Interview mit einer Psychologin zum Film "Mein Mann ist schwul"

Interview mit einer Psychologin zum Film "Mein Mann ist schwul"

Elisabeth Imhorst ist psychologische Psychotherapeutin und Psychoanalytikerin. Sie beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der Entwicklung sexueller Identität. Im Interview spricht sie über die Schwierigkeiten schwuler Männer in heterosexuellen Ehen.

tag7: Haben mit Frauen verheiratete Männer, die sich outen, ihre sexuelle Identität während der Ehe gewechselt?

Dr. Elisabeth Imhorst: Nein, sie waren vorher schon homosexuell, aber konnten nicht dazu stehen und sahen für sich keine Möglichkeit, das zu leben. Zumindest kenne ich keinen anderen Fall. Weder aus der Literatur, noch aus meiner Erfahrung oder die der Kollegen, noch aus den Forschungen zu meiner Dissertation.

tag7: Warum haben diese Männer überhaupt eine Frau geheiratet?

Dr. Elisabeth Imhorst: Aus ganz unterschiedlichen Gründen: Weil sie, aus Ihrer Sicht, „normal“ sein und weil sie sich in Frauen einfühlen können, aufgrund ihrer eigenen weiblichen Identifizierung.

tag7: Wieso outen sich die Männer in der Ehe dann auf einmal?

Dr. Elisabeth Imhorst: Das geschieht nicht plötzlich, das ist ein langsamer Prozess. Zunächst einmal genießen sie es, in der Ehe offiziell Sexualität leben zu können, was vorher heimlich und oft mit Scham gelebt wurde. Der Mann fühlt sich richtig und „normal“. Das führt dazu, dass die homosexuellen Wünsche erst einmal in den Hintergrund gedrängt werden oder fast ganz verschwinden. Dann tauchen sie langsam wieder auf, oft nach der Geburt des ersten Kindes. Es sind dann einige wenige, die versuchen, ihrer Ehefrau sexuell treu zu bleiben, die meisten suchen heimlich in der Szene oder im Internet nach sexuellen Kontakten mit Männern.

tag7: Nehmen die Ehefrauen die homosexuellen Tendenzen ihrer Partner vor oder während der Ehe nicht oder nur unbewusst wahr?

Dr. Elisabeth Imhorst: Die Männer sagen es erstaunlicherweise meistens sogar. Nicht „ich bin schwul“, aber zum Beispiel, „ich hatte früher mal homosexuelle Kontakte“. Die Frauen hören das, und im nächsten Moment ist da so etwas wie „das wird nicht so schlimm sein“ oder „das kriegen wir hin, das war nur vorübergehend und in seiner Jugend so.“ Oft wird es den Frauen nur kurz bewusst, manchmal nur für ein paar Sekunden, und dann wird es 20 Jahre vergessen. Später erinnern sie sich wieder. Man kann es aus dem Bewusstsein schieben, wenn man es einfach nicht wahr haben will. Die Frauen und die Männer teilen außerdem die Hoffnung, in einer guten Ehe werde sich das geben. In den 1950er und 1960er Jahren war das unter Laien und Fachleuten auch lange Lehrmeinung.

„Die Ehe wird zu einem Entwicklungsraum für die Männlichkeit“

Es gibt viele homosexuell orientierte Männer, die in frühen Jahren Sex mit Frauen haben, um sich zu beweisen, dass sie „normale Männer“ sind. Sie heiraten Frauen, wenn sie sich bezüglich ihrer Männlichkeit unsicher fühlen und „nutzen“ die Ehe, um ihr eigenes Männlichkeitsgefühl zu entwickeln. Und wenn sie sich ihrer Männlichkeit sicher sind, dann gehen sie. Diese Erkenntnis, als Ergebnis unserer Forschung, ist neu, das war bisher nicht so klar.

tag7: Was passiert nach einem Outing in der Ehe erfahrungsgemäß?

Dr. Elisabeth Imhorst: Die einen wollen an ihrer Ehe festhalten, die anderen nicht. Einige Männer wollen die Frauen nicht kränken und verletzten, sondern einen guten Kompromiss finden, weil sie ihre Frau wirklich mögen und oft auch eine als gut empfundene Ehe führen. Das gelingt oft noch einige Jahre. Die Männer versuchen, die Homosexualität außen vor zu halten und die Ehefrauen sind nicht selten bereit, das mitzumachen. Es gibt dann Bedingungen wie: „Wenn ich nichts davon mitkriege und die Wichtigste bleibe - ok.“

Auf diese Weise kann die Ehe noch ein paar Jahre funktionieren. Aber dann will entweder irgendwann die Frau nicht mehr oder der Mann will doch ein offenes homosexuelles Leben führen. Wenn der Mann sich in einen anderen Mann richtig verliebt, also nicht nur Sex hat, dann will er oft auch von den heutigen gesellschaftlichen Möglichkeiten Gebrauch machen und offen schwul leben. Aber dazu gehört eine gewisse Ich-Stärke und ein gesundes Selbstbewusstsein. Das haben nicht alle. 

tag7: Was können Betroffene tun, um die größten Schwierigkeiten zu überwinden?

Dr. Elisabeth Imhorst: Wenn sie eine gute und vertrauensvolle Beziehung haben, ist mein Rat: Darüber reden und sich austauschen. Das setzt allerdings auch voraus, Schuldgefühle auszuhalten. Wenn der Mann in der Lage ist, sich von der Frau zu lösen, mit dem Wissen, sie damit unglücklich zu machen, aber trotzdem dazu stehen und den Kontakt zu ihr halten kann, dann ist das optimal. Bei manchen Ehepaaren geht das schrittweise. Wenn der Mann merkt, die Frau kommt gut mit etwas zurecht, geht er den nächsten Schritt. Das funktioniert nicht immer, aber manche Ehepaare kriegen das hin.

Interview: Sabine Coen

Stand: 20.12.2013, 00:00

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