Interview zum Film "Mein Mann und seine Kinder"

Katharina Grünwald

Interview zum Film "Mein Mann und seine Kinder"

Von Alexander Haas

Mütterfalle oder Prinzessinnenfalle? Psychologin Katharina Grünewald über die Schwierigkeiten, denen sich Stiefmütter heutzutage in Patchworkfamilien gegenüber sehen.

Stiefmütter machen sich in der neuen Familiensituation häufig Vorwürfe. Welche sind das?

Ich glaube, der größte Selbstvorwurf ist, dass es ihnen nicht gelingt, eine harmonische Familiensituation zu schaffen. Das ist oft der Anspruch, mit dem Frauen in eine neue Patchworksituation gehen. Sie wollen das Schlimme, was geschehen ist, also die Trennung in der Familie des Partners, wieder gut machen. Das geht aber nicht. Man überschätzt sich damit und geht über seine Grenzen.

Was ist die Ursache dieser Selbstvorwürfe?

Gesellschaftlich besteht bei uns immer noch das unbewusste Leitbild der "guten Mutter".  Dass man die Kinder 24 Stunden am Tag beglucken und behüten muss. Außerdem will man natürlich attraktiv für den Mann sein und jederzeit paratzum Pferdestehlen mit den Freundinnen. Wenn dann junge Frauen Stiefmutter werden, wissen sie oft nicht, wie Stiefmutter-Sein heute eigentlich geht. Man will alles werden, nur nicht die "böse Stiefmutter" aus den Märchen. In meinen Beratungen höre ich oft den Anspruch: Ich will alles für diese Familie tun! Dabei verliert man sich selbst komplett aus dem Blick.

Oft erleben die Stiefmütter in der neuen Konstellation das Verhalten des Partners als mangelhaft. Inwiefern genau? 

Der Liebespartner schafft es nicht, die Plätze in der Familie anzuweisen. Diese Frauen haben sich ja als Liebespartnerin auf den Mann eingelassen. Dann wird ihnen bewusst, dass  der Platz neben dem Mann gar nicht frei ist. Denn dort sind dessen Kinder. Und die schlafen mit im Ehebett. Oder sie sitzen im Auto vorne. Der klassische Partnerinnen- und eben Muttersitz ist also überhaupt nicht frei.  

Der hehre Anspruch der Stiefmütter

Manchmal werden die Stiefmütter wütend auf die Stiefkinder. Woher kommt das?

Das ist eine Folge des hehren Anspruchs der Stiefmütter. Man ist sozusagen als Retterin unterwegs. Das sieht praktisch so aus: Man kocht das Lieblingsessen der Kinder oder plant einen Ausflug. Dann kommen die Kinder und schmeißen einem das Essen beinahe um die Ohren oder sagen, in den Freizeitpark will ich schon gar nicht! Die Stiefmutter denkt dann: Ich habe doch alles getan! Und was ist der Dank? Häufig ziehen die Stiefmütter den Schluss, dass die Kinder sie nicht mögen. Und wenn sie mich nicht mögen, dann tue ich auch nichts mehr für sie. Es gibt in solchen Phasen richtig fiese Verhaltensweisen seitens der Stiefmütter. Die Frauen erschrecken oft selber darüber, dass sie so etwas in sich haben und zu Tage bringen können.

Was raten Sie den Stiefmüttern in solchen Fällen?

Ich setze bei ihrem eigenen Anspruch an. Dahinter steckt oft Größenwahnsinn. Wenn ich meine, die Katastrophe, die die Kinder mit der Trennung ihrer Eltern erlebt haben, als Außenstehende wieder gut machen zu können, dann ist das ein Ding der Unmöglichkeit. Das können wenn überhaupt nur Vater und Mutter bei den Kindern behandeln. Als neue Person, die dazu kommt, kann ich immer nur begleitend zur Seite stehen. Am besten, indem ich wohlwollend bin, auffangend, zuhörend, interessiert, neugierig.  

Was heißt das konkret?

Zum Beispiel das Kind zu fragen: Was brauchst du? Wie kann ich dich unterstützen? Oder zu sagen: Ich sehe, Du bist traurig, erzähl mal, ich kann mir vorstellen, das ist auch wirklich schlimm, was Du erlebt hast.  Das wäre ein Weg, auf dem auch die Stiefmutter sehr viel mehr bei sich bleiben kann. Eigentlich gilt hier, was in allen Beziehungen gilt. Man muss zuerst beachten, dass man sich selber sicher und gut fühlt. Dann kann man auch den anderen wieder etwas geben.

Das Ritual "Familienkonferenz"

Als konkretes Lösungswerkzeug empfehlen Sie Stiefmüttern die sogenannte "Familienkonferenz". Was ist das und inwiefern kann sie helfen?

Das ist ein Kommunikationsritual, das ich durch den dänischen Familientherapeut Jesper Juul kennengelernt habe. Die ganze Familie setzt sich dabei an einen Tisch. Zunächst geht es darum, dass man sich gegenseitig informiert, wie es einem geht, wie man sich fühlt. Das kann sich auf eine bestimmte Frage beziehen oder allgemein auf die aktuelle Situation in der Familie. Das hört sich lapidar an. Es ist aber nicht mehr selbstverständlich, dass man sich auf diese Weise austauscht und weiß, wie alle Beteiligten sich fühlen.

Und in der Familienkonferenz?

Ich merke immer wieder, dass diese erste Runde des Rituals oft schon die halbe Miete ist. Häufig braucht man dann gar nicht mehr so dringend eine "Lösung". Vielmehr kommt es darauf an, die Gefühle so sein zu lassen, wie sie sind.

Oft ist es auch eine neue Erfahrung für die Kinder aber auch für die Erwachsenen , wenn Traurigkeit ins Spiel kommt. Die Familienkonferenz ist aber ein Ritual, das die Gefühle, die da sind, zum Vorschein bringen soll. Auch Traurigkeit ist ein gutes Gefühl und gehört zur Trennungsfamilie ganz entscheidend dazu. Genauso wie Wut und Angst. Und natürlich auch Liebe und Freude.

Literaturhinweis: Katharina Grünewald: Glückliche Stiefmutter. Kreuz Verlag, 2015.

Stand: 05.10.2015, 14:00

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