Wattenscheid-Boss: "Regionalligisten müssen zusammenhalten"

Wattenscheid-Boss: "Regionalligisten müssen zusammenhalten"

Ende Dezember stand die SG Wattenscheid 09 vor dem Aus. 350.000 Euro fehlten in der Kasse, um dem Klub das Weiterspielen in der Regionalliga bis zum Saisonende zu ermöglichen. Bei einer Crowdfunding-Aktion kamen lediglich 140.000 Euro zusammen. Den Rest steuerte der Aufsichtsratsvorsitzende des Klubs, Oguzhan Can, über eine seiner Firmen bei. Damit ist die SG Wattenscheid 09 vorerst gerettet. Im Interview mit Sport inside spricht Can über die grundsätzlichen Probleme in der Regionalliga.

Herr Can, Sie haben die Regionalliga ein "Totengrab" genannt. Was muss man sich darunter vorstellen?

Oguzhan Can: In der Regionalliga muss man mehr Geld ausgeben, als man einnehmen kann. Wir werden Verein geschimpft, aber gegenüber dem Finanzamt sind wir das nicht. Wir werden behandelt, als wären wir ein Unternehmen. Berufsgenossenschaft, Sozialabgaben – das müssen wir alles bezahlen. Auch die Spieler müssen soviel Geld verdienen, dass sie davon ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Diese Ausgaben machen es ziemlich schwierig. Denn es gibt nur wenige Sponsoren, die ein Interesse haben, uns Geld zu geben, weil die Zuschauerzahlen so gering sind, und weil es keine Fernseheinnahmen gibt.

Im Grunde ist es also so, dass sich die Regionalliga wie eine Profiliga fühlt, aber eine Amateurliga ist?

Can: Ja, das ist ein großer Widerspruch. Wir sind kein Profiliga, aber eine Liga darunter. Die meisten Vereine wollen in die 3. Liga. Manche nicht, weil da auch die Ausgaben zu hoch sind. Wir haben gesagt: Wir können uns das nicht mehr leisten, brauchen von außen die Hilfe und sind damit an die Öffentlichkeit gegangen. Wir haben sehr viel Unterstützung bekommen, nicht nur Geld, sondern auch durch Sponsoren und durch Benefizspiele, die wir angeboten bekommen haben. Das war unsere Rettung. Aber auf lange Sicht ist das keine Lösung. Eine Lösung muss so aussehen, dass die Einnahmen mindestens so hoch sind wie die Ausgaben. Dann kann ich sagen: Das ist in Ordnung. Zur Zeit sieht es sehr gut aus, aber man kann nicht für die nächsten fünf bis zehn Jahre planen.

Die Fans anzubetteln ist aber dann auch der letzte Schritt, den man machen kann.

Can: Ja genau, das ist der letzte Schritt. Ich hatte eigentlich für mich entschieden: Schluss, Ende, Aus. Entweder sehe ich von außen eine Unterstützung oder ich ziehe mich zurück und der Verein muss Insolvenz anmelden. Dann habe ich die große, auch emotionale Unterstützung von den Fans gesehen. Darum habe ich mich dann anders entschieden. Nachdem wir nicht nur von unseren Fans, sondern auch von anderen Vereinen wie Schalke 04, Rot-Weiß Oberhausen, Rot-Weiss Essen oder dem BVB Unterstützung bekommen haben. Da ging es nicht um Konkurrenz, es ging um Fußball. Auch Fans von den anderen Vereinen haben uns geholfen. Das war schön.

Was auch oft als Problem angesprochen wird, ist die Konkurrenz in der Regionalliga mit den U23-Teams oder zweiten Mannschaften der großen Profiklubs. Wie bewerten Sie diese Situation?

Can: Das ist problematisch. Den U23-Spielern in den großen Bundesligavereinen wird das Geld hinterhergeschmissen. Die verdienen fünf bis zehn Mal mehr als unsere Spieler. Die kommen mit den besten Bussen und werden rundum unterstützt. Das können wir nicht. Wir sind froh, wenn wir pünktlich unsere Rechnungen und die Gehälter bezahlen können. Bei den großen Vereinen gibt es dieses Problem einfach nicht.

Es gab schon mal Vorschläge, dass die großen Klubs den anderen Vereinen eine Art Ausbildungsvergütung bezahlen sollen. Wäre das ein Weg?

Can: So lange es keine Vorgabe dafür gibt, wird das nicht passieren. Freiwillig machen die das nicht. Deshalb müssten alle Regionalligavereine in einer Art Betriebsrat zusammenkommen und dann gegenüber dem Verband, dem DFB, auftreten und sagen: Wir können nicht mehr. Wir sind jedes Jahr kurz vor der Pleite. So ehrlich müssten die Klubs sein. Aber sie sind nicht ehrlich. Sie stellen sich nach außen anders dar, als es ist. Und dann hört man auf einmal: ein Verein, der nach außen nie hat spüren lassen, dass es ihm schlecht geht, ist insolvent. Ja warum denn insolvent? Weil wir nicht zusammenhalten. In der Regionalliga müssen wir alle zusammenhalten und gegenüber dem DFB, den Gesetzgebern usw. sagen: Uns geht es nicht gut mit den ganzen Auflagen. Diese Auflagen müssen sich ändern. So lange das nicht passiert, stehen wir immer mit einem Bein beim Amtsgericht in der Insolvenzabteilung.

Nach Fußball hört sich das alles nicht an.

Can: Nein, das ist auch für mich kein Sport mehr. Da geht es um Macht. Wer mehr Geld hat, der kommt nach vorne. Das hat für mich mit Sport nicht mehr viel zu tun.

Das Interview führte Tom Theunissen

Stand: 15.02.2019, 10:00