Extra: Interview mit "Domian"-Psychologin

Extra: Interview mit "Domian"-Psychologin

Sabine Werner ist Diplompsychologin. Während des Tages therapiert sie in ihrer Kölner Praxis Menschen, die sie über einen langen Zeitraum begleitet. Nachts berät sie Anrufer bei Jürgen Domian, Anrufer, die sie nicht kennt, nicht sieht und nie wieder sprechen wird. Im Wechsel mit Kollegen schaltet sich die Psychoanalytikerin ein, wenn Anrufer über das Domian-Gespräch hinaus Hilfebedarf haben. Seit neun Jahren ist sie dabei und möchte die Erfahrungen und Begegnungen, die sie in dieser Zeit gesammelt hat, nicht missen.

Tag7: Frau Werner, wie kann man die Menschen, die bei Domian anrufen, beschreiben?

Sabine Werner: Die Domian-Anrufer lassen sich nicht eindeutig in Kategorien fassen. Es sind viele Ältere, aber es gibt auch junge Anrufer, vereinzelt sogar Kinder. Männer und Frauen rufen gleichermaßen an. Was alle Anrufer prägt und verbindet, ist die späte Uhrzeit der Sendung: Nachts zwischen 1 und 2 Uhr ist nicht das normale Publikum am Radio oder Fernseher. Einige Nachtarbeiter hören bei der Arbeit zu, aber vor allem sind es Menschen, die nicht schlafen, nicht zur Ruhe kommen können.

Tag7: Was erwarten die Anrufer von einem Gespräch mit Domian?

Sabine Werner: Jürgen Domian gilt als lebenserfahren und offen, als jemand, der gut zuhört. Die Anrufer vertrauen ihm. Für viele, die die Sendung über Jahre verfolgen, ist er ein Freund oder Familienmitglied geworden. Er kennt sie nicht, aber sie glauben ihn zu kennen. Und darum wollen sie seinen Rat und seinen Zuspruch.

"Die Anrufer sind Menschen, die gehört werden wollen"

Tag7: Aber sie erzählen ihre Geschichte ja nicht nur Domian, sondern gleichzeitig 50.000 Zuschauern.

Sabine Werner: Die Anrufer sind Menschen, die mit ihren Problemen gehört werden wollen: Sie fühlen sich von ihrer Umgebung offenbar nicht richtig wahrgenommen. Manchmal steckt in so einem Anruf ein ernsthafter Hilferuf. Da gab es zum Beispiel einen Berufskraftfahrer, der in der Sendung erzählte, dass er seit Jahren betrunken fährt. Jürgen Domian hat damals vehement versucht, ihm die möglichen Konsequenzen klar zu machen, um ihn davon abzubringen. Aber der Anrufer war absolut uneinsichtig. Nun hatte der Chef des Mannes die Sendung gehört, ihn erkannt und daraufhin entlassen. Unterbewusst hatte der Mann es darauf angelegt: Er konnte die Situation nicht von sich aus beenden und indem er sie bei Domian öffentlich machte, hat er die Lösung seines Konfliktes an einen anderen delegiert. Das Seelische findet manchmal ungewöhnliche Wege.

Tag7: Und da setzt Ihre Arbeit als Psychologin an?

Sabine Werner: Wir wollen sicher stellen, dass niemand in psychischen Nöten nach einem Gespräch mit Domian alleine bleibt. Jürgen ist ja kein Therapeut, sondern einfach ein Gesprächspartner mit einer ganz persönlichen Meinung. Wenn wir nach einem Gespräch noch Beratungsbedarf bei einem Anrufer vermuten, rufe ich noch einmal an. Dabei geht es dann zum Beispiel um die Vermittlung einer Beratungsstelle, einer Therapierichtung oder um die Frage, worauf man bei einer Psychotherapie achten soll. Viele Menschen haben große Vorbehalte gegen eine mögliche Therapie, es fällt schwer zuzugeben, dass sie Hilfe brauchen. Wenn dann eine Dankesmail kommt und wir erfahren, dass wir die Anrufer weiterhelfen konnten, ist das ein sehr gutes Gefühl.

"Wir haben maximal 15 Minuten Zeit für ein Gespräch"

Tag7: Sie arbeiten in ihrer Praxis mit Menschen, die Sie sehen, die Sie kennen und die Sie wiedertreffen werden. Ist das nicht sehr schwer, mit Unbekannten zeitlich sehr begrenzt über so wichtige Dinge zu reden?

Sabine Werner: Ich bin immer wieder erstaunt, wie viel sich allein über das Hören vermittelt. Als Psychoanalytikerin bin ich ja daran  gewöhnt, hinter jemand zu sitzen ohne ihn direkt anzusehen und mich nur auf die Stimme zu konzentrieren. Schwieriger ist die zeitliche Begrenzung. Wir haben ja nur 10 bis 15 Minuten für ein Gespräch. Da kann man keine Probleme lösen. Aber meine Aufgabe bei Domian ist nicht die Therapie, sondern eine Art erster Hilfe oder Notfall-Versorgung.

Tag7: Was ist für Sie die schwierigste Anrufer-Gruppe?

Sabine Werner: Das sind die Suizid Gefährdeten, Menschen, die nicht mehr leben wollen. Bei Domian würde niemand, der seinen Suizid ankündigt, auf den Sender gelassen, aber wir betreuen solche Anrufer natürlich. Bei sehr ernstzunehmenden Fällen schalten wir auch schon mal die Polizei ein.

"Einmal hatte ich wirklich das Gefühl, in einen Abgrund zu schauen"

Tag7: Hängen Ihnen die Gespräche noch lange nach?

Sabine Werner: Wir sorgen bei Domian gemeinsam für eine gute Psychohygiene. Wir stützen und entlasten wir uns gegenseitig. Und wenn wir am Ende der Sendung vielleicht sogar gemeinsam lachen können, lässt sich das Gehörte besser verarbeiten. Aber manches beschäftigt mich auch lange. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer jungen Frau, die von ihrer Vergewaltigung erzählte - eine äußerst brutale und bedrückende Geschichte, die ich nie vergessen werde. Ich glaube, das war wieder so ein Fall, bei dem es der Anruferin sehr wichtig war gehört zu werden, den Leuten zu  zeigen, was sie an Gewalt und Demütigung erfahren musste. Ich hatte dabei wirklich das Gefühl, in einen Abgrund zu schauen. Aber das müssen wir aushalten.

Das Gespräch führte Barbara Garde.

Stand: 12.05.2016, 16:30

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