehen teilweise zwei Tage lang in die Kirche. Es gibt keinen kollektiven Zwang, entweder man ist orthodoxer Christ oder man feiert es gar nicht.

Interview: Sabine Coen

Stand: 20.12.2013, 00:00

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