Luschniki: Zwangsarbeiter für Putins Tempel

Das Luschniki-Stadion in Moskau

WM 2018

Luschniki: Zwangsarbeiter für Putins Tempel

Von Olga Sviridenko

Das Luschniki-Stadion in Moskau gilt mit seiner Kapazität von 81.000 Zuschauern als Russlands Fußballtempel bei der WM 2018. Ein Blick hinter die Kulissen offenbart jedoch viele Missstände.

Am Mittwoch (20.06.2018) wird das Luschniki Stadion in Moskau Schauplatz der Partie Portugal gegen Marokko (ab 14 Uhr im Livestream auf sportschau.de). Mit 81.000 Sitzen ist es das größte Stadion Russlands, das Herzstück der Weltmeisterschaft. Die Ränge sollen ausverkauft sein, alles sei auf Top-Niveau vorbereitet worden und einen besseren Gastgeber als Russland hätte sich der FIFA-Verbandspräsident Gianni Infantino nicht wünschen können.

Fußball-Familie spart mit Kritik

"Es wird die beste WM in der Geschichte", wusste Infantino bereits vor Beginn der teuersten Fussball-WM aller Zeiten zu berichten. Auch an Liebesschwüren gegenüber Russlands Präsident Wladimir Putin mangelte es nicht, der für die Sause knapp elf Milliarden Euro Steuergeld spendierte. Bei soviel Hingabe spart der Fußball gern mit Kritik. Dabei hatten Menschenrechtsorganisationen immer wieder auf die brutalen Arbeitsbedingungen hingewiesen, unter denen Putins Sportpaläste entstanden sind. Mindestens 21 Tote gab es an den WM-Baustellen. Immer noch warten viele Arbeiter auf ihren Lohn, wie zuletzt die ARD-Dokumentation "Putins Meisterwerk" berichtete.  

So beklagte ein Vorarbeiter einer Brigade aus Tadschikistan unlängst in der ARD-Sportschau, wie schwer es sei, "wenn Du deiner Familie zu Hause kein Geld schicken kannst. Sie wartet darauf. Dabei haben wir oft bis in die Nacht am Stadion gearbeitet, und als alles fertig war, hat der Arbeitgeber uns nicht bezahlt".

Fatale Einblicke

Alcheddin, so heißt der Arbeiter, kostete dieses Interview viel Überwindung. Wie viele andere hat er Angst vor Repressionen von Seiten der russischen Sicherheitsbehörden. Sein Einblick hinter die gefeierten Fussballtempel ist fatal. Die meisten Arbeiter hatten keine Verträge, Überstunden wurden nicht gezahlt, Abmachungen für überflüssig erklärt. Der Kreml legitimierte vieles. Extra für die WM wurden die Arbeitsgesetze massiv gelockert.

Swetlana Gannuschkina ist eine der wenigen in Russland, die sich traut, die WM zu kritisieren. Infantinos "beste WM aller Zeiten" würde auf den Rücken der Schwachen ausgetragen, sagt die russische Menschenrechtlerin und Trägerin des Alternativen Nobelpreises: "Für den Sport ist es natürlich wichtig, dass in dem Land, in dem solche großen Veranstaltungen durchgeführt werden wie die Fußballweltmeisterschaft, die Menschenrechte gewahrt werden. Leider passiert das jedoch nicht."

Menschenunwürdige Bedingungen

Für die WM-Bauten schien in Russland alles möglich. Im vergangenen Jahr zeigte die ARD nordkoreanische Arbeiter am Luschniki-Stadion. Die Nordkoreaner wurden an der Baustelle streng abgeschirmt. Arbeiteten rund um die Uhr, ohne Rechte, ein Leben unter menschenunwürdigen Bedingungen, wie Swetlana Gannuschkina betont: "Ihre Arbeitgeber behandeln sie wie Sklaven. Sie sind völlig eingeschränkt in ihrer Bewegungsfreiheit, isoliert und für die meisten unsichtbar."

Der Einsatz von nordkoreanischen Arbeitern ist höchst umstritten, der UN-Sicherheitsrat verabschiedete 2016 eine Resolution, die dazu aufforderte, nordkoreanische Fremdarbeiter in ihr Heimatland zurückzuschicken, da sie fast ihren gesamten Lohn an das Regime in Pjöngjang zwangsabführen müssten. Mit Devisen, so die UN, finanziert das Regime in Nordkorea unter anderem Nuklearprogramme und Flugkörper.

Zwangsarbeiter für die Bauten eines Sportfestes, das mit Völkerverständigung und Fairplay wirbt. Wie viel der FIFA ihre Werte bedeuten, offenbarte Infantino kurz vor dem Turnierstart. Der FIFA-Präsident bedankte sich im Namen der gesamten Fußballwelt bei Russlands Präsident Putin für sein Engagement und für das Gefühl, mit ihm in einem Team zu spielen. Bei dieser WM, so Infantinos Botschaft, ist demnach alles verhandelbar.

Stand: 20.06.2018, 10:53