Experten-Interview zum Film "Glücklich geschieden"

"Die Klienten wollen keinen gerichtlichen Streit"

Experten-Interview zum Film "Glücklich geschieden"

Von Alexander Haas und Sabine Coen

Anett Stein und Ulrike Schubek sind Beraterinnen der Evangelischen Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Erwachsene in Köln. Als Pädagogin bzw. als Juristin und Mediatorin beraten sie Menschen, die sich scheiden lassen wollen.

tag7: Wer sucht bei Ihnen Hilfe?

Anett Stein: Wir sind eine Anlaufstelle für Eltern, die sich trennen wollen und für viele eine Erstanlaufstelle. Oft wollen sich die Betroffenen erst einmal grundsätzlich informieren: Wie funktioniert Trennung überhaupt, was muss ich dabei beachten? Es kommen aber auch Eltern, die schon längere Zeit getrennt leben, einen heftigen Konflikt austragen und nach Lösungen suchen. Zu uns kann grundsätzlich jeder kommen, unabhängig von einer Religionszugehörigkeit. Die Termine werden nach telefonischer Absprache kurzfristig vergeben.

tag7: Und wie läuft die Beratung dann ab?

Anett Stein: Das ist unterschiedlich, manchmal kommen Einzelpersonen, manchmal Mutter und Vater oder ein Elternteil mit Kind, und manchmal sogar Jugendliche alleine, ohne Eltern. Ich versuche mir dann von der jeweiligen Situation ein Bild zu machen. Oft sind Eltern sehr zerstritten und tragen das über die Kinder aus. Eine Trennung ist ein sehr heftiger Konflikt mit sehr viel Wut und Verzweiflung, Hilflosigkeit und Unsicherheit. Man braucht jemanden von außen, der sich hineindenkt und versucht, das Ganze ein Stück zu transformieren und einen neuen Blickwinkel zu schaffen. Teilweise läuft die Beratung über einen längeren Zeitraum.

tag7: Sie arbeiten gemeinsam. Wie teilen sie sich auf?

Anett Stein: Wir arbeiten integrativ, das heißt sowohl Ulrike Schubek und ich sind Erstberaterinnen. Dann teilen wir nach Schwerpunkten auf. Wichtig ist es auch, die wirtschaftlichen und juristischen Aspekte einer Trennung zu berücksichtigen und gut zu regeln. Sind die Unsicherheiten auf diesem Gebiet erst einmal beseitigt, gelingt es den Parteien meistens leichter, miteinander ins Gespräch zu kommen.

tag7: Welche Fragen richten Ratsuchende an Sie als Juristin und Mediatorin?

Ulrike Schubek: Die Menschen kommen häufig zur mir, bevor sie die Scheidung gegenüber dem Partner thematisiert haben und fragen: Wie sieht das aus im Falle einer Trennung, mit wieviel Geld, mit wieviel Unterhalt kann ich rechnen? Von der anderen Seite aus gesprochen – und das ist überwiegend noch die des Mannes - lautet die Frage: Wenn ich derjenige bin, der das das Haupteinkommen erzielt, was müsste ich meiner Frau und meinen Kindern als Unterhalt zahlen? Oder: Was geschieht mit unserem Haus, der Wohnung, dem Mobiliar und unseren Schulden? Es geht also vor allem um Fragen des Unterhalts, der Vermögensauseinandersetzung und gegebenenfalls der Auflösung der Zugewinngemeinschaft, das heißt des gemeinsam in der Ehe erwirtschafteten Vermögens.

tag7: Gibt es weitere Themen, die wichtig sind?

Ulrike Schubek:Eine Rolle spielt auch die Frage nach den Rentenansprüchen, also dem sogenannten Versorgungsausgleich. Darüber hinaus geht es oft – und nach meinem Eindruck zunehmend oft – darum, wo die Kinder leben werden. Früher war es klarer, dass die Kinder bei der Mutter bleiben. Heute haben sich die Väter oft schon während der Ehe mehr in die Betreuung der Kinder eingebracht.  Folglich fordern sie in dieser Hinsicht auch bei einer Scheidung mehr als früher.

„Es ist immer schlimm für Kinder, wenn Eltern sich trennen.“

tag7: Inwiefern können Sie sich als Pädagogin dabei einbringen?

Anett Stein: Für die Kinder ist es schon sehr entlastend, wenn sie wissen, ihre Eltern sind irgendwo und lassen sich beraten. Dann sind sie ein wenig aus dem Fokus und wissen gleichzeitig, es kümmert sich jemand darum. Wenn Eltern sich trennen, ist das für die Kinder grundsätzlich erst einmal eine sehr große Erschütterung. Ihr ganzes Gleichgewicht kommt ins Wanken. Das muss man einfach wissen. Eltern muten ihren Kindern etwas zu, wenn sie sich trennen. Das heißt nicht, dass sie sich nicht trennen sollen, aber wenn Eltern sagen, das sei alles nicht so schlimm, dann ist das eine Verharmlosung. Es ist immer schlimm für Kinder, wenn Eltern sich trennen!

tag7: Was bedeutet die Trennung der Eltern für die Kinder genau?

Anett Stein: Kinder erleben ein Gefühl von Ohnmacht, sie sind der Entscheidung der Eltern ausgeliefert und haben keinen Einfluss darauf. Das verkehrt sich oft in eine große Wut. Die Wut kann sich gegen sich selbst richten, sie kann sich nach außen richten, und sie kann sich auch gegen die Eltern richten. Wut ist aber nur ein Gegenimpuls zu der empfundenen Ohnmacht. Oft ist es auch so, dass Kinder aus diesem Ohnmachtsgefühl heraus versuchen, Macht zu bekommen. Manche Kinder bekommen dann etwas sehr Forderndes, entwickeln zum Beispiel  ungeheure Konsumansprüche. Das ist der Gegenimpuls zu dem Gefühl ‚Mir wurde etwas genommen‘. Das Kind sagt dann: Ich will jetzt etwas bekommen!

tag7: Und wie kann man dem entgegenwirken?

Anett Stein: Zuerst einmal geht es darum, dass Eltern Zeit für ihre Kinder haben, dass sie da sind, zuhören und verstehen, dass es für das Kind nicht leicht ist. Das ist ein ganz wichtiger Schritt. Ein zweiter wichtiger Schritt ist, dass Eltern irgendwie miteinander in Kontakt bleiben, so dass die Kinder immer noch beide Elternteile erleben, die entsprechend respektvoll miteinander umgehen. Wut, Ohnmacht und Trauer sind ganz normale Reaktionen der Kinder auf die Trennung der  Eltern. Man sollte ihre Gefühle nicht wegwischen, ganz im Gegenteil, wichtig ist, ihnen Raum zu geben. Den Wunsch vieler Eltern, ‚Ach, so eine Trennung macht doch nichts, wir haben doch eh immer gestritten‘, das erleben Kinder eben anders.

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„Man bekommt unterschiedliche Antworten, wenn man Juristen fragt.“

tag7: Wie geht es weiter, wenn Sie als Mediatorin gefragt sind?

Ulrike Schubek: Ich rechne mit den Klienten auf Basis der Zahlen, die sie mir nennen, verschiedene Optionen durch. Dabei weise ich darauf hin, dass meine Zahlen nicht das Amen in der Kirche sind. Denn leider kommt es vor, dass man unterschiedliche Antworten erhält, wenn man mehrere Juristen fragt. Oft wird dann in so einem ersten Gespräch schon deutlich, dass die Klienten keine gerichtliche Auseinandersetzung wollen, sondern eine einvernehmliche Lösung. Dann weise ich darauf hin, dass Vereinbarungen etwas zweiseitiges sind und die Möglichkeit besteht, dass die Klienten mit ihrem Ehepartner in die Beratung kommen können, um an gemeinsamen fairen Lösungen für die Zukunft zu arbeiten. Am Ende müssen sich beide Parteien vorstellen können, mit mir im Rahmen eines Mediationsprozesses zu arbeiten. Dann kann ich sie in gemeinsamen Terminen darin unterstützen, ihre individuelle Lösung zu finden.

tag7: Was steht am Ende?

Ulrike Schubek: Ist die Mediation erfolgreich, erhalten die Beteiligten ein Ergebnisprotokoll, in dem festgehalten worden ist, was sie einvernehmlich geregelt haben. Im Schnitt, das lässt sich meiner Erfahrung nach sagen, kann man das in fünf bis sechs Sitzungen erreichen.

tag7: Ist das schneller als eine gerichtliche Regelung?

Ulrike Schubek: Das kommt auf den Einzelfall an, aber gerichtliche Verfahren ziehen sich bekanntlich oft in die Länge.

tag7: Und bei den Kosten?

Ulrike Schubek: Die Kosten hängen im Gerichtsfall natürlich vom Streitwert ab. Aber sie können immens sein. Das kann man durch eine Mediation eindämmen. Wir in der Evangelischen Beratungsstelle arbeiten kostenlos. Es besteht eine Spendenmöglichkeit, auf die wir ausdrücklich hinweisen. Freie Mediatoren haben in der Regel einen Stundensatz.

tag7: Gibt es Ausschlusskriterien für die Mediation?

Ulrike Schubek: Ja. Wenn schon eine juristische Auseinandersetzung läuft, ist Mediation nicht geeignet. Jegliche juristische Auseinandersetzung sollte ruhen, wenn im Rahmen eines Mediationsprozesses an der Lösung der Konflikte gearbeitet werden soll. Allerdings ist es möglich, dass Anwälte im Hintergrund beratend in eine Mediation einbezogen werden. Es kann sehr hilfreich sein, seine Rechtslage einmal ganz genau zu erfragen.

Das Interview wurde anlässlich der Erstausstrahlung des Films in DasErste im Juni 2015 geführt.

Stand: 05.10.2015, 14:00

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