Die Dokumentarfilmerin Irene Klünder zu den Hintergründen ihres Films "Wer nicht kämpft, hat schon verloren? - Leben mit einem kranken Herzen"

„Wenn man einen guten Film machen will, muss man das Vertrauen der Protagonisten gewinnen.“

Die Dokumentarfilmerin Irene Klünder zu den Hintergründen ihres Films "Wer nicht kämpft, hat schon verloren? - Leben mit einem kranken Herzen"

tag7: Wie haben Sie den Hauptprotagonisten Ihres Films „Wer nicht kämpft, hat schon verloren“ kennen gelernt?

Irene Klünder: Joachim Mohr, der Hauptdarsteller, ist selbst Journalist und hat über sich selbst das Buch „Das Loch in meinem Herzen“ geschrieben. Ich fand es beim Lesen nicht tragisch, sondern eher sachlich und ironisch. Das hat mir gefallen. Um herauszufinden, wie er im realen Leben ist, habe ich ihn besucht und habe mit ihm Tränen gelacht. Da sitzt also jemand, der ist eigentlich körperlich schwer gehandicapt und wir lachen darüber, unglaublich! Da habe ich gewusst, er ist auf jeden Fall ein guter Erzähler, dann wird das auf keinen Fall ein tragischer, trauriger Film.

tag7: Was hat dann den Ausschlag gegeben?

Irene Klünder: Seine Eltern. Ich habe sie besucht und stellte fest, dass sie unglaublich nette klare herzenswarme Menschen sind. Da wurde mir klar, woher er die Kraft nimmt, mit seiner Krankheit so umzugehen. Interessant war: Im Gegensatz zu ihm, sind seine Eltern sehr gläubig. Dieser Glaube hat ihm unglaublich geholfen. Er war ja schon als Kind herzkrank. Er wurde trotzdem nicht übervorsichtig behandelt, sondern die Eltern haben ihn im Gottvertrauen sein Leben leben lassen. Obwohl sein älterer Bruder an einem Herzfehler gestorben war. Diese Größe seiner Eltern war entscheidend und ausschlaggebend.

Porträt: Irene Klünder

Irene Klünder

tag7: Wie finden Sie Zugang zu den Menschen, die Sie portraitieren?

Irene Klünder: Wenn man einen Film machen will, muss man das Vertrauen der Protagonisten gewinnen und darf es nicht enttäuschen. Das heißt, man ist offen und sagt, was auf sie zukommen wird, was alles beim Dreh passieren kann und wie sehr sie sich ausliefern werden. Wichtig ist auch, im Vorfeld niemanden zu überreden. Es ist die Entscheidung des Protagonisten, ob er mitmacht oder nicht. Wenn sich jemand gedrängt fühlt, nur weil er mich nicht enttäuschen will, wird es kein guter Film.

tag7: Enttäuschen, sagen Sie, würden Sie jemanden, wenn Sie „etwas anderes darstellen würden, als es der inneren Wahrheit und Wirklichkeit des Menschen entspricht.“ Was bedeutet das?

Irene Klünder: Man darf die Menschen nicht für das eigene Weltbild oder für eine Botschaft missbrauchen, die man selber als Autorin hat.

Dreharbeiten mit Familie am Elbufer

Bei den Dreharbeiten zu "Wer nicht kämpft, hat schon verloren? - Leben mit einem kranken Herzen"

Ich will außerdem die sehr nahe Beziehung bei den Dreharbeiten nicht benutzen, um einen schönen O-Ton zu kriegen. Es gab Filme, in denen die Menschen geweint haben, das zeige ich nur, wenn der oder diejenige ausdrücklich zustimmt.

tag7: Sie verbringen viel Zeit mit den Menschen, die Sie portraitieren, wie ist das dann nach Drehende?

Irene Klünder: Man sollte sich in einer guten Art und Weise verabschieden. Nicht einfach Danke sagen und Tschüss! Bei einer Dokumentation verbringe ich in der Regel zwei bis drei Monate intensiv mit einem Menschen. So viel Aufmerksamkeit, wie durch ein Filmteam, bekommen die Betroffenen selten. Dann ist er oder sie plötzlich wieder alleine, ohne diese Beachtung, das gilt es ab zu puffern. Einige denken, das sei menschliche Nähe. Da darf man ihnen als Autorin aber nichts vormachen: Es geht um einen Film und nicht um Freundschaft.

tag7: Haben Sie manchmal das Gefühl, sich selbst schützen zu müssen?

Irene Klünder: Ja, natürlich. Ich habe zehn Jahre nahezu einen Film nach dem anderen gemacht, mit Menschen in existenziellen Lebenskrisen. Gerade der Film mit Joachim Mohr ging soweit, dass ich selber Herzrhythmusstörungen bekommen habe. Da wusste ich, jetzt wird es langsam Zeit, von den Drehs ein bisschen Abstand zu nehmen.

tag7: Was machen Sie im Moment?

Irene Klünder: Ich bin seit 2012 Geschäftsführerin des Haus des Dokumentarfilms, einer Institution, die den Dokumentarfilm fördert und dazu auch forscht. Im Trägerverein ist u.a. der WDR Mitglied, wie auch andere Sender und das Land Baden Württemberg. Ziel ist es, den Dokumentarfilm zu stärken, zu fördern und zu archivieren. Er soll endlich eine Plattform bekommen.

Interview: Sabine Coen

Stand: 08.08.2013, 00:00

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