Christian Jentzsch über die Hintergründe seines Films "Markt oder Moral"

Mann mit kurzen Haaren

Christian Jentzsch über die Hintergründe seines Films "Markt oder Moral"

Von Alexander Haas

Christian Jentzsch berichtet in seinen Film "Markt oder Moral - Deutsche Unternehmen auf dem Prüfstand" von einem ThyssenKrupp-Stahlwerk nahe Rio de Janeiro. Die Produktion dort hat zu einer Verseuchung des Meeres und gesteigertem CO2-Ausstoß geführt. Sein Film begleitet auch den Protest deutscher NGOs gegen die Praktiken europäischer Konzerne.

tag7: Herr Jentzsch, hat sich seit Abschluss ihrer Dreharbeiten etwas an den umweltbelastenden Zuständen nahe dem Thyssen-Werk bei Rio de Janeiro geändert?

Christian Jentzsch: Grundsätzlich hat sich an den umweltbelastenden Umständen seit dem Ende unseres Drehs 2011 wenig geändert. Dazu muss man sagen, dass es weiterhin nur eine vorläufige Betriebserlaubnis für dieses Stahlwerk gibt. Einer der drei Hochöfen ist nach wie vor nicht aktiv. Inzwischen will ThyssenKrupp dieses Werk verkaufen, weil es defizitär ist und der Konzern weltweit hohe operative Verluste gemacht hat. Das scheint aber nicht so leicht zu sein. Das ist auch nicht sehr verwunderlich angesichts der grundlegenden Planungsfehler, die dem Konzern bei diesem Werk unterlaufen sind. Diese Fehler waren auch eine der Hauptursachen für die starke Umweltbelastung am Standort und in der Umgebung.

tag7: Glauben Sie, dass das Werk in Deutschland genehmigungsfähig gewesen wäre?

Christian Jentzsch: Nein, das Werk wäre höchstwahrscheinlich hierzulande in dieser Form nie genehmigt worden. Darum geht es auch meinem Film. Große Unternehmen und deren Tochter- oder auch Zulieferfirmen zum Beispiel aus der Stahl- oder der Textilindustrie versuchen im globalisierten Wirtschaftsleben oft, ihre Gewinne unter Anwendung doppelter Standards zu erzielen. Sie sparen viel Geld, indem sie ausnutzen, dass in vielen armen Ländern des Südens deutlich niedrigere Umwelt - und Arbeitsrechtsbestimmungen herrschen als in Deutschland.

Fischer am Standort des Stahlwerks klagen

tag7: Eine Klage der betroffenen Fischer in Deutschland wegen der Zerstörung ihrer Lebensgrundlage durch Verseuchung des Meerwassers war bislang rechtlich nicht möglich. Hat sich daran etwas geändert?

Stahlwerk in Brasilien

Umstrittenes Thyssen-Werk in Brasilien.

Christian Jentzsch: Nein. Das Schicksal der Fischer am Standort des Stahlwerks ist ein Beispiel für Geschädigte in wirtschaftlich ärmeren Ländern, die nicht in Europa klagen können. In diesem Fall müssen sie in Brasilien klagen und tun dies auch. Dort gelten aber niedrigere Rechtsstandards als etwa in Deutschland. Die Kläger hätten also viel größere Erfolgschancen, wenn sie am Standort des Mutterkonzerns, im Fall Thyssen also Essen, klagen könnten. Da sie es aber mit einer Konzerntochter, der brasilianischen TKCSA, zu tun haben, ist der Gerichtsstand vor Ort.

tag7: Gegen diese Schieflage gibt es Protest. Wie sieht der aus?

Christian Jentzsch: Grundsätzlich lautet der Appell verschiedener Menschrechtsorganisationen an die EU-Kommission: Es muss ein rechtlicher Rahmen geschaffen werden, der es ärmeren Ländern ermöglicht, am Standort der Mutterkonzerne oder auch der Auftrageber für bestimmte Zulieferfirmen zu klagen.

Aktion „Rights for People – Rules for Business“

tag7: Welche Fortschritte gibt es im Bezug auf diese Forderung?

Christian Jentzsch: Wir erzählen im Film neben dem Protest der Fischer von dem Weg der politischen Aktivisten Johanna Kusch. Sie ist Sprecherin der NGO Germanwatch. Im Rahmen der Aktion „Rights for People – Rules for Business“ geht sie den Weg durch die Instanzen in Brüssel. Germanwatch und andere Organisationen kämpfen dafür, dass Firmen nicht mehr nur freiwillig über ihre Produktionsstandards berichten müssen, sondern verpflichtend. Die Konzerne müssten dann gezwungenermaßen berichten, mit welchen Partnern und in welcher konkreten Art und Weise sie in anderen Ländern arbeiten.

tag7: Wie reagieren Wirtschaft und Politik aktuell auf diese Forderung?

Indische Textilfabrik

Niedrige Sozialstandards: Textilfabrik in Bangladesch.

Christian Jentzsch: Die Wirtschaftsverbände und Industrielobby sind nach wie vor gegen jede verpflichtenden Berichtsregeln. Die Unternehmen verteidigen die Freiheit der Unternehmensverantwortung. Germanwatch sagt, dass es auch seitens der deutschen Regierung keine echten Bestrebungen gibt, neue verbindliche Berichtspflichten gesetzlich zu implementieren.

tag7: Wie sollten Konsumenten vorgehen, wenn sie Produkte kaufen wollen, die unter fragwürdigen Sozial- und Umweltstandards entstanden sein könnten?

Christian Jentzsch: Ich finde es sehr wichtig, dass man sich über die Produkte informiert. Für viele ist leider oft das Billigste gerade gut genug. Allerdings fällt es manchen Menschen aus ökonomischen Gründen nicht leicht, auf diese preiswerten Produkte zu verzichten. Trotzdem sollte man auch einmal im Laden kritisch nachfragen, wo eine Ware herkommt und wie sie hergestellt wurde. In erster Linie ist es aber die Aufgabe des Gesetzgebers, die Voraussetzungen so zu gestalten, dass die Verbraucher ihre Waren wieder mit gutem Gewissen kaufen können. Es muss für einzelne Branchen, aber auch für die gesamte Wirtschaft, eindeutige Spielregeln geben, wie in Zeiten der Globalisierung weltweit produziert werden darf und wie nicht.

Interview: Alexander Haas

Stand: 05.07.2013, 00:00

Startseite

Alle Sendungen

Unsere Videos

Unsere Podcasts