"Atemberaubend schön!"

Interview zur Reihe "Die Juden"

"Atemberaubend schön!"

Von Sabine Coen

Der Theologe und Journalist Johannes Becher wanderte auf dem Jerusalem-Weg. Im Interview erzählt er, was ihn zu dem Wüsten-Trip im Heiligen Land bewogen hat und was das Faszinierende an der Wanderung ist.

tag7: Warum eine anstrengende Wanderung durch die Wüste auf den Spuren Jesu?

Johannes Becher: Ich wandere gerne und es ist faszinierend, die eigenen Grenzen zu spüren: körperlich, aber auch spirituell. Wenn man ein religiöser Mensch ist, dann wird das Wandern zum Pilgern. Und wo könnte das spannender sein, als im Land der Bibel, auf den Spuren des "Gründers", diesem Jesus aus Nazareth. Auf dem Weg durch die Wüste liegt unter jedem Stein etwas "Heiliges". Und das in einer Landschaft, die atemberaubend schön ist.

Johannes Becher

Johannes Becher

In der christlichen Bibel stehen im Neuen Testament vier Evangelien. Was die erzählen, versteht man besser, wenn man die dort beschriebene Landschaft selbst durchwandert. Da stellt sich ein unglaubliches Gefühl ein: Hier – natürlich nicht auf ein paar Hundert Meter genau – ist dieser Jesus also lang gewandert – so wie ich. Man ist sozusagen mittendrin, man wandert auf dem Boden seiner Botschaft.

tag7: Die Wüste ist ein besonderer Ort. Woran liegt das?

Johannes Becher: In unseren Breitengraden haben wir die Wüste meist als trostlosen Ort vor Augen. Das ist in der jüdischen Tradition ganz anders. Während wir heute jemanden "in die Wüste schicken", den wir nicht leiden können oder der einen Fehler gemacht hat, haben die Israeliten, die frühen Juden, das so gesehen: Die Wüste ist der Ort, wo Gott die Menschen, sein Volk, nie alleine lässt. Schon beim Auszug aus Ägypten ist dieser Gott ganz nah. Das Alte Testament der Bibel erzählt von einer 40-jährigen Wanderung durch die Wüste. Als das Volk zu verhungern und zu verdursten droht, fällt Manna, also Nahrung, vom Himmel und aus dem Felsen sprudelt Wasser. Gott prüft sein Volk auf dem beschwerlichen Weg durch Sand und Hitze: ist es seiner würdig? Das wird verglichen mit einer Prüfungszeit, manche nennen es Verlobungszeit. Wenn sie bestanden ist, dann schließen Gott und Volk ihren Bund für alle Zeiten. Die Zehn Gebote der Bibel erzählen von diesem Pakt

tag7: Was hat dieser spirituelle Trip mit Dir gemacht ?

Johannes Becher: Ich war schon einige Male in Israel und Palästina, aber zum ersten Mal in der Wüste. Da hatte ich bisher großen Respekt vor, die Hitze, die Einsamkeit, die Orientierung…Dabei habe ich mir schon lange gewünscht, einmal durch die Wadis, die ausgetrockneten Flusstäler in der judäischen Wüste zu wandern. Allein habe ich mich das nicht getraut - ist auch nicht ratsam, das allein zu tun. Aber in der Gruppe war der Weg durch die Wüste ein wunderbares Erlebnis. Körperlich anstrengend, aber zu schaffen. Landschaftlich faszinierend: blühend und grün in Galiläa im Norden des Landes, leuchtend sandig und karg in der Wüste.

tag7: Gab es Schlüsselerlebnisse?

Johannes Becher: Ja, die hatte ich: körperliche Grenzerfahrungen vor allem. Wir sind stundenlang nur bergauf marschiert, bis auf wenige Meter unentwegt der fordernden Kraft der Sonne ausgesetzt, da spürte ich mich physisch sehr präsent. Und obwohl wir abends vollkommen geschafft waren, lockte morgens dennoch das Erlebnis – das Wandern und die Landschaft.

Beeindruckend war, wie nah und präsent die Alte und die Neue Geschichte beisammen liegen. Ob am See Genezareth, am Toten Meer oder beim Aufstieg in der Wüste… Jordanien ist nur einen Weitblick entfernt, die Golanhöhen, Syrien. Und: wie vielfältig dieses Heilige Land landschaftlich ist, das alles ist unglaublich faszinierend.

tag7: Und was war dein persönliches Highlight?

Johannes Becher: Für den religiös motivierten Wanderer, den Pilger, ist natürlich das größte Highlight: die heilige Stadt Jerusalem. Hier steht die Wiege des Christentums. Das Ziel dieses Wanderwegs ist ja die Grabes- und Auferstehungskirche Jesu. Hier ist er gekreuzigt worden und von hier hat sich seine Botschaft in alle Welt verbreitet. Als ich nach drei Tagen Wanderung zum ersten Mal Jerusalem vom Ölberg aus sah, das war schon ein unvergessener Moment, ein besonderes Kribbeln. Fromme Gänsehaut.

Stand: 09.12.2015, 17:00

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